Die Medientage und ein Gottschalk-Buch

Mit der Woche gehen auch die Medientage München zu Ende. Zeit für eine kleine Nachlese bzw. ein paar Beobachtungen am Rande. Aber es gab noch mehr Bemerkenswertes in dieser Woche außer einem Medienkongress in Bayern. Zum Beispiel, dass der frühere Sport-Bild-Chef Pit Gottschalk jetzt teure englischsprachige Anleitungsbücher für Newsrooms schreibt. Oder den sehenswerten Film "Homevideo" samt anschließender Diskussion bei "Anne Will" in der ARD.

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Aber zunächst Medienwandel live. Die iPhone- und iPad-Dichte im Münchner Nahverkehr ist bemerkenswert. Bei Fahrten mit der U-Bahnlinie 2 zu den Medientagen waren in den Wagen meist mehr Menschen zu beobachten, die auf ihr iPhone starrten als solche, die eine gedruckte Zeitung lasen. Auch das iPad konnte man in der U-Bahn und in Restaurants oft in freier Wildbahn sichten. Das ist natürlich alles andere als repräsentativ, aber beeindruckend ist es schon. Vor allem auch, da gedruckte Zeitungen deutlich weniger in der U-Bahn konsumiert wurden als noch vor ein paar Jahren. Und: Fast alle gesichteten Geräte waren ein iPhone 4 oder ein iPad 2 inkl. dem schicken Roll-Cover. Mit einem ollen 3GS war man da schon ein echter iPhone-Opa. "Normale" Handys dagegen: kaum gesehen.
Ob die Print-Granden des Publishing-Gipfels auch mit der U-Bahn gekommen sind? Wahrscheinlich nicht. Gipfel-Teilnehmer und WAZ-Chefredakteur Ulrich Reitz wurde von Moderator Frank Thomsen auf dem Podium gefragt, wie zufrieden er eigentlich mit dem einst ambitioniert gestarteten Online-Projekt derwesten.de sei. Super zufrieden war er natürlich, der WAZ-Chef. Die Klickzahlen seien besser denn je usw. Alles in allerbester Ordnung. Fast gleichzeitig verschickte der WAZ-Konzern eine Pressemitteilung, die im Kern besagte, dass die Online-Dachmarke derwesten.de beerdigt wird und die Zeitungen im neuen Jahr wieder unter eigenem Namen im Netz auftreten. Natürlich bleibt die "Dachmarke derwesten.de" erhalten – wird aber im Prinzip überflüssig und garantiert über kurz oder lang ganz in der Versenkung verschwinden.

Was beim Messe-Rundgang über die Medientage auffiel war, dass es gar keinen Stand der Deutschen Presseagentur (dpa) gab, obwohl sie online noch als Aussteller verzeichnet war. In dem gedruckten Ausstellerverzeichnis fehlte die dpa aber auch. Eine Nachfrage bei der Pressestelle der Medientage ergibt: Die dpa wollte kommen, hat es sich dann aber anders überlegt. Zwischen den Ständen machten Gerüchte die Runde, die Absage der dpa könnte etwas damit zu tun haben, dass der ihr zugewiesene Standplatz zu dicht an dem von Erz-Konkurrent dapd lag.

Die Kongress-Organisation der Medientage war zwar professionell und das Essen lecker (u.a. Falafel), es ging aber auch ein bisschen pingelig zu. Immer wieder kam es zu Problemchen, weil Leuten z.B. der Zugang zum Pressebereich verwehrt wurde. Presse-Akkreditierungen galten jeweils nur für einen Tag, zahlende Besucher (Tagesticket immerhin 195 Euro) wurden für die Garderobe extra zur Kasse gebeten und kostenfreies WLAN gab es auch nur im Presse-Bereich. Das war für einen Kongress der ach so lockeren Medienbranche dann in Summe doch alles ein kleines bisschen kleinkariert.

Aber genug jetzt von den Medientagen, anderes Thema: Was macht eigentlich Pit Gottschalk so? Der frühere Sport-Bild-Chef und Büroleiter von Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner leitet nach wie vor das Vorstandsbüro Zeitungen bei Springer. Nebenher findet er genug Zeit, sich als Autor zu betätigen. Jetzt hat er via Twitter sein neues Werk im Selbstverlag angepriesen: “The Heart of a Morning Paper beats online” heißt der bei Lulu.com erschienene, 106-seitige Band über “Content Workflow in modern Newsrooms”. Und das mit dem Paid-Content hat er offenbar auch verinnerlicht: Das schmale Buch kostet bei Amazon relativ üppige 29,95 Euro. Nicht direkt ein Schnäppchen. Qualität hat halt ihren Preis.

In der ARD lief am Mittwoch der mit Lob überschüttete Film “Homevideo” zum Thema Cybermobbing. Und was soll man sagen: Der Film war wirklich öffentlich-rechtliches Qualitäts-Fernsehen vom Besten. Tolles Drehbuch, tolle Regie, tolle Schauspieler. Und die Diskussion zum Thema hinterher bei “Anne Will” war auch sehr sehenswert (u.a. mit Anke Domscheit-Berg, der Ehefrau des Wikileaks-Abtrünnigen Daniel Domscheit-Berg). Nur die Quote, die war mies. “Homevideo” hatte keine Chance gegen die aufgedrehten, dauergeilen Papst-Intriganten von den “Borgia” beim ZDF. Ist ja aber auch kein Wunder, wenn die Bild für den Film mit Zeilen wie “Nackt, nackter, Borgia” trommelt. Quote hin oder her: Für genau solche Filme und Diskussionen wie am Mittwoch “Homevideo” und “Anne Will” sind die Öffentlich-Rechtlichen da. Gerne mehr davon.
Schönes Wochenende!

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