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Helmut Steinbrück und Peer Schmidt

Helmut Schmidt und Peer Steinbrück haben eine gewaltige Medien-Offensive gestartet. Auftritt bei ”Günther Jauch”, Spiegel-Titel und später großer Aufschlag in der Zeit. Es geht natürlich darum, das gemeinsame Buch “Zug um Zug” zu promoten. Aber das Buch selbst ist nur ein Vehikel um die Kanzlerkandidatur Steinbrücks festzuzurren. Die Unterstützung Helmut Schmidts ist das größte Geschenk, das ein Politiker bekommen kann. Denn der Alte hat das, was den Meisten fehlt: die berühmte Glaubwürdigkeit.

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Schon der Titel des Schmidt/Steinbrück-Buches ist genial doppelbödig. “Zug um Zug” heißt der Gesprächsband und der Umschlag zeigt die beiden beim Schachspiel. Zwei große Denker sind da am Werk, wird suggeriert, und zwar auf Augenhöhe, wie es so schön heißt. Dass die beiden gerne Schach spielen wird immer gerne kolportiert – auch bei “Günther Jauch” – und Helmut Schmidt antwortet auf die reflexhafte Medienfrage, wer denn nun besser sei, stets mit einem Fingerzeig auf Steinbrück. Schach, das Spiel der Könige, der Denker und Strategen – ein besseres Bild lässt sich kaum finden, um Seriosität und Kompetenz zu vermitteln.

Aber der Buchtitel funktioniert noch auf einer zweiten Ebene: Steinbrück ist, wie Schmidt, Raucher. “Gelegenheitsraucher” zwar, wie er bei Jauch zu Protokoll gab, aber die beiden kokettieren mit ihrem Laster für die Nikotinstengel immer wieder gerne. Auch im Spiegel-Gespräch, an dessen Ende Steinbrück seinen Mentor Schmidt um eine Zigarette bittet. “Zug um Zug” ist also auch eine Anspielung auf das Rauchen. Das Rauchen von Zigaretten ist eine Schwäche, die Menschlichkeit dokumentiert, eine lässliche Sünde dieser Leute, die sich aufopfern, um wenn nicht die Welt, so doch zumindest Deutschland zu retten. Vor den Banken, vor der Euro-Krise, vor dem Terrorismus, vor der Beliebigkeit. Es gibt ja so viel zu tun!

Das Rauchen von Zigaretten hat dabei etwas herrlich Altmodisches und gleichzeitig Unangepasstes. Bei den Älteren werden Erinnerungen an Zeiten wach, als es noch Usus war, dass in deutschen Talkshows gequalmt wurde wie in der Eckkneipe. Das war die berühmte “gute alte Zeit”, die bei genauerer Sicht zwar so gut auch nicht immer war, aber Schwamm drüber. Und für die Jüngeren demonstriert die Raucherei eine Art Rebellion, ein Freidenkertum. Immer wieder werden die Anekdoten von Helmut Schmidt erzählt, wie er sich seine Menthol-Zigaretten (sympathische Schrulligkeit!) nicht verbieten lässt aber dann, ganz korrekter Staatsbürger, das fällige Bußgeld zahlt.

So entsteht, Zug um Zug, ein Bild des perfekten Staatsmannes. So ganz anders als die heute dominierende Generation der Softie-Politiker vom Schlage eines Norbert Röttgen oder Philipp Rösler (wobei es da gewiss auch graduelle Unterschiede gibt). Bei “Günther Jauch” waren die Qualitäten Helmut Schmidts besonders augenfällig, weil auf dem gleichen Platz vor kurzem noch die Kanzlerin saß und sich redlich mühte, den aktuellen Schlingerkurs in Sachen Euro zu verkaufen. Merkel machte dabei keinen schlechten Job, aber gegen das Fluidum des Weltökonomen, das Schmidt aus jeder Pore ausdampft, kann Angela Merkel mit ihrem Politik-Experimentierkasten keinen Blumentopf gewinnen.

Helmut Schmidt ist eben ein echtes Phänomen und keines, das nur von Medien herbeifantasiert wurde. Zum einen weil er mit der geballten Lebenserfahrung eines 92-Jährigen in der Tat noch unglaublich geistig fit ist. Und weil er Zuspruch in der Bevölkerung genießt, wie kein zweiter. Egal ob alt oder jung, Akademiker oder Arbeiter – Helmut Schmidt finden alle gut. Und es ist keine Frage, dass er, wäre er jünger, mit großer Mehrheit zum Kanzler gewählt werden würde. Aber weil das physisch nicht möglich ist, macht Schmidt das in seinen Augen zweitbeste und schickt seinen jüngeren Bruder im Geiste ins Rennen, eine Art Helmut Steinbrück.

Aber warum starten die beiden ihre Kampagne gerade jetzt, zwei Jahre vor der nächsten Bundestagswahl. Vielleicht hat Helmut Schmidt ja Sorge, dass er in zwei Jahren nicht mehr da sein könnte, um Steinbrück zu protegieren oder nicht mehr in der Lage dies mit der jetzt noch möglichen geistigen Klarheit zu tun – zum Zeitpunkt der nächsten Wahl wäre er immerhin 94!

Also nutzt er die Gelegenheit, um jetzt eine Art politischen letzten Willen zu Gunsten Peer Steinbrücks zu formulieren. Auf dass kein Anderer es künftig für sich beanspruchen kann, im Sinne Helmut Schmidts anzutreten. Für Steinbrück birgt dieser Schachzug das Risiko, dass eine mögliche Kanzlerkandidatur vom Heer der Mittelmäßigen in innerparteilichem Gezänk zerrieben wird. Schon einen Tag nach dem publizistischen Eröffnungszug stimmt der Chor der Mediokren das maulige Lied vom “Ego-Trip” an.

Nach den aktuellen Auftritten des dynamischen Bellheim-Duos Schmidt/Steinbrück kann es aber keinen Zweifel mehr daran geben, dass es Steinbrück ernst ist mit seinen Kanzler-Ambitionen. Der Steinbrück ist nicht ganz so alt und nicht ganz so erfahren wie der Schmidt. Er raucht nicht ganz so viel und sein Humor ist nicht ganz so feinsinnig. Er ist vielleicht auch nicht ganz so messerscharf in seinen Analysen.

Aber er will es wissen. Und Schmidt sagt, er kann es. Und nun fährt Steinbrück eben auf dem Ticket, der beste Helmut-Schmidt-Ersatz zu sein, den die Republik realistischerweise noch kriegen kann, eine Art Schmidt-Light. Gut möglich, dass das reicht.

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