Jury verteidigt den Himmel- und Hölle-Preis

Die Medienbranche diskutiert um die Nominierungen für den Himmel- und Hölle-Preis des Freien-Journalisten-Verbandes Freischreiber. Als fairste Redaktion Deutschlands wurden Brand eins, Enorm und PM nominiert, als fiesteste Spiegel Online, Für Sie und Neon. Dessen Chefredakteur Michael Ebert bezeichnete die Nominierung als "bald Rufmord". Gegenüber MEEDIA rechtfertigt Freischreiber und Jury-Mitglied Jakob Vicari das Nominierungsverfahren: "Wir haben versucht, objektiv vorzugehen."

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Michael Ebert, der Chefredakteur von Neon, ist total sauer, weil die Freischreiber Neon für den Hölle-Preis als fieseste Redaktion nominiert haben – können Sie seinen Ärger verstehen?

Bei mir ist noch kein Ärger angekommen (das Gespräch mit Jakob Vicari wurde vor der Veröffentlichung des MEEDIA-Interviews mit Michael Ebert geführt; Anm.d.Red.). Aber ich kann das natürlich nachvollziehen. Wir haben Neon als eine der drei fiesen Redaktionen nominiert und das haben wir auch ganz bewusst gemacht. Und zwar, um deutlich zu machen, dass das zwar ein gutes Magazin ist, die Arbeitsbedingungen für freie Journalisten dort aber noch zu wünschen übrig lassen.

Welche Kritikpunkte gab es denn bei den Nominierten für den Negativpreis konkret? Außer Neon waren das noch Spiegel Online und Für Sie.

Vieles an Kritikpunkten oder Beschwerden ist nicht konkret zu benennen und auch nicht immer nachweisbar. Themenklau beispielsweise bewegt sich fast immer in einer Grauzone. Wir können nicht konkreter werden, weil wir unseren Tippgebern absolute Vertraulichkeit garantieren. Wir haben aber Niemanden nominiert, weil es eine Einzelstimme gab, die sich über etwas beschwert hat. Es ist schon so, dass es bei bestimmten Redaktionen gewisse Muster an Beschwerden gab. Das hat auch viel mit Wahrnehmung oder Gefühl zu tun. Hat man das Gefühl, dass die eigene Arbeit gewürdigt wird und auf Augenhöhe mit einem umgegangen wird? Themen sind wohl das wichtigste Kapital eines freien Journalisten. Wenn damit nicht vertrauensvoll umgegangen wird, spricht sich das herum.

Aber sie könnten Missstände doch konkreter benennen, ohne die Namen von Tippgebern zu veröffentlichen. Das geschieht aber auch nicht.

Wir haben als Berufsverband keinen Quellenschutz. Wenn wir beispielsweise die Behauptung aufstellen, die Redaktion x zahlt nicht, dann müssen wir das nachweisen und zur Not müssten unsere Informanten vor Gericht erscheinen. Unser Verein ist für eine solche Art der Auseinandersetzung zu klein und auch nicht finanzkräftig genug. Wir wollen mit den Redaktionen in eine Diskussion über faire Arbeitsbedingungen eintreten. Darum haben wir uns entschlossen, mit den Negativ-Vorschlägen satirisch umzugehen, anstatt uns um einzelne Behauptungen zu streiten.

Die Positiv-Nominierungen enorm, Brand eins und PM wurden ausführlich begründet. Bei den Negativ-Nominierungen gab es nur einen satirischen Text, der viel Raum für Interpretationen lässt. Man weiß auch nicht, wie viele Stimmen eingegangen sind oder wer die Jury bildet. Fehlt es da nicht an Transparenz bei so harten Vorwürfen?

Wenn Sie Transparenz vermissen, dann ist das vielleicht richtig. Aber es gibt da keine großen Geheimnisse. Wir hatten rund 150 Vorschläge für die Nominierungen und acht Jury-Mitglieder aus dem Kreis der Freischreiber-Kollegen. Und so wie ich jetzt mit Ihnen spreche, würden das die anderen auch tun. Wir müssen uns an diesen Preis ja auch erst herantasten. Das hat es bisher noch nie gegeben, dass freie Journalisten den Mut haben, fiese Auftraggeber öffentlich zu benennen. Das ist für uns ein großer Schritt, der auch im Verband Bedenkzeit und Mut erfordert hat.

Wie war denn genau das Auswahlverfahren bei den Nominierungen?

Wir haben zunächst aus den eingegangenen Vorschlägen versucht Muster und Übereinstimmungen herauszufiltern. Dann haben wir bei den Nominierungskandidaten nachgehorcht, haben weitere Kollegen kontaktiert und zusätzliche Stimmen zu den Redaktionen eingeholt, so dass wir möglichst keinen Einzelmeinungen aufgesessen sind.

Warum wurden die betroffenen Redaktionen nicht vor der Veröffentlichung mit der Nominierung konfrontiert?

Wir haben alle Nominierten zeitgleich mit der Veröffentlichung angeschrieben und zum Dialog aufgefordert. Wenn wir eine kritische Geschichte machen, rufen wir ja auch nicht unbedingt vorher an und lassen uns die von den Betroffenen absegnen. Wir haben bei einigen Redaktionen Probleme erkannt, unsere Mitglieder auch. Jetzt wollen wir versuchen, diese möglichst im Dialog aus dem Weg zu räumen. Dass ein fairer Umgang mit freien Journalisten sehr gut möglich ist, zeigen unsere Positiv-Nominierungen Brand eins, Enorm und das PM-Magazin.

Aber jeder hat mit der einen Redaktion vielleicht positive mit der anderen negative Erfahrungen gemacht. Und bei jemand anderem ist es vielleicht umgekehrt. Das ist doch sehr schwer zu objektivieren.

Wir haben es zumindest versucht. Wir haben zu Brand eins beispielsweise viele positive Vorschläge bekommen, haben dann noch Leute angerufen und nachgeforscht. Da gab es nichts Negatives zu hören. Auch über Neon haben wir viele positive Dinge gehört. Das ist ein gutes Magazin, das gut zahlt, tolle Themen hat und für das wir auch gerne arbeiten. Aber es gab hier eben auch mehrere Stimmen, die bestimmte Probleme dort übereinstimmend angesprochen haben.

Wie geht es nun weiter? Wie wird bestimmt, wer den Himmel- und den Hölle-Preis bekommt?

Die fast 400 Mitglieder der Freischreiber haben per Post eine Wahlkarte bekommen. Am 19. Oktober ist dann Wahltag. Man kann die Karte in einer Großstadt in eine Urne werfen oder man schickt sie ein oder stimmt im Internet ab. Am 11. November ist die Preisverleihung um 20 Uhr in der Viktoria Kaserne in Hamburg. Der Eintritt ist frei.

Gibt es auch einen Preis zum Anfassen oder wenigstens eine Urkunde?

Wir haben eine echte Skulptur für den Himmel- und den Hölle-Preis gestalten lassen. Und die beste Redaktion bekommt zusätzlich Freibier. Alle Nominierten erhalten außerdem eine Urkunde.

Glauben Sie ernsthaft, dass jemand der für den Hölle-Preis Nominierten auftaucht und den Preis entgegennimmt?

Das denke ich doch. Deutsche Chefredakteure sind nicht dafür bekannt, dass es ihnen an Selbstbewusstsein mangelt. Und immerhin haben wir eine richtige Preisverleihung, mit Laudatoren, Moderation und hinterher Musik. Ein bisschen so, wie beim Henri-Nannen-Preis.

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