Steingart lässt toten Kanzler Krise erklären

Die Eurokrise ist seit Monaten das beherrschende politische Thema. Allerdings erwecken einige Medien nicht immer den Eindruck, dass sie dem Stoff gewachsen sind. Oft wird den Journalisten vorgeworfen, das sperrige Thema am Leser vorbei aufzuschreiben. Das Handelsblatt versucht sich nun an einer anderen Art der Aufklärung: Chefredakteur Gabor Steingart hat in der aktuellen Ausgabe ein fiktives Interview mit dem verstorbenen Bundeskanzler Ludwig Erhard über die Währungskrise und Inflationsgefahren geführt.

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Erhards Zitate stammen aus Regierungserklärungen, Parlamentsansprachen, Interviews und der Biografie von Volker Hentschel aus dem Jahr 1957 und sind ein Beispiel dafür, wie allgemeingültig und einfach alte Politikerweisheiten sein können. So geht es in dem konstruierten Gespräch zwischen Steingart und dem verstorbenen CDU-Politiker auch um die Krise in Griechenland. Die Düsseldorfer Wirtschaftszeitung hatte in einer Aktion dafür geworben, griechische Staatsanleihen zu kaufen. Steingart selbst hatte verkündet, sich mit 5.000 Euro beteiligt zu haben. Seine Frage an Erhard: "Aber in Griechenland entwickelt sich derzeit nichts nach vorn: Die Kaufkraft geht zurück, die Wirtschaftsleistung schrumpft, die Gewinne brechen ein, wie auch im übrigen Südeuropa. Ist das im deutschen Interesse?" Die Antwort lautet: "Es ist eine ökonomische Binsenweisheit, dass es dem einen Partner nur gutgehen kann, wenn auch seine Mitspieler gedeihen. Mit Bettlern kann man keine Geschäfte machen."
In Bezug auf die aktuellen Staatsschulden Deutschlands wird Erhard dann mit folgender Prognose zitiert: "Die Politik der bewussten Überschuldung ist eine hochexplosive Politik. Und einmal wird der Tag kommen, da der deutsche Bürger wird erfahren müssen, dass die Schulden, die der Staat macht und die er nach außen zum ‚Wohle des deutschen Volkes‘ deklariert, dass er diese Schulden zu bezahlen habe."
Eine weitere Frage zielt darauf ab, was Erhard in dieser Situation Bundeskanzlerin Merkel raten würde. "Nicht die Zahl und die Größe von Schlagzeilen, die ein Politiker macht, sind Gradmesser für eine richtige Politik. Zu einer guten Wirtschaftspolitik gehört vor allem der Mut zum Widerstand und zur Unpopularität", so das Zitat des Politikers.
Das Interview macht anschaulich, dass die teilweise über 60 Jahre alten Weisheiten des Politikers auch auf die aktuelle Lage übertragbar sein können und sie teilweise anschaulicher die Gründe und Wege aus Krise aufzeigen, wie manch anderer Wirtschaftsjournalist das Thema derzeit zu erklären versucht. Gabriele Goderbauer-Marchner, Professorin für Print- und Onlinejournalismus an der Bundeswehr-Uni München, wirft im Interview mit Tagesschau.de den Journalisten vor, dass in den Texten die Glaubwürdigkeit auf der Strecke bleibe. "Die Medien müssen die Euro-Krise besser erklären – und stärker herausarbeiten, was sich hier überhaupt abspielt."
Auch das Hamburger Abendblatt scheint auf die Erfahrungen der "Alten" in der Eurokrise zu vertrauen. So macht die Tageszeitung aus der Hansestadt heute mit Helmut Schmidt auf. Der Alt-Kanzler hatte in einer Diskussionsrunde, die von der Tageszeitung in der Hansestadt organisiert wurde, für den Euro geworben und die Währung als "nicht gefährdet" eingestuft. "Die Währung ist stabiler, als es die D-Markt in ihren letzten zehn Jahren war, sowohl nach innen als auch nach außen", so Schmidt.

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