Freischreiber setzen Hölle-Preis aus

Das schnelle Ende eines gut gemeinten, aber zu kurz gedachten Preises: Die Freischreiber haben sich aufgrund der massiven Kritik an ihrem Hölle-Preis dazu entschlossen, die Auszeichnung für die fieseste Redaktion nicht mehr zu vergeben. Auf der Website des Berufsverbands heißt es, dass Jury und Vorstand eingesehen hätten, dass das Nominierungsverfahren, das auf Hinweisen von freien Autoren basierte, Mängel aufwies. Für den Hölle-Preis waren Neon, Spiegel Online und Für Sie nominiert.

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"Die Jury-Entscheidung für die drei Hölle-Kandidaten basiert auf Fallschilderungen und Tatsachenberichten freier Journalisten, denen wir Vertraulichkeit zugesichert haben. Wir sehen uns nicht in der Lage, diese Nominierungen hinreichend zu begründen und gegen zum Teil sehr aggressive Kritik zu verteidigen, ohne diese Vereinbarung zu brechen. Uns ist klar geworden, dass die zur Verfügung gestellten Begründungen als Entscheidungsgrundlage deshalb nicht ausreichen, um die mehr als 400 Freischreiber-Mitglieder zu einer Wahl der ‚fiesesten‘ Redaktion Deutschlands zu bitten", schreibt der Vorstand.
Darüber hinaus relativieren die Freischreiber ihre Auswahl: "Gravierende Verstöße gegen den Code of Fairness gibt es auch in Redaktionen, die gar nicht für den Himmel-und-Hölle-Preis vorgeschlagen waren, weil sie nicht zum Abnehmerkreis der Journalisten zählen, die ihre Vorschläge eingereicht haben. Insofern sind unsere Nominierungen, die auf der Grundlage von etwa 150 Vorschlägen ausgesprochen wurden, nicht repräsentativ." Zudem sei der Weg, die Nominierten in Form einer Satire bekannt zu geben, "ein Fehler", für den sich der Verband entschuldigt. Dadurch sei ein falscher Eindruck erweckt worden.
"Ich bin fassungslos über die Nominierung und sehr verärgert über die Art und Weise, wie die ‚Freischreiber‘ mit Neon umgehen", hatte Neon-Chefredakteur Michael Ebert gegenüber MEEDIA gesagt. Angeblich solle Neon von freien Journalisten angebotene Themen übernommen und ohne Honorarzahlung selbst bearbeitet haben. "Themen zu klauen ist einer der härtesten Vorwürfe, die man einer Redaktion machen kann."
Das Prozedere ärgerte Ebert "mindestens genauso wie die Nominierung an sich". Denn unter den Begründungen für die Himmel-Nominierungen – also die "guten" Redaktionen –, stünde auf der Freischreiber-Website ein Autorenname. "Bei den Hölle-Nominierungen steht kein Absender. Ein anonymer Autor verkündet das Ergebnis einer anonymen Jury, die sich mit Einsendung Einsendungen auseinander gesetzt hat, die offenbar nicht weiter geprüft wurden. Neon wurde und wird keine Möglichkeit der Stellungnahme gegeben", so Ebert.
Ebenfalls gegenüber MEEDIA rechtfertigte Freischreiber und Jury-Mitglied, Jakob Vicari, allerdings das Nominierungsverfahren: "Wir haben versucht, objektiv vorzugehen." Weiter argumentierte er, dass vieles an Kritikpunkten oder Beschwerden nicht konkret zu benennen und auch nicht immer nachweisbar war. "Themenklau beispielsweise bewegt sich fast immer in einer Grauzone. Wir können nicht konkreter werden, weil wir unseren Tippgebern absolute Vertraulichkeit garantieren." Allerdings soll niemanden nominiert worden sein, weil es nur eine Einzelstimme gab. "Es ist schon so, dass es bei bestimmten Redaktionen gewisse Muster an Beschwerden gab."
Warum der Verband keine konkreten Vorwürfe für die Negativ-Redaktionen nennt, begründete Vicari mit dem fehlenden Quellenschutz. Dann anders als Redaktionen dürfen Berufsverbände ihre Tipp-Geber nicht geheim halten. "Wenn wir beispielsweise die Behauptung aufstellen, die Redaktion x zahlt nicht, dann müssen wir das nachweisen und zur Not müssten unsere Informanten vor Gericht erscheinen." Außerdem wären die Freischreiber für "eine solche Art der Auseinandersetzung zu klein und auch nicht finanzkräftig genug."
Um dennoch die Diskussion über einen fairen Umgang zwischen freien Autoren und den Redaktionen weiterzuführen und die Zusammenarbeit zu verbessern, wollen die Freischreiber nun die Verleihung des Himmel-Preises am 11. November für eine Gesprächsrunde zwischen den Beteiligten nutzen. Moderiert werden soll die Debatte von einer "in der Branche allseits als integer anerkannten Persönlichkeit". Für den Himmel-Preis sind die Redaktionen von Brand eins, Enorm und des P.M.-Magazins nominiert. Ihnen wird ein faires Verhalten gegenüber freien Autoren nachgesagt.  

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