Weser-Kurier begnadigt Redaktionsschwein

Der Weser-Kurier (WK) hat seinem Redaktionsschwein das Leben gerettet - aber eher wider Willen. Bei einem Bauern im Bremer Umland hatte sich die Tageszeitung ein Ferkel gekauft, um über sein Leben im Stall und seine spätere Schlachtung zu berichten. Doch Tierschützer protestierten gegen den drohenden Schweinetod. Jetzt hat der WK das Schwein begnadigt - allerdings nicht aus Rücksicht aufs Tier, sondern um den Bauern und den ausgewählten Schlachter vor militanten Tierschützern zu schützen.

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Die Idee war durchaus journalistenpreiswürdig: Nach dem Dioxin-Futtermittelskandal wollte der WK seine Leserschaft darüber aufklären, unter welchen Bedingungen Schweine aufwachsen und was mit dem Fleisch passiert – nicht theoretisch, sondern ganz konkret am Beispiel des Redaktionsschweins bei Bauernfamilie Brüns. So entstand die Serie "Ein Schweineleben". Fast ein halbes Jahr lang kamen darin nicht nur Landwirte zu Wort, sondern auch Tierschützer, Händler, Tierärzte, Politiker und eine Ernährungsberaterin.

Am Ende sollte die Schlachtung stehen. Denn: "Es ist ein ganz normales Nutztier, das ganz normal zu Wurst und Fleisch verarbeitet wird. Es sei denn, jemand will das Tier unbedingt retten und übernimmt die Kosten für die Unterbringung, etwa auf einem Gnadenhof." So bekräftigte es die Redaktion noch im Juli, nachdem sich eine Facebook-Gruppe namens "Das Schwein bleibt!" gebildet hatte und die Parole ausgab: "Lasst uns nicht tatenlos zusehen, wie dieses Schwein seinem unnatürlichen Ende entgegengaloppiert."

Für einen Gnadenhof zahlen wollte laut WK damals aber niemand. Stattdessen zog eine kleine Menschen- und Tierhilfsorganisation aus Bonn vors Bremer Verwaltungsgericht und versuchte vergeblich, die Schlachtung zu stoppen. Andere Tierschützer griffen sogar zum Mittel des "Psycho-Terrors", wie die Zeitung es nennt: In anonymen Anrufen oder Internetbeiträgen seien einzelne Redaktionsmitglieder und die Bauernfamilie wahlweise als Schreibtischtäter oder Mörder beschimpft worden, und schließlich sei auch der ausgewählte Schlachter bedroht worden, so dass er um seine berufliche Existenz gefürchtet habe.

Damit war für den WK das Fass voll: Die Zeitung verkündete jüngst in der 13. Folge, dass das Borstenvieh jetzt auf einen Gnadenhof in Schleswig-Holstein verlegt wurde – dank Vermittlung des Tierschutzbund-Präsidenten Wolfgang Apel, der sich ausdrücklich von der Militanz einiger Tierschützer distanziert habe.

Als der zuständige WK-Niedersachsen-Ressortleiter Peter Voith jetzt die Begnadigung unter der Dachzeile "Schwein gehabt" bekannt gab, räumte er ein: "Nun mag man einwenden, wir hätten uns von militanten Tierschützern bange machen lassen. Kann sein. Aber wir wissen nicht, wie weit diese Tierschützer tatsächlich gegangen wären." Sogar die Polizei habe gemahnt, die Bedrohungen nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. "Wir als Redaktion", schrieb Voith weiter, "haben versucht, die Attacken an uns abperlen zu lassen." Die gezogenen Vergleiche mit Kinderschändern oder gar mit der massenhaften Juden-Ermordung seien zwar "an uns nicht spurlos vorübergegangen". Doch Journalisten müssten Angriffe und Klagen "von Berufs wegen aushalten". Selbst die Bauernfamilie habe trotz der Bedrohungen durchgehalten. "Aber als dann auch noch unser Schlachter angegangen wurde, zogen wir die Reißleine."

Ressortleiter Voith beendete seine persönliche Erklärung mit einem Dank an diejenigen Facebook-Mitglieder, die sich mit sachlichen Argumenten in die Debatte eingebracht hätten. "Vielleicht verurteilen auch sie, dass wegen der Schlachtung eines Schweins – bei fast 60 Millionen jährlich in Deutschland – zwei Familien mit Psycho-Terror überzogen wurden." Und dann das Fazit: "Dass diese vermeintlichen Tierschützer so weit gegangen sind, ist und bleibt für mich: eine Schweinerei."

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