DDR-Duseligkeit bei der Goldenen Henne

Während die gerade aktuelle MDR-Affäre um den Ex-Unterhaltungschef Udo Foht immer weitere Kreise zieht, pflegt der Sender unverblümte DDR-Verklärung. Bestes Beispiel ist die von der Burda-Zeitschrift Super Illu und dem MDR sowie dem RBB ausgerichtete Veranstaltung zum Medienpreis Goldene Henne, eine Art Bambi für Ossis. Der Tiefpunkt der zähen Übertragung war erreicht, als die Prinzen über die untergegangene DDR-Diktatur trällerten: “Es war nicht alles schlecht”.

Anzeige

Dass von deutscher TV-Einheit über 20 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer keine Rede sein kann ist eine schmerzliche Erkenntnis, wenn man sich die über drei Stunden lange Live-Übertragung der Goldenen Henne im dritten Programm des MDR antut. Da treten Leute auf, von denen der gemeine Wessi noch nie in einem Leben hörte, und bekommen einen dicklichen Goldklumpen, der eine Henne darstellen soll. Das Ganze ist, wie die Macher niemals müde werden zu erläutern, eine Reminiszenz an die DDR-Komikern Helga “Henne” Hahnemann.

West-Import Ruth Moschner moderierte die “Henne” grimassierend und überbetonend, als würde sie eine us-amerikanische TV-Shopping.Sendung synchronisieren. Die Bildregie schaffte es, bei fast jedem Schnitt ins Publikum mindestens einen leer gebliebenen Sitz einzufangen. Und mit der Schlager-Amazone Andrea Berg und fiedelnden, keltischen Sekretärinnen war genau jenes Niveau des Seichten und Dumpfen erreicht, für das der MDR und sein nun in Misskredit geratener Unterhaltungschef Udo Foht standen und stehen.

Wer die “Goldene Henne” schaut, kann leicht vergessen, dass Städte wie Hamburg, München oder Köln überhaupt existieren. Es spielt sich alles ab im Dunstkreis zwischen Erfurt, Leipzig und Dresden. Die typischen Medien-Vertreter Ostdeutschlands treten auf: Katharina Witt, die Prinzen, Jan-Josef Liefers, im Publikum grüßt Henry Maske und das Fernsehballett tritt auf. Kein Ost-Klischee bleibt unbedient. Das Prädikat “Ossi” schwingt immer mit. Die anwesende West-Prominenz, wie Waldemar Hartmann oder Thomas Gottschalk (der in einem Schnitt ins Publikum erkennbar gelangweilt auf die Uhr schaute), wirkte hier wie Fremdkörper. Dem einen oder anderen mag es vielleicht auch im Saal ein bisschen mulmig geworden sein, als die ostdeutsche Popgruppe “Die Prinzen” zu gefühlsduseligen DDR-Ferienvideos trällerten, dass damals “nicht alles schlecht” gewesen sei. Das bleibt schwer zu verdauen.

Aber natürlich war auch bei der Goldenen Henne “nicht alles schlecht”. Die Auszeichnung an den Mann, der bei dem Massaker in Norwegen mutig Menschen mit seinem Angelboot gerettet hat und das anschließende Lied des norwegischen “Pop Idol”-Siegers waren bewegende Momente im Meer der Mittelmäßigkeit. Ebenso die Schilderung einer jungen Mutter über die Geburt ihrer Zwillinge als Frühchen. Der dafür geehrte Arzt bekam dann von zwei Sparkassen-Provinzlern einen Scheck über 25.000 Euro in die Hand gedrückt. Da wich die Rührung schon wieder einer gewissen Ernüchterung.

Dass “nicht alles schlecht war” in der DDR, wie die Prinzen so treudoof sangen, heißt noch lange nicht, dass alles gut ist im real existierenden TV-Deutschland.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige