Der MDR – die entfesselte Anstalt

Wenn Karola Wille neue Intendantin des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) und Nachfolgerin von Udo Reiter wird, ist sie um ihre Aufgabe nicht zu beneiden. Am Wochenende berichteten Spiegel und Bild am Sonntag schon wieder von neuen Skandalen beim öffentlich-rechtlichen Affären-Sender Nummer eins. Laut Spiegel soll der MDR jahrelang Gebührengelder in dubiose Immobiliengeschäfte gesteckt haben. Und die BamS deckte auf, dass das MDR-Fernsehballett für den tschetschenischen Diktator die Beine schwang.

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Der jüngste Groß-Skandal um die undurchsichtigen Finanzgeschäfte des mittlerweile gefeuerten MDR-Unterhaltungschefs Udo Foht ist noch nicht einmal ansatzweise aufgeklärt, da trudeln schon wieder neue Skandal-Meldungen zum MDR herein. Besonders bestürzend sind die Enthüllungen des Spiegel, weil sie ins Grundsätzliche gehen, sozusagen die DNA des Senders betreffen. Dass der MDR in seinen Anfangstagen mit viel Geld an Finanzmärkten spekulierte und sich im Jahr 2000 mit einer Wette auf den ecuadorianischen Sucre kräftig verzockte, ist bekannt.

Der Spiegel dröselt nun auf, wie der Sender sich danach verstärkt in Immobilienfonds engagierte. Dabei wurden mit Hilfe von Fonds Sendergebäude errichtet, die dann aber nicht dem Sender gehörten, sondern von diesem für teures Geld zurückgemietet wurden. Ein Modell, das zum Beispiel auch Thomas Middelhoff für den KarstadtQuelle-Konzern praktizierte: Gebäude wurden an Fonds veräußert und dann für viel Geld an das Unternehmen zurückvermietet. Es profitieren bei solchen Finanz-Konstruktionen in erster Linie die beteiligten Banken und die Fonds-Investoren. Der Unterschied zwischen KarstadtQuelle, das später auf den Kunstnamen Arcandor hörte, und dem MDR: KarstadtQuelle war ein Privatunternehmen und ging Pleite. Der MDR ist eine öffentlich-rechtliche Anstalt, die mit Gebühren finanziert wird – er kann nicht pleite gehen.

Für Investoren ist das eine Traum-Konstellation. Für die Gebührenzahler ein Albtraum. So schreibt der Spiegel, dass der von MDR geführte Kinderkanal Kika in Erfurt seit 2002 eine deutlich höhere Miete zahlt als ortsüblich. Der Spiegel wirft die Frage auf, ob eventuell auch MDR-Führungskräfte über Treuhänder und Mittelsmänner in solchen Fonds investiert waren und kräftig mitverdient haben. Nachweisen lässt sich das wegen der verschachtelten Fonds-Konstruktionen und des Bankgeheimnisses freilich nicht.

Die andere Enthüllung vom Wochenende ist weniger gravierend, dafür hochnotpeinlich. Die Bild am Sonntag schrieb auf, dass einige Mitglieder des MDR-Fernsehballetts bei der Geburtstagsfeier des tschetschenischen Diktators Kadyrow zusammen mit einem Zauberer aufgetreten sind. Ein reichlich fauler Zauber. Dass gerade beim MDR das Gespür fehlt, dass Auftritte bei Diktatoren keine gute Idee sind, spricht nicht gerade für Sensibilität in der Senderspitze.

Das eklatante Versagen jeder Kontrolle in den Finanzen sowie das Fehlen von Gespür in Fragen von Moral sind beim MDR längst Alltag. Die Frage, ob es da ein “System MDR” und kollektives Kontrollversagen gibt, wurde längst beantwortet. Es ist eine entfesselte Anstalt, die stellenweise zu einem Selbstbedienungsladen gigantischen Ausmaßes verkommen ist. Beim MDR die jahrelangen Versäumnisse und Fehler auszuräumen, wir eine Herkules-Aufgabe sein. Vielleicht zu viel für eine einzelne Person. Frau Wille ist um ihren neuen Job wirklich nicht zu beneiden.

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