Der Spiegel und Kerners „Glitschigkeit“

Seit 1. Oktober gehört der Berliner Medienjournalist Stefan Niggemeier zum Autoren-Team des Spiegels, jetzt startet seine wöchentliche Kolumne "Niggemeiers Medienlexikon". Der erste Teil dürfte nicht bei allen im neuen Spiegel-Hochhaus gut ankommen. Der Text befasst sich mit der Einstellung des Sat.1-Magazins "Kerner", das von einer 100prozentigen Spiegel TV-Tochter produziert wird: Unter dem Begriff "kernern" verstehe man u.a. das "Produzieren von Glitschigkeit in Interviews".

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Die komplette Definition des Ausdrucks liest sich so: "das Produzieren von Glitschigkeit in Interviews durch permanente Selbstdistanzierung, übertriebenen Gebrauch von Floskeln sowie demonstrative Unterwürfigkeit bis an die Grenze der Arroganz". Weiterhin stehe der Begriff – so der Autor – dafür, aus einem "seltenen Moment der Selbsterkenntnis" Konsequenzen zu ziehen, "auch: den Kerner machen". Dazu muss man wissen: Spiegel TV Infotainment ist langjähriger Produzent der Kerner-Shows und betreute den Moderator bereits zu ZDF-Zeiten. Infolge der Einstellung der Sendung wird dort voraussichtlich ein Großteil der 40 Beschäftigten den Job verlieren.
Bei den Verantwortlichen wird der Artikel im neuen Spiegel wohl als schwer nachvollziehbare und wenig faire Selbstkasteiung empfunden werden. Zudem scheint die Definition auch nicht unbedingt präzise. So soll der Moderator in einer Ansprache gegenüber seinem Produktionsteam erklärt haben, er sei von der Einstellung der Sendung überrascht worden. Die Frage, die in der Branche ohnehin diskutiert wird, ist also, wer hier "den Kerner gemacht" hat, Moderator oder doch eher der Sender.
Vielleicht liest sich deshalb der dem neuen Autor gewidmete Absatz in der Hausmitteilung wie eine Beschwichtigung möglicher Kritiker im eigenen Haus. Dort schreibt die Chefredaktion: "Als Blogger begründete Stefan Niggemeier, 41, sein Renommee: Unabhängig und unbestechlich war sein Blick auf die Medienlandschaft – auch auf den SPIEGEL". Nun ja: Seinen Ruf begründete Niggemeier dann doch eher als Chef der Medienseite der Frankfurter allgemeinen Sonntagszeitung und Feuilleton-Schreiber der FAZ, was die Hausmitteilung verschweigt. Der Hinweis auf die Verdienste als Blogger könnten ein Hinweis darauf sein, dass der raue Wind der Webkritik künftig auch von der Medienseite des Spiegel weht – man darf gespannt sein, was in Niggemeiers Medienlexikon in mehr oder weniger eigener Sache noch durchbuchstabiert werden wird.
In der aktuellen Ausgabe des Nachrichtenmagazins ist die neue Kolumne allerdings nicht der einzige Text von Niggemeier. In einem Essay („Fetisch Transparenz“) beschäftigt sich der Autor mit den Chancen und Risiken totaler Transparenz in der Internet-Ära.

    

   

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