„Tatort“: Jeder ist schuldig, irgendwie

Wenn Berlin in Filmaufnahmen den Eindruck erweckt, es hätte gefühlt nur eine Handvoll Einwohner, dann hat man wahrscheinlich den "Tatort" eingeschaltet. Der auf schwere Stoffe, lichtarme Kamera-Einstellungen und schleppende Dialoge programmierte ARD-Krimi läuft am Sonntagabend unter dem Titel "Mauerpark". Es gibt zwar genre-üblich Leichen, Verdächtige und am Ende auch einen Täter. Aber sonst ist alles anders: Auf den Berliner "Tatort" muss man sich einlassen und ihn mögen - was diesmal nicht einfach ist.

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Am Ende des "Tatorts" aus der Hauptstadt hält jemand ein Demo-Schild in die Höhe auf dem nur ein Wort steht: Schuld. Davor rauschen unablässig die Lichter der Autos auf der Stadtautobahn hin und her wie leuchtende Kugeln eines DNA-Strang-Modells. Dieses Bild fängt Grundthema und Stimmung des Krimis "Mauerpark" ein, und mancher Zuschauer wird erleichtert sein, dass mit dieser Kameraeinstellung alles vorbei ist.
Der Berliner "Tatort" ist bekannt für seine schweren Themen, aber auch für diese Verhältnisse bietet die aktuelle Episode schwere Kost. Das Erzähltempo des Falls ist quälend langsam, der Plot im Mikrokosmos einer zerissenen Familie angesiedelt, deren Mitglieder von der eigenen Vergangenheit eingeholt werden. "Die zweite Chance" ist der Name eine Stiftung der vermögenden Hauptdarsteller, die Straftätern und Gestrauchelten den Weg zurück in die Gemeinschaft ebnen soll. Die Protagonisten selbst scheitern auf diesem Weg und zerstören ihr Leben selbst, jeder auf seine Art und Weise.
Die Geschichte beginnt mit einem Fall, der nach Routine im Alltag eines Mord-Kommissars aussieht: Auf dem Gelände des Berliner Mauerparks wird eine Leiche gefunden. Das Opfer: der bekannte Anwalt Simon Herzog (Christoph Gareisen). Die Kommissare Till Ritter (Dominic Raacke) und Felix Stark (Boris Aljinovic) begeben sich auf Spurensuche am Tatort und werden dabei von einem herumstreunenden jungen Mann beobachtet, der wirr redet. Dabei handelt es sich um Lukas Vogt (Robert Gwisdek), der auf dem Schrottplatz im Mauerpark nicht nur arbeitet, sondern auch lebt.
Doch während ihrer Ermittlungen tauchen die beiden Kripoleute immer tiefer ein ins Dickicht der Vergangenheit der nur nach außen intakten Industriellenfamilie. Bei der Suche nach dem Mörder überführen Ritter und Stark jede Menge Schuldige, und wer immer einen Plan verfolgt, bestraft sich am Ende selbst. Und diesmal verbüßt der Täter seine Strafe bereits vor der Tat. So eine Story kann im besten Fall großes Kino bieten, sie kann aber auch – wie hier – in ein ermüdend-verworrenes Psycho-Schach ausufern, bei dem der Zuschauer am Ende vergisst, wer eigentlich wen auf dem Gewissen hat. Das ist das eigentliche Problem: Bei diesem "Tatort" wirken die Bilder, die Handlung bleibt blass. Und zu all dem menschlichen Elend senken selbst die im Mauerpark grasenden Pferde weise die Köpfe…
"Das ist das Tückische an der Wahrheit", sagt einer der Akteure am Ende, "es existieren meist zwei gute Versionen". Auch das trifft den Kern: Der Berliner "Tatort" wirkt trotz toller Darsteller leider zu konstruiert, um gut zu sein.

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