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Jauch und Merkel kauen Euro-Schwarzbrot

Dass ein Bundeskanzler bzw. eine Bundeskanzlerin bei der Sonntagabend-Talkshow in der ARD einen Solo-Auftritt bekommt, ist nichts Ungewöhnliches. Dass Günther Jauch Angela Merkel schon in seiner dritten Sendung begrüßen durfte, hat er der Euro-Krise zu verdanken. Merkel wollte die Bühne nutzen, um ihren viel kritisierten Kurs zu erklären. Der Auftritt war stellenweise ziemliches Talk-Schwarzbrot - schwer verdaulich aber grundsolide. Am Ende war die Sendung aber für alle ein Gewinn.

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So ein Kanzler-Talk ist eine zweischneidige Sache. Einerseits adelt es Sendung und Moderator natürlich, wenn sich die Staatschefin blicken lässt. Andererseits schwingt bei so einer Gelegenheit naturgemäß viel Staatstragendes mit. Der Respekt vor dem Amt sorgt allzu häufig dafür, dass bei wolkigem Dahergeplauder nicht dazwischen gegangen oder kritisch nachgehakt wird.

Hier schaffte Jauch das gar nicht kleine Kunststück einer Gesprächs-Balance zwischen Kritik, Otto-Normalverbaucher-Perspektive und sogar ein paar unpeinliche Tupfer Emotion waren dabei. Jauch konnte gut mit Merkel. Er traf den richtigen Ton, ohne anbiedernd zu wirken. Merkel dagegen punktete, indem sie sich ganz auf die Rolle der vernünftigen, verantwortungsvollen Regierungschefin konzentrierte, die das Wohl von Land und Leuten fest im Blick hat und sich nicht von widersprüchlichen Berater-Meinungen kirre machen lässt.

Oft gab es Szenen-Applaus, sowohl für Jauchs Fragen als auch für Merkels Antworten. Wenn Merkel allzu unverbindlich wurde, hakte Jauch nach, er fasste kompliziert formulierte Antworten noch einmal in Jauch-Sprache zusammen und nahm an einer Stelle, wie er sagte, die “Rolle des Euro-Skeptikers” ein. Das kleine Rollenspiel war ein feiner rhetorischer Kniff, mit dem er Merkel ein wenig aus der Reserve locken konnte. Er konfrontierte die Kanzlerin mit alten Aussagen und kramte auch ein Euro-Prospekt von 1998 hervor, in dem dem Bürgern versprochen wurde, dass kein Land für die Schulden eines anderen einzustehen hatte.

Für Jauch und seine Show war der Auftritt Merkels ein Glücksfall. In der vorigen Sendung hatte er noch das Thema Papst-Besuch angekündigt. Aber der Papst war im Laufe der Woche weiß Gott schon genug abgetalkt worden. Womöglich hatte auch die Redaktion nun gemerkt, dass der Papst schon wieder abgereist war, als Jauch auf Sendung ging. Stattdessen konnte Jauch nun mit Merkel, der in dieser Woche die wichtige Bundestagsabstimmung über den Euro-Rettungsschirm bevorsteht, tatsächlich in das mutmaßliche Top-Thema der Woche einstimmen.

Dass zeitweise ziemlich schwer verdauliches Schwarzbrot gekaut wurde, war dem komplizierten Thema geschuldet. Es war aber eine im besten Sinne politische Talkshow, die da nach dem “Tatort” lief. Nach seiner Talk-Premiere im Ersten hatte Jauch hinter der Bühne zu den anwesenden ARD-Bossen gesagt, es werde schlechtere Sendungen als die Premiere geben aber auch bessere. Nun hat er eine bessere geliefert. Sogar eine ziemlich gute.
Hier gibt es die Sendung in der ARD-Mediathek

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