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Übernahmepoker: WAZ will Springer?

Die Axel Springer AG bietet 1,4 Milliarden Euro für die WAZ-Gruppe und die Branche fragt sich: Was soll denn das? Zum einen hat sich Springer aus dem Geschäft mit Regionalzeitungen, die in der WAZ-Gruppe eine große Rolle spielen, weitgehend verabschiedet. Zum anderen würde das Kartellamt eine Komplett-Übernahme ohnehin untersagen. Die Antwort lautet vermutlich: Der Medienkonzern hat es nur auf zwei Kronjuwelen innerhalb der WAZ-Mediengruppe abgesehen. Die Komplett-Offerte ist eine reine Formalie.

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Keineswegs wird Springer-Chef Mathias Döpfner urplötzlich seine Leidenschaft für Regionalzeitungen wiederentdeckt haben. Und vermutlich steht das Geschäft in Ost- und Südosteuropa, das die WAZ nicht ohne große Stolpersteine auf dem Weg aufgebaut hat, keineswegs bei den Springers hoch im Kurs. Stattdessen geht es dem Springer-Chef vermutlich um zwei wertvolle Bausteine der Mediengruppe: die Beteiligung an der österreichischen Kronen-Zeitung und die Programmzeitschriften der WAZ, die in München gebündelt sind.

Die Krone-Gesellschafter streiten sich vor Gericht

Zur Krone: Die österreichische Variante der Bild ist mit rund 820.000 verkauften Exemplaren unter der Woche und einer Auflage von 1,3 Millionen am Sonntag die meistgelesene Zeitung im Alpenland und hat – bei 8,4 Millionen Österreichern – eine atemberaubende Reichweite. 1987 stieg die WAZ-Mediengruppe bei der Krone ein, die heute je zur Hälfte der Familie Dichand und dem Essener Konzern gehört. Der wiederum hält zudem auch die Hälfte am Wiener Kurier. Allein die Beteiligung an der Krone garantierte der WAZ-Gruppe seit ihrem Einstieg viele Millionen Euro Gewinn im Jahr.

Allein: Mit der Familie Dichand liegen die WAZ-Gesellschafter und Manager seit Jahr und Tag über Kreuz. Die Kommunikation zwischen den Geschäftspartnern spielt sich zu großen Teilen vor Gericht ab. Es ist also nicht undenkbar, dass sich die Essener, aufgerieben vom Geraufe mit den österreichischen Verlegern, ihren Anteil am immer noch profitablen Krone-Geschäft versilbern lassen. Und: Die Beziehungen zwischen dem Springer-Konzern und der Familie Dichand sind traditionell gut. Gegen eine Auswechslung des Partners hätten die Wiener vermutlich wenig einzuwenden, wenn die Konditionen stimmen.

Programmies passen zu Springer

Die Publikumszeitschriften der WAZ-Gruppe sind in Ismaning bei München angesiedelt und steuern ebenfalls seit Jahren verlässliche Gewinne bei. Zum einen gibt es den Gong-Verlag, in dem derzeit 25 Titel erscheinen, darunter die Programmies Gong, Bild+Funk und tv direkt. Daneben erscheinen im Gong Verlag auch Tier- und Rätselzeitschriften. Die Redaktionen sind klein und teilweise zusammengelegt, d.h. eine Redaktion produziert verschiedene Titel. Gleiches gilt für die Titel der WAZ-Women Group, darunter Frau im Spiegel, die aktuelle und Das Goldene Blatt. Die lukrative Sparte wird von Manfred Braun geleitet, der in der WAZ-Gruppe neben den Geschäftsführern Christian Nienhaus und Bodo Hombach eine Schlüsselposition besetzt. Besonders die Programmies passten gut zu Springer – dort erscheinen u.a. TV Digital, Hörzu, Funk Uhr und TV neu. Während die Beteiligung an der Krone kartellrechtlich unbedenklich wäre, würde ein Kauf der Programmpresse sicherlich zumindest genau von der Bonner Kontrollbehörde untersucht.

