Thomas Rabe: der Lead-Bassist

Kein Verwalter, sondern ein Gestalter sei der neue Bertelsmann-Chef Thomas Rabe, 46, heißt es in einem offiziellen Porträt. Der in Luxemburg geborene Rabe war bei dem Medienkonzern aber schon immer mehr als "nur" der Finanzexperte. Wer Rabe bei den Bilanzpressekonferenzen von Bertelsmann beobachtete, konnte früh einen künftigen Vorstandschef erkennen. Bereits zwei Mal wollte Rabe weg von Bertelsmann - nun macht ihn der Aufsichtsrat zum Chef, bevor er ein drittes Mal zum Wechsel ansetzen kann.

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Nach dem bodenständigen Ostwestfalen Hartmut Ostrowski kommt ein Mann der internationalen Finanzmärkte auf den Chefposten. Im Januar diesen Jahres war Rabes Vertrag um fünf Jahre verlängert worden. Manchen Beobachter hatte das überrascht. Denn Rabe hatte gleich zweimal die Fühler auf Chefposten bei anderen Konzernen ausgestreckt. Einmal hatte er vor etwa drei Jahren offenbar Interesse am Job des Vorstandschefs von ProSiebenSat.1 gezeigt, dann lockte der Mischkonzern Haniel. Rabe blieb, auch wenn es in der Folge atmosphärische Störungen mit Vorstandschef Hartmut Ostrowski gegeben haben soll. Kein Wunder – G+J-Chef Bernd Kundrun hatte sich ehedem ebenfalls für den Posten bei der TV-Gruppe ProSiebenSat.1 interessiert und war damit in Ungnade gefallen. Nicht so Rabe.

Wie ist das zu erklären? Kein Manager ist unersetzbar, doch Rabe ist es seit seinem Antritt in Gütersloh Anfang 2006 gelungen, sich weitgehend unverzichtbar zu machen. Bereits ganz am Anfang seiner Vorstandskarriere gelang ihm ein Kunststück. Nach dem Willen der Familie Mohn, die den Kurs bei Bertelsmann über verschiedene Gremien bestimmt, sollte der Konzern ein Viertel seiner Aktien von der Groupe Bruxelles Lambert (GBL) des Milliardärs Albert Frère zurückkaufen. Rabe mobilisierte die notwendigen 4,5 Milliarden Euro, beruhigte die Ratingagenturen und sorgte dafür, dass Bertelsmann trotz der hohen Schuldenlast nicht die Puste ausging. Auch wenn die Notwendigkeit des Rückkaufs intern umstritten war, erledigte Rabe den Job mit Bravour.
 
Rabe war seither vor allem damit beschäftigt, Bertelsmann als Architekt eines "umfangreichen Kostensenkungsprogramms" (O-Ton Rabe) wieder auf die Beine zu stellen. Neben den Schulden machte den Güterslohern auch die Finanzkrise zu schaffen – im ersten Quartal 2009 standen 80 Millionen Euro Verlust in der Bilanz. Unter der Regie von Ostrowski und Rabe wurden eine Reihe von Unternehmensteilen verkauft, etwa BMG Music Publishing, der Anteil am Joint Venture Sony BMG und ein Teil der Bertelsmann-Buchclubs im Ausland – einst die Keimzelle des Aufstiegs Bertelsmanns an die Spitze globaler Medienunternehmen.    
Rabes Entscheidung, nach den schwierigen Vorjahren bei Bertelsmann zu bleiben, wurde allgemein mit der wieder erstarkten Rolle des Konzerns erklärt – und den sich daraus für Rabe ergebenden Möglichkeiten, operativ eine aktive Rolle zu spielen. Mit Ostrowski soll Rabe zudem wieder gut zusammen gearbeitet haben. Doch vielleicht, das ist nur eine Spekulation, durfte Rabe sich ja mehr als nur Hoffnungen auf mehr Gestaltungsspielraum machen, als er im Januar seine Unterschrift unter die Vertragverlängerung setzte. 

In Porträts wird Rabe als "welterfahren, zahlengenau, ehrgeizig" beschrieben. Öffentliche Auftritte absolviert der Manager ohne Fehl und Tadel. Präsentiert er die Bertelsmann-Kennzahlen, wirkt er stets unerschütterlich, bestimmt und verbindlich. Auf Nachfragen hat er meistens die entsprechenden Daten und Fakten im Kopf. Sein Lebenslauf weist als Sprachen neben Deutsch und Englisch auch Französisch, Niederländisch und Spanisch aus. Rabe wuchs in Brüssel auf, woraus Medienjournalisten gerne einen Gegensatz zu klassischen Bertelsmann-Managern konstruieren, die in Ostwestfalen aufwuchsen und seither den Landstrich nicht verlassen haben. Nach seinem Studium arbeitete Rabe u.a. für die Europäische Kommission, eine internationale Anwaltskanzlei und leitete das Controlling der Treuhand. 2000 wechselte er von einem luxemburgischen Finanzinstitut zur RTL Group.

Als persönliche Note kann Rabe auf eine frühe Karriere als Bassist in einer Rockband verweisen. Zu seinen Lieblingsbands sollen in Studienjahren The Cure und The Police gehört haben. In Rabes Büro entdeckte die FAZ einmal eine Les Paul E-Gitarre. Aus einer Passion für Musik machte Rabe auch hier ein Business – am Ausbau des Geschäfts mit Musikrechten, das Bertelsmann und KKR mit BMG Rights Management betreiben, ist Rabe aktiv beteiligt.  

In einer Telefonkonferenz kündigte Rabe zuletzt an, Bertelsmann werde die Profitabilität weiter steigern und sei offen für Zukäufe. Der Konzern befinde sich in einer "komfortablen Liquiditätsposition". Das ist auch seiner Arbeit zu verdanken. Aber: Bertelsmann hat in den vergangenen Jahren im internationalen Vergleich gegenüber anderen Medienkonzernen an Boden verloren.

Der Vorteil der Gütersloher ist indes, dass sie, frei von der Mitsprache großer Mitgesellschafter, ganz allein über ihren künftigen Kurs entscheiden können. Derzeit beschäftigt sich der Konzern mit einem Zukauf von EMI. Auch das Thema Education, also Bildungsmedien, steht weiter oben auf der Agenda. Thomas Rabe muss ab Anfang 2012 zeigen, dass ein Zahlenmann und Bassist auch die Lead-Gitarre spielen kann.

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