„Gaddafi-Fotos ethisch nicht vertretbar“

Mit der Meldung vom Tode Gaddafis standen viele Blattmacher vor der Frage, ob man ein Foto des getöteten Diktators zeigen sollte oder nicht. "Das ist meiner Ansicht nach auch eine ethische Entscheidung", sagt Elke Grittmann. Im MEEDIA-Interview erklärt die Forscherin für visuelle Kommunikation, warum die Bilder keine reinen Dokumente der Zeitgeschichte sind, welche Zeitung das beste Titelblatt wählte und warum für Medien die Gefahr im Fall Gaddafi groß ist, instrumentalisiert zu werden.

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Die Tageszeitungen sind mit der Nachricht vom Tod Gadaffis unterschiedlich umgegangen: Einige zeigten das Bild des tödlich verletzten Diktators, andere bildeten ihn zu Lebzeiten oder in einem Comic ab. Wie bewerten Sie das?
Die unterschiedliche Verwendung der Bilder in den Zeitungen läuft eindeutig entlang der Trennlinie zwischen Boulevardjournalismus und Qualitätsjournalismus. Am Vortag macht die Bild-Zeitung noch G"ute Laune" mit den "100 besten Witze(n)". Am nächsten Tag bringt das Blatt die Fotos des verletzten Gaddafi bei seiner Festnahme und schließlich von seiner Leiche. Gerade an der absurden Themensetzung der Bild zeigt sich, dass es hier nur vordergründig um Information, vor allem aber um Unterhaltung geht, sei sie zum Lachen (100 Witze) oder zum Schocken, wie im Fall vom Tod Gaddafis. Regionale und überregionale Tagespresse haben auf solche Schockeffekte verzichtet. Das ist meiner Ansicht nach auch eine ethische Entscheidung, denn die Bilder sind an den Kiosken und Zeitschriftenläden für alle, auch Kinder, sichtbar. Im Internet zögern allerdings auch Qualitätsmedien nicht, in ihren Bildergalerien die Leiche oder die Aufnahmen der Festnahme zu zeigen. Sie sind jedoch eingebettet, nicht sofort sichtbar und im Kontext ist die dokumentarische Funktion auch glaubwürdig.

Welches Titelblatt halten Sie für besonders gelungen? Welches ist aus Ihrer Sicht bedenktlich?
Interessant ist, dass die Tageszeitungen doch unterschiedliche Strategien wählen. Die überregionale Presse – wie FAZ, SZ oder Neue Zürcher Zeitung – zeigt jubelnde Libyer oder Libyerinnen. Sie berichtet damit sehr nachrichtlich über die Reaktionen im Land und ordnet damit auch die Bedeutung des Ereignisses bereits ein. Andere Zeitungen wählen Aufnahmen von Gaddafi zu seinen Lebzeiten, die ihn als machtgierigen oder grotesken Despoten zeigen. Bilder von zerstörten Gaddafi-Bildern, wie sie das Hamburger Abendblatt oder die Augsburger Allgemeine publiziert haben, oder Graffitis, die seine Tötung plakativ darstellen, finde ich insofern interessant, als sie die Tötung indirekt thematisieren und gleichzeitig den Zusammenhang zu Protest, Aufständen und Kämpfen herstellen. Diese Bilder von Bildern sind Aufnahmen ikonoklastischer Akte, in denen sich die Wut symbolisch entlädt. Die Veröffentlichung der Bilder in der Boulevardpresse ist dagegen einfach nur sensationalistisch.

Im internationalen Vergleich fällt auf, dass die deutsche Presse sich bei der Bildauswahl und den Überschriften zurückgehalten hat. Woran liegt das?
Der Tod Gaddafis ist international in vielen Medien Titelthema. Die Visualisierungstrategien von Boulevard- und Qualitätspresse sind auch in vielen anderen Ländern ähnlich: Sensationalismus im Boulevard, wie in der britischen Daily Mail, nachrichtliche Berichterstattung in der qualitätsorientierten Tagespresse, wie beispielsweise in der New York Times. Eine Ausnahme gibt es jedoch: Sowohl die britische Boulevardpresse als auch die Qualitätszeitungen wie The Guardian haben die Bilder des schwer verletzten Gaddafi auf dem Titel gezeigt. Solche Bilder sind eben nicht nur Dokumente, sie werden, gerade in Konflikten, instrumentalisiert, um den Gegner zu entwürdigen und zu demütigen. Diese Veröffentlichungen sind eine Antwort auf den Gaddafi zugeschriebenen Terroranschlag in Lockerbie.

