„Datenjournalismus ist der wichtigste Trend“

Redakteure, Medienentscheider und IT-Experten treffen am 29. September in Hamburg aufeinander, um über die wichtigsten Zukunftsfragen des Journalismus zu diskutieren. MEEDIA sprach vor der Veranstaltung mit der Keynote-Speakerin Shazna Nessa von der US-Nachrichtenagentur Associated Press über neue Wege, Geschichten zu erzählen und wie die Anforderungen an Redakteure steigen. „Wir brauchen eine Balance zwischen Schnelligkeit und dem ethischen Anspruch an den Journalismus“, fordert sie.

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Nessa arbeitet bei der Associated Press als Director of Interactive in New York. Diese Abteilung produziert visuelles und interaktives Material für Redaktionen weltweit. Unter ihrer Leitung gewann die AP den in den USA renommierten Eppy-Award.
Frau Nessa, erzählen Sie uns bitte von den heißesten Storytelling-Trends aus den USA.
Ganz oben stehen Datenjournalismus und dessen Visualisierung. An Platz zwei folgt Live-Storytelling mit einer steigenden Zahl von Aktualisierungen im Twitter-Stil. Und als drittes ist zu nennen, dass Newsrooms immer intensiver an Strategien arbeiten, wie sie Social Media stärker in die journalistischen Prozesse integrieren können. Aber auch abseits vom Nachrichtengeschäft gibt es Entwicklungen, die Teil der Nachrichtenbeschaffung von Nutzern sind, so wie die Fragen- und Antworten-Plattform Quora.com oder Location-based Services wie Foursquare und Gowalla.
Und welche dieser Trends lassen sich in die tägliche Arbeit einer Nachrichtenredaktion einbinden?
Meiner Meinung nach alle. Ich denke nicht, dass Live-Storytelling oder Social Media in nächster Zeit aus dem Nachrichtenalltag verschwinden werden. Das sind alles Gebiete, in denen sich Journalisten engagieren müssen.
Wie setzt AP diese Trends in seiner täglichen Arbeit um?
Wir setzen Visualisierungen von Daten jeden Tag ein. Egal ob es eine simple Tabelle oder eine detaillierte Präsentation von großen Datenmengen ist – unsere Interaktiv-Abteilung sucht ständig nach den effektivsten Wegen, um Informationen grafisch darzustellen und aussagekräftig für die Nutzer zu gestalten. Wir beschäftigen uns sehr stark mit Datenjournalismus und unser „Overview“-Projekt, unterstützt von der Knight Foundation, ist ein Ausdruck davon.
Welche neuen Herausforderungen ergeben sich dadurch für Journalisten?
Wir befinden uns in einer Zeit des Umbruchs im Journalismus und wir müssen eine Balance zwischen Geschwindigkeit und dem ethischen Anspruch an den Journalismus, umfassend und präzise zu informieren, finden. Redakteure müssen sich auch damit beschäftigen, wie sie ihr Publikum einbeziehen können. Das ist für viele sicher nicht einfach. Aber alle diese Fähigkeiten werden in Newsrooms gebraucht, von besseren Mathematikfertigkeiten über Programmierkenntnisse bis hin zu innovativen Storytelling-Ideen.
Sollte ein Journalist in diesen Zeiten dann eher ein Spezialist auf einem Gebiet sein oder sind Allrounder stärker gefragt?
Im Smartphone-Zeitalter sollte jeder Journalist in der Lage sein, Fotos zu machen oder kurze Videos aufzunehmen. Das bedeutet andersherum, dass auch Foto- und Videojournalisten gute Texte schreiben können müssen. Aber betrachten wir das Thema doch mal realistisch: Es ist schwer vorstellbar, dass eine einzelne Person in allen Bereichen ein Experte ist. Letztendlich hängt es immer von den Anforderungen des Jobs ab. Manche Positionen erfordern Fähigkeