Wie Rainer Esser den Zeit-Erfolg erklärt

Die Print-Branche stöhnt unter stetigen Auflagenverlusten und Die Zeit vermeldet regelmäßig Rekordzahlen. So auch jetzt wieder. Mit einer Gesamtauflage von 500.372 Exemplaren wurde gerade ein neuer Bestwert für ein drittes Quartal geknackt. Dasselbe gilt für die Magazine Zeit Wissen und Campus. Für den Geschäftsführer Rainer Esser liegt das Erfolgsgeheimnis vor allem in einem kollektiven Innovationswillen: "Wir denken uns fortwährend neue Dinge aus, ruhen uns nicht auf unseren Lorbeeren aus."

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Der Verlagsmanager gibt gegenüber MEEDIA jedoch auch zu, dass es "das eine Geheimnis nicht gibt." Aber im wesentlichen sei der Erfolg von dem hohen Engagement der Mitarbeiter geprägt, "die große Freude daran haben, für Die Zeit und ihren Erfolg zu arbeiten und miteinander zu arbeiten – unabhängig von ihrem Ressort oder ihrer Abteilung."

So seriös Die Zeit wirkt, so stark wurde die Marke in den vergangen Jahren erweitert und ausgebaut. Es gibt mittlerweile unzählige Veranstaltungen rund um die Marke, eine eigene Corporate Publishing-Tochter, einen Reiseveranstalter und eine Fortbildungsreihe. In Sachen Markenerweiterung sind die Hamburger – im Verhältnis – wohl ähnlich erfolgreich wie die Bild.

Esser glaubt, dass es der Zeit in den vergangen Jahren gelungen sei, sich "mit der Gesellschaft und mit ihren Lesern" zu verändern und nicht gegen sie. "Deshalb hat die Redaktion in den letzten Jahren zum Beispiel verschiedene neue Ressorts eingeführt, neue junge Mitarbeiter eingestellt, die einen anderen Blick auf die Welt haben oder Redakteure aus anderen Kulturkreisen. Stillstand und Scheuklappen für die Veränderungen in unserer Welt sind bei uns mit der Höchststrafe belegt."

Erfolgstitel: Zeit Wissen und Zeit Campus
Der von Esser beschriebene Innovationswille gilt "für das ganze Haus". Eine Aussage, die Sandra Kreft gegenüber MEEDIA nur bestätigen kann. Die Antwort der Gesamtleiterin von Zeit Wissen und Zeit Campus auf die Frage nach dem Erfolgsrezept ist – wen wundert es – höchst wissenschaftlich: "Wir sind immer sehr nah an unseren Lesern und ihrer Lebenswirklichkeit. Das können wir, weil wir intensiv mit unseren Lesern in Gesprächsrunden diskutieren und intensiv Marktforschung betreiben".

Der Erfolg dieser Bemühungen ist messbar. Das Wissensmagazin konnte seine Auflage um 6,9 Prozent auf 106.721 Exemplare steigern. Die Steigerung bei Abos liegt bei 9,9 Prozent und das Plus im Einzelverkauf bei 8,0 Prozent. Die Zahlen für das Uni-Blatt sind ähnlich positiv. So meldet die IVW für Zeit Campus im dritten Quaral 105.351 verkaufte Exemplare.

Campus und Wissen haben in der Leser-Ansprache einige Ähnlichkeiten, beim Vertrieb allerdings verfolgen beide Hefte höchst unterschiedliche Ansätze. Das Wissensmagazin wird ganz klassisch verkauft. Zeit Campus dagegen setzt sehr erfolgreich auch auf einen Direktvertrieb in Uni-Mensen.

Beide Hefte achten darauf, die Leser da abzuholen, "wo sie sich gerade befinden". Denn beide Magazine verkaufen sich stark über ihre Coverstorys. So ist die Auswahl des richtigen Titelthemas oftmals von entscheidender Bedeutung. Bei Zeit Wissen geht es lauft Kreft auf den Covern deshalb weniger um entlegene Grundlagenforschung, "sondern vielmehr um sehr praktische, alltagsrelevante Wissensthemen." Die Aufmacher kreisen um Ernährung, Psychologie, gesunde Lebensführung und Nachhaltigkeit. "Wir wissen von unseren Lesern, dass sie oftmals in einem dieser Themengebiete – von Berufs wegen – Experten sind, die anderen Geschichten aber mit genauso viel Freude lesen, um á jour zu sein."

"Bei unseren Geschichten achten wir sehr stark darauf, einen besonderen Mix aus Nutzwert und wissenschaftlicher Tiefe in verständlicher Sprache zu liefern. Über allem steht natürlich der Qualitätsanspruch der Zeit, der für alle Produkte, auch unsere Magazin-Marken sehr wichtig ist", sagt die Magazin-Chefin, die auch für neue Geschäftsfelder verantwortlich ist. Zudem ist der bewusste Einsatz von Serien ein kleines Erfolgsgeheimnis des populären Science-Heftes. "Dadurch ziehen wir ein Thema über mehrere Hefte. Im Idealfall folgen uns dann die Käufer über mehrere Monate".

"Zeit Campus funktioniert ganz ähnlich", sagt Kreft. "Auch hier achten wir wieder auf den richtigen Mix aus Nutzwert und sehr lebensnahen, emotionalen Stücken, wie z. B. ‚Wie soll ich mich entscheiden?‘ oder ‚Liebe oder Lebenslauf‘, die oft auch die schwierigen Seiten des Studentenlebens beleuchten."

Die Grenzen des Wachstums sehen sowohl die Magazin-Chefin, wie auch Esser noch nicht erreicht. "Es ist durchaus möglich, dass wir uns in einem Jahr wieder über ein zweistelliges Wachstum freuen können", sagt Kreft. Esser geht noch einen Schritt weiter. "Die Grenze des Wachstums ist die Grenze unserer Phantasie". Denn: "In einer Zeit, in der viele Ihrer Kollegen über eine Printkrise schreiben, hat Die Zeit die höchste Auflage und Reichweite seit Bestehen." Der Manager glaubt, dass den Auflagen schon natürliche Grenzen gesetzt sind, aber die heraufzubeschwören sei "Quatsch". "Stattdessen planen wir lieber den weiteren Ausbau unserer Reichweite, z.B. Auch dank und mit unserem sehr dynamisch wachsenden Online-Portal Zeit Online."

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