„Homevideo“: nervige Kettenreaktion

Die ARD versucht sich mit „Homevideo“ am Thema „Cyber-Mobbing“. Dabei grast der mit dem Deutschen Fernsehpreis 2011 ausgezeichnete „beste Fernsehfilm“ gleichzeitig auch noch typische Probleme eines 15-Jährigen ab: Erste Liebe, Pubertät, schwankende schulische Leistungen. Zudem kommt es noch zum Zusammenbruch der familiärer Strukturen. „Homevideo“ ist bei den Kettenreaktionen, die das sehr intime Video des Protagonisten Jakob im Netz auslöst, sehr konsequent. Das ist schrecklich vorhersehbar und oft unerträglich.

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Das Einzige, das zu Beginn überrascht: Jakob Moormann (Jonas Nay) spielt nicht den Außenseiter, der zwangsläufig zum Opfer wird, sondern einen ganz normalen 15-Jährigen. Wie wohl fast jeder in diesem Alter hat der Teenager mit den Symptomen seiner Pubertät zu kämpfen. Er hat ein paar halbstarke Freunde, schlechte Noten in der Schule und ist verliebt in seine Mitschülerin Hannah (Sophia Boehme). Neben seinem Hobby auf der Gitarre zu spielen und sich online im Chatroom aufzuhalten, pflegt er seine große Leidenschaft des Fotografierens und Filmens. Eine der ersten Sequenzen von „Homevideo“ ist die Aufnahme seines Zimmers. Das kommt gewollt düster mit vielen Schwarz-Weiß-Fotografien an der Wand und einigen technischen Geräten, darunter ein Laptop, eine Spiegelreflexkamera mit mehreren Objektiven und eine Videokamera, daher.
Was in den ersten Szenen des Films noch zu sehen und zu hören ist, sind Jakobs Eltern. Seine Mutter Irina (Nicole Marischka) und sein Vater Claas (Wotan Wilke Möhring) haben alle Hände voll zu tun, sich vorzuwerfen, wer der schlechtere Elternteil von beiden sei. Irina beschließt, sich von Class zu trennen. Während Jakob sich aus dem Trubel und dem Konfliktherd zu Hause weiter zurückzieht, packt die Krankenschwester ihre Sachen und zieht zu ihrer Freundin. Der 15-Jährige nutzt die Zeit, um seinem Schwarm Hannah näherzukommen. Nachdem sich die beiden nach der Schule mit dem Satz „Kommst du später noch ‚on‘?“ verabschieden, nimmt das Unheil seinen Lauf. Denn Jakob filmt sich zu Hause beim Onanieren.
Von da an kommt das eine zum anderen und irgendwie weiß man auch, was passieren wird. Die Mutter verleiht die Kamera an Jakobs Kumpels Erik und Henry. Die beiden – entzückt von der Entdeckung dieses wahren Schatzes – schwanken in ihren ungefestigten Moralvorstellungen darüber, was sie mit diesem wertvollen Gut anfangen können. Es folgt die Demütigung in der Klasse am nächsten Tag. Jakobs Versuch, die Kamera zurückzufordern, schlägt fehl. Henry erpresst ihn um 500 Euro. Jakobs Vater als pflichtbewusster Polizist erhofft sich, die Dinge auf seine Art regeln zu können und wohlmöglich so seinem Sohn wieder näherzukommen. Die Karte erhält Claas von Henry zurück, die Kopie – wie sollte es auch anders sein – auf dessen Computer selbstverständlich nicht.
Während sich Jakob noch in Sicherheit über die zurückgewonnene Speicherkarte wiegt und einen letzten schönen Tag mit seinem Vater, seiner Schwester Amelie und seiner Oma verbringt, rächt sich Henry. Eine Verbreitung über die Computer und die Handys der Schüler ist nicht mehr aufzuhalten. Als Hannah und deren Eltern das Video entdecken, kommt es zum Eklat: Eltern-Konferenz und Suspendierung von Jakob. Der will dort sowieso nicht mehr hin, denn dann könne er sich ja gleich umbringen, so der 15-Jährige. Der „durchs Dorf Getriebene“ erhält in den Chaträumen und in der Schule Hassbotschaften. Eine andere Schule und rechtliche Schritte gegen den Täter scheinen die letzte Konsequenz.
Die Eltern sind auch in diesem Moment noch zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Sie können Jakob nicht helfen, so können sie ja nicht einmal sich selbst helfen. Jakobs Eltern sind überfordert, die Eltern der anderen sind hilflos und die Schule entzieht sich jeglicher Verantwortung. So wie die Verbreitung des Videos über alle mögliche Internetplattformen nicht aufzuhalten ist, sind es auch nicht die Reaktionen der Herumstehenden. Als Zuschauer möchte man eigentlich umschalten, so peinlich berührt ist man und so unerträglich ist das Handeln der pubertierenden Halbstarken und das Gezeter der Erwachsenen: „Fremdschämen“ auf neudeutsch.
So ist es nicht allein das „Mobbing“ oder „Bullying“ online wie offline, das zu dieser Kettenreaktion geführt hat, sondern die Strukturen um Jakob herum: Hätten die Eltern besser zugehört, wären es nicht die eigenen Freunde gewesen, die das Video online stellen und stünde die Freundin hinter ihm, wäre vielleicht ein anderes Ende möglich. So ist der Film jedoch konsequent. Aber das ist vielleicht auch dessen Stärke. Fraglich ist nur, ob der Zuschauer bis zum Finale durchhält.
„Homevideo“ wurde als „bester Fernsehfilm“ mit dem Deutschen Fernsehpreis 2011 ausgezeichnet. Das liegt wohl größtenteils daran, dass er als erster deutscher Fernsehfilm das Thema „Cyber-Mobbing“ behandelt. Abgesehen davon ist der Plot ein alter Hut, „Mobbing“ gibt es auch schon lange, nur eben ohne „Cyber“. Dafür, dass man bereits nach kurzer Zeit erahnen kann, was passieren wird, ist der Film teilweise zu langatmig.
Neben der Auszeichnung zum „besten Fernsehfilm“ erhielt Jonas Nay für seine Hauptrolle den Förderpreis. Zu Recht. Der Jungschauspieler verstand es, die Figur realitätsnah und glaubwürdig umzusetzen. „Homevideo“ bewegt sich wahrscheinlich nah an der Wirklichkeit. Dem Thema, das sich der Film auf die Fahne geschrieben hat, wäre mit einer vielseitigen Dokumentation doch vermutlich besser gedient gewesen.
In der anschließenden Talkshow „Anne Will“ wird die Moderatorin im Anschluss über das Thema „Cyber-Mobbing“ unter anderem mit dem Drehbuchautor Jan Braren sprechen. Welch Ironie: Die Zuschauer sollen per Video-Chat sowie über Facebook und Twitter live mitdiskutieren können.

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