Welche Rolle spielen Headlines in diesem Zusammenhang?
Es sind nicht nur die Bilder, die entweder nachrichtlich oder sensationalistisch wirken. Gerade die Boulevardpresse setzt unterschiedliche Mittel ein, um zu dramatisieren. Dazu gehört vor allem eine reißerische Sprache in den Headlines.

Ist das Foto des toten Gaddafi als Dokument der Zeitgeschichte zu werten?
Die Bild-Zeitung hat die Aufnahme des verletzten Gaddafi als „ein Foto, das Geschichte schreiben wird“ betitelt. Es ist nicht das Foto, das Geschichte schreibt, das Ereignis selbst ist von Bedeutung. Die Bilder dienen im Moment als Beweis für den Tod, die Funktion erfüllen sie allerdings nur, wenn sie entsprechend aus glaubwürdiger Quelle stammen. Welches Bild wirklich in das Bildgedächtnis einer Zeit eingeht, entscheidet sich erst in der weiteren Entwicklung der Ereignisse. In unserer visualisierten Mediengesellschaft gibt es jedoch inzwischen eine eigene Bildtradition des Sturzes von Diktatoren, wie beispielsweise den Aufnahmen der Erschießung des rumänischen Diktators Ceausescu oder der Erhängung von Saddam Hussein. Sie gehören zu unserem aktuellen Bildbestand von Revolutionen ebenso wie die Bilder des Jubels und der Befreiung.

Wie viel Blut ist für die Leser auf einem Bild zumutbar? Welche Wirkung hat das auf die Leser?
Es geht hier nicht nur um die Frage von sichtbarem Blut, sichtbarer Gewalt. Diese Bilder sind keine reinen Dokumente der Zeitgeschichte, sie sind selbst Teil des Gewaltaktes. Die Person, in diesem Fall Gaddafi, wird nicht nur körperlich hingerichtet, sondern durch die Aufnahme auch öffentlich. In den Medien wird Diktatoren die letzte Würde abgesprochen. Bis heute wird die Tötung des Gegners oder Zurschaustellung von dessen Leiche auch benutzt, um diesen zu entwürdigen. Heute läuft diese Zurschaustellung über Fotos und Filme und erreicht damit eine viel größere Öffentlichkeit. Für Medien ist hier die Gefahr sehr groß, nicht nur zu dokumentieren, sondern selbst auch instrumentalisiert zu werden. Ich habe den Eindruck, dass die meisten Medien um diese Problematik wissen und die Bilder eben deshalb auch nicht veröffentlichen.

Gibt es in der Bildauswahl rechtliche Grenzen?
Über die Zumutbarkeit muss jedes Medium in jedem Fall neu entscheiden. Das hängt von der Relevanz des Themas ab. Dennoch können die Medien nicht nur zeigen, was sie wollen. So gibt es rechtliche Regeln des Persönlichkeitsschutzes. Allerdings gelten für Personen der zeitgeschichte Ausnahmen. Dennoch: Im deutschen Pressekodex heißt es unter Ziffer 11: „Die Presse verzichtet auf eine unangemessen sensationelle Darstellung von Gewalt, Brutalität und Leid.“ Und weiter fordert der Pressekodex: „Bei der Platzierung bildlicher Darstellungen von Gewalttaten und Unglücksfällen auf Titelseiten beachtet die Presse die möglichen Wirkungen auf Kinder und Jugendliche.“ Natürlich ist das öffentliche Interesse am Tod Gaddafis vorrangig. Ich halte es dennoch für ethisch nicht vertretbar, wie die Boulevardpresse hier mit den Bildern auf den Titeln umgegangen ist.

Elke Grittmann ist zurzeit Vertretungsprofessorin am Insitut für Kommunikationswissenschaft an der Universität Münster. Einer ihrer Forschungsschwerpunkte ist Bildjournalismus.

Hier geht es zu der Galerie mit den Gaddafi-Titelseiten

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