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Die falschen iPhone 5-Propheten

Der Tech-Journalismus musste gestern seine Hosen runterlassen. Apple stellte nicht, wie in Hunderten von Artikeln zuvor angekündigt, das iPhone 5 vor. Stattdessen gab es "nur" ein iPhone 4S. Wenige Tage zuvor hatten auch viele deutsche Newsportale felsenfest behauptet, am 4. Oktober werde von Apple ein gänzlich neues Gerät präsentiert, vielleicht sogar von Steve Jobs. Das Beispiel zeigt: Über originär recherchierte Apple-Informationen verfügen nur wenige Journalisten auf der Welt. Der Rest ist Kolportage.

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Der Tech-Journalismus musste gestern seine Hosen runterlassen. Apple stellte nicht, wie in Hunderten von Artikeln zuvor angekündigt, das iPhone 5 vor. Stattdessen gab es "nur" ein iPhone 4S. Noch wenige Tage zuvor hatten auch viele deutsche Nachrichtenportale felsenfest behauptet, am 4. Oktober werde von Apple ein gänzlich neues Gerät präsentiert, vielleicht sogar von Steve Jobs. Das Beispiel zeigt: Über originär recherchierte Apple-Informationen verfügen nur wenige Journalisten auf der Welt. Der Rest ist Kolportage.

Beispiele für das Versagen der Tech-Presse liefert eine simple Google-Suche: Bild.de schrieb: "iPhone 5 Event: Kommt Steve Jobs heute zurück?" Spiegel Online analysierte schon vorab: "Das iPhone 5 muss ein Gewinner sein". Chip.de trötete: "iPhone 5 – Es kommt am 4. Oktober". Stern.de vermeintlich ganz sachlich: "Apple stellt das iPhone 5 vor". Computerbild.de lud ein: "iPhone 5 Vorstellung heute abend! Wir berichten live" (der Text wurde dann nachträglich verändert). Auch MEEDIA hatte vorab über Spekulationen und Gerüchte zu einem Launch des iPhone 5 noch in diesem Jahr berichtet.

Ein stellvertretender Auszug aus einem Artikel, in dem Focus Online-Kolumnist Matthias Matting schrieb: "Am 4. Oktober wird es nun so weit sein: Apple wird das Geheimnis lüften und das iPhone 5 der Öffentlichkeit vorstellen. Ab dem 14. Oktober soll das neue Apple-Smartphone dann im Handel erhältlich sein. Apple soll bereits 26 Millionen iPhone 5 für das dritte und das vierte Quartal 2011 bestellt haben. Die Telekom bietet sogar schon Reservierungen für das neue Modell an. Auch bei anderen Providern soll es erhältlich sein. Es ist allerdings Apple-typisch, dass Einzelheiten zum neuen Modell nur tröpfchenweise bekannt werden."

Ein Artikel, der Anfang September bei sueddeutsche.de erschien, ist symptomatisch für den Stil des gesamten Genres der Gadget-Ankündigungen: "Gerüchte zum iPhone 5" lautete die Überschrift. Was dann offenbar rechtfertigte, mit solchen Formulierungen zu hantieren wie: "unklar", "Vermutungen", widersprechen sich die Meldungen", "wahrscheinlich", "aus Taiwan heißt es", "Berufung auf unterschiedliche Quellen".

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Unterm Strich bedeutet das: Die Mehrzahl der Journalisten, die über noch nicht dem Markt präsentierte neue Geräte berichten, beziehen offenbar ihr gesamtes Wissen aus ausländischen Quellen im Netz, deren Betreiber wiederum auch in der Regel nicht über Informationen aus erster Hand verfügen. Zur Absicherung von Artikeln, die mit nicht verifizierten Quellen zusammengestöpselt werden, pinselt man dann schnell "Gerüchte" drüber – und fertig.

Gänzlich gaga wird es dann, wenn andere Unternehmen auf den Hype-Zug aufspringen wollen und Produkte verlosen, die es noch gar nicht gibt. Wie hier der Mobilfunkdienstleister blau.de auf seiner Facebook-Seite:

Der Trend, möglichst schnell möglichst viele Gerüchte über noch "geheime" Elektronik-Produkte zu verbreiten, hilft und schadet den Konzernen zugleich. In der Regel sind viele Gadget-Journalisten sehr hilfreich für die Konzerne, denn sie verbreiten die Kunde neuer Geräte eifrig und meistens im Sinne der Unternehmen. Bessere PR lässt sich eigentlich nicht wünschen. Das iPhone 5-Debakel zeigt aber eindrücklich, wie sich dieses Modell, Journalisten mit ein paar Infos zu füttern und den Rest den Markt erledigen zu lassen, verselbstständigt hat. Erfüllt ein Konzern wie am Mittwoch Apple die hohen Erwartungen des Marktes an neue fantastische Produkte nicht mehr, wird es sofort (zumindest kurzfristig) an der Börse abgestraft.

Die Zyklen, in denen Hardware-Konzerne neue Geräte vorstellen müssen, werden immer kürzer. Setzt sich dieser Wettlauf fort, schaufeln sich alle Beteiligten ihr eigenes Grab. Die Konzerne, weil sie die Überbeschleunigung nicht mehr aushalten und ihre Geräte enttäuschen, weil die Nutzer mit jeder neuen Präsentation Wunder erwarten, die aber bekanntlich meistens etwas länger dauern als ein paar Monate. Und die Tech-Presse, weil Leser ihre vollmundigen Ankündigungen bald nicht mehr glauben werden. 

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