Alle anderen WAZ-Besitztümer sind, vielleicht mit Ausnahme einer Beteiligung an dem Online-Rubrikengeschäft der Markt-Gruppe, für Springer nicht relevant. Zwar lässt sich auch mit Regionalzeitungen wie der Thüringer Allgemeinen oder der Braunschweiger Zeitung, die beide zur WAZ-Gruppe gehören, noch gut Geld verdienen. Doch dieses Feld gehört eigentlich nicht mehr zum Kerngeschäft der Springers – und wird es wohl auch nie wieder gehören. Warum dann aber das Angebot über 1,4 Milliarden Euro? Die Offerte ist vermutlich eine reine Formalie, um den Gesellschaftern der WAZ-Gruppe zu zeigen, wie Springer den Gesamtwert des verschachtelten Konzerns einschätzt. Peter Heinemann, der Testamentsvollstrecker des Familienstamms Brost, auf den die Hälfte an der WAZ-Gruppe entfällt, hat dem Vernehmen nach ein solches Komplettangebot eingefordert – im besten Wissen, dass dieses dann nur pro forma abgegeben wird. In einem fünfseitigen Brief Mathias Döpfners an alle Gesellschafter der WAZ-Gruppe, die zwei Familienstämmen gehört, wird deutlich, dass Springer die komplette Gruppe gar nicht übernehmen will.

Brauchen die WAZ-Gesellschafter Geld?

Wie steht es um die Chancen Springers, etwas vom WAZ-Kuchen abzubeißen? Dies hängt letztlich einzig davon ab, wie liquide die einzelnen Gesellschafter sind. Die Gesellschafterin Petra Grotkamp, die zum Funke-Familienstamm gehört, will für eine knappe halbe Milliarde Euro die Anteile des Brost-Stamms kaufen. Aus dem Ärmel schütteln dürfte sie das Geld vermutlich auch nicht, obwohl das Vermögen der Grotkamps beträchtlich sein dürfte. Stephan Holthoff-Pförtner vom Funke-Stamm hatte erst vor kurzem seinen Bruder Frank Holthoff ausbezahlt. Funke-Sprecher Klaus Schubries hatte einen Verkauf an Springer allerdings bereits kategorisch ausgeschlossen. Die Brost-Erben sind derweil ohnehin verkaufswillig. Für diese drei Gesellschafter muss Testamentsvollstrecker Heinemann entscheiden, wohin die Anteile gehen sollen. Einen Verkauf der Brost-Anteile an eine Funke-Gesellschafterin wäre noch vor kurzer Zeit eine abenteuerlich-verwegene Idee gewesen – beide Seiten sind sich in tiefer Abneigung verbunden.

Die Springer-Taktik ist es jetzt vermutlich, in die unübersichtliche Lage hinein ein Angebot zu platzieren, dass dem ein oder anderen Gesellschafter schlaflose Nächte oder zumindest Grübeleien bei einem starken Kaffee bereiten könnte. Fakt ist aber auch, dass die WAZ-Gesellschafter untereinander ein Vorkaufsrecht haben und ein Verkauf auch von Teilen der Gruppe die Zustimmung einer Mehrheit der Gesellschafter innerhalb der jeweiligen Stämme finden muss. Ob Springer letztlich zum Zug kommt, wird vor allem davon abhängen, wie nötig die Gesellschafter eine Finanzspritze haben.

Günther Grotkamp, Ehemann von Petra Grotkamp und langjähriger WAZ-Geschäftsführer, ist ein Mann der Regionalzeitung. Es wäre zumindest vorstellbar, dass die Grotkamps beschlössen, die WAZ-Gruppe ganz auf Regionalzeitungen zu konzentrieren und Teile der Gruppe, an denen sie nicht hängen, zu einem guten Preis zu verkaufen. Wenn sie für diesen Plan Unterstützer fänden, ginge die Strategie von Mathias Döpfner auf. Falls es bei der Absage bleibt – und dies ist wahrscheinlich – ist die deutsche Medienlandschaft wenigstens um eine spannende Fußnote reicher. 

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