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Störfeuer vom digitalen Schmuddelkind

Print ist tot. Zumindest als Gipfel-Veranstaltung bei den Münchner Medientagen. Der traditionelle Print-Gipfel am zweiten Kongress-Tag wurde diesmal umbenannt in Publishing-Gipfel. "Aber sonst ändert sich nix", beruhigte der Moderator, stern.de-Chefredakteur Frank Thomsen, gleich zu Beginn. Und er behielt fast Recht. Für frischen Wind bei den Publishern sorgte dann ausgerechnet ein Onliner: Peter Hogenkamp, Leiter Digitale Medien bei der Neuen Zürcher Zeitung.

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"Kein Mensch twittert hier im Raum. Das macht mir Sorgen!", regte sich Hogenkamp gleich in seinem Eingangs-Statement auf. Das Twitter-Schweigen mag auch daran gelegen haben, dass es die Veranstalter der Medientage nicht geschafft haben (oder nicht wollten?), ein kostenfreies WLAN-Netz für die Teilnehmer zur Verfügung zu stellen – eigentlich mittlerweile eine Selbstverständlichkeit bei solchen Kongressen. Dafür twitterte dann Hogenkamp selbst, während die übrigen Podiumsteilnehmer, Philipp Welte von Burda, Zeitungsverleger-Verbandspräsident Helmut Heinen, WAZ-Chefredakteur Ulrich Reitz, sueddeutsche.de-Chef Stefan Plöchinger und Neon-Chefredakteur Michael Ebert Altbekanntes austauschten.

Philipp Welte beschwor einmal mehr die Bedeutung von der berühmten "journalistischen Qualität", Innovationen und Kreativität und er geißelte, auch nicht zum ersten Mal, die destruktive Ader der eigenen Branche. Ansonsten kann sich Welte auf Nachfrage von Frank Thomsen vorstellen, dass die internationale Zeitschrift "Harper’s Bazaar" gut zu Burda passe. Angeblich verhandelt der Verlag gerade um eine entsprechende Lizenz für den deutschen Markt.

Michael Ebert von Neon erläuterte, dass die Ausrede, dass eine bestimmte Zielgruppe nicht mehr zu erreichen sei, nicht gelte. Neon erreiche schließlich auch eine der angeblich schwierigsten Zielgruppen überhaupt. Helmut Heinen beschwor das Erfolgsprinzip "Wundertüte" für gedruckte Zeitungen. Ulrich Reitz verkündete, dass die WAZ gerade ihre NRW-Zeitungen in einem General-Relaunch von Top-Designer Lukas Kircher überarbeiten lasse und nutzte die Gelegenheit, ein bisschen bei Burda-Vorstand Welte zu antichambrieren: "Herr Welte, nicht oft erlebe ich einen Geschäftsführer, der solch ein Plädoyer für Qualität abliefert wie Sie. Dafür vielen Dank."

Bevor es dann allzu selbstzufrieden wurde, kam zum Glück noch einmal Querulant Hogenkamp zu Wort: "Keiner weiß, wie lange Print Bestand haben wird. Die Hypothese, dass irgendwann die Leute Tageszeitungen nicht mehr auf Papier lesen, können wir nicht ausschließen. Deshalb müssen wir an einem Ersatzprodukt arbeiten. Davon sehe ich kaum etwas." Die eigene Zeitung, die altehrwürdige NZZ nahm er dabei nicht von der Kritik aus: "Unser Online-Produkt ist heute viel schlechter als die Zeitung." Das liege zum einen daran, dass für die Print-Zeitung noch ungleich mehr Leute arbeiten, aber auch am Selbstverständnis der Print-Redakteure. "Die Print Redakteure sagen: Ich schreibe für die Zeitung. Ich sehe, dass sich das Mediennutzungsverhalten ändert. Gleichzeitig denken wir in den Redaktionen: Unser Produkt ist doch super, wir machen alles weiter wie bisher."

Hogenkamp plädierte dafür, einen Spagat zwischen schnellen News und Orientierung gebenden, langsamen Stücken zu versuchen. Gleichzeitig müsste die Qualität der Online-Inhalte deutlich gesteigert werden. "Wir müssen heute versuchen, rund um die Uhr viel mehr News in Zeitungsqualität zu machen", sagte er. Allein auf das iPad zu setzen, hält er für den falschen Weg: "Die Leute verrennen sich, was das iPad angeht." Alle Inhalte auf allen Kanälen – das ist für den Onliner Hogenkamp zielführender. Er selber sehe sich mit seinen Ansichten als Digitaler auch in seinem Unternehmen immer noch ein bisschen als "Schmuddelkind". Die Medientage-Runden könnten mehr solcher Schmuddelkinder wie ihn gebrauchen.

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