Angela Merkel – die YouTube-Kanzlerin

Die Bundesregierung hat bei Googles Video-Plattform YouTube einen eigenen Kanal eingerichtet. Über den YouTube-Kanal der Regierung sollen Bürger auch direkt Fragen an Politiker stellen können. Den Anfang beim “Bürgerinterview” macht standesgemäß die Chefin persönlich. Bis zum 7. November können Bürger Fragen an Bundeskanzlerin Angela Merkel einreichen und bewerten. Die Top Ten der Bürger-Fragen wird die Kanzlerin dann, ebenfalls per Video, beantworten.

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Die Einführung beim YouTube-Kanal der Regierung spricht, natürlich, Regierungssprecher Steffen Seibert. Und hier zahlt sich aus, dass die Kanzlerin einen ehemaligen TV-Journalisten zu ihrem Sprecher gemacht hat. “YouTube, Facebook, Twitter. Das alles hat unseren Alltag verändert, hat verändert wie wir miteinander reden und es verändert notwendigerweise auch wie die Bundesregierung mit ihnen, den Bürgern kommuniziert”, spricht Seibert in die Kamera und man fühlt sich in die Zeiten zurückversetzt, als er die “heute”-Nachrichten im ZDF moderiert hat.

Die Spielregeln für das Bürgerinterview mit der Kanzlerin sind relativ einfach. Jeder kann schriftlich oder in Form eines Videos eine Frage über den YouTube-Kanal der Regierung stellen. Schriftliche Fragen dürfen maximal 250 Zeichen lang sein, ein Video darf maximal eine Minute dauern, die Fragesteller müssen Angela Merkel in ihrer Funktion als Bundeskanzlerin adressieren und  die Netiquette sowie die YouTube-Richtlinien beachten. Bis zum 7. November können Fragen gestellt werden, bis zum 13. November kann man über die Fragen abstimmen und ab 18. November wird die Kanzlerin die “Top Ten” der Fragen dann via YouTube beantworten.

Bisher wurden etwas über 400 Fragen online gestellt und es wurde über 20.000 mal abgestimmt. Mit Bekanntwerden der Aktion dürfte das noch deutlich mehr werden. Die bisherigen Top-Fragen drehen sich vor allem darum, warum es nicht mehr direkte Demokratie und Bürgerbeteiligung gibt und es geht viel um Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft und natürlich die Euro-Krise.

Dass die Regierung einen YouTube-Kanal zu eröffnet, ist in mehrerer Hinsicht bemerkenswert. Zum einen wird spannend, und für den weiten Verlauf des Projekts entscheidend, wie Angela Merkel auf die Fragen der Nutzer antwortet. Sie kann hier viel an der begehrten Glaubwürdigkeit gewinnen aber auch verlieren. Die hölzerne Präsentation ihres Video-Podcasts hat der Kanzlerin in Summe wahrscheinlich mehr geschadet als genutzt.

Spiegel Online sieht die Kanzlerin wegen des neuen Video-Kanals gar schon auf “Piraten-Kurs”. Will heißen: Die Regierung versucht der aufstrebenden Piraten-Partei mit einer verschärften Online-Offensive den Wind aus den Segeln zu nehmen. Diese Argumentation greift freilich zu kurz. Würde die Bundesregierung solche Projekte wie das “Bürgerinterview” sein lassen, könnte man ihr zurecht Tatenlosigkeit und fehlende Kommunikations-Kompetenz vorwerfen.

Seit Medienprofi Steffen Seibert die Kommunikationsgeschäfte der Kanzlerin führt, hat sich da einiges getan. Seiberts Twitter-Account ist populär und eine sinnvolle Ergänzung der Kommunikationsarbeit. Für den jetzt gestarteten YouTube-Kanal könnte bald ähnliches gelten. Die Regierung bedient sich hier denselben Mitteln wie Schauspieler oder Musikstars. Während Lady Gaga via Twitter den direkten Draht zu ihren Fans hält, sucht die Kanzlerin den ungefilterten Kontakt zum Wahlvolk. Die Mittel der Wahl in Politik und Showbiz gleichen sich.

Zum anderen ist bemerkenswert, dass sich die Regierung bei dem Video-Kanal ausgerechnet der Services von Google bedient. Das unterstreicht die absolut beherrschende Stellung des US-Konzerns, was Web-Dienstleistungen und Web-Videos betrifft. Nicht umsonst nennt Regierungssprecher Seibert in seinem Einführungsvideo mit dem Social-Media-Dreigestirn YouTube, Twitter und Facebook drei US-Unternehmen. Deutsche Firmen spielen im globalen Social Web nur eine untergeordnete bis gar keine Rolle. Und während hiesige Medienunternehmer z.B. auf den Münchner Medientagen lamentieren und von der Politik eine stärkere Regulierung von Google einfordern, lässt sich die Kanzlerin auf der Google-Plattform YouTube von Bürgern befragen. Allzuviel Schützenhilfe gegen Google sollten sich die Medienmacher von der YouTube-Kanzlerin nicht erhoffen.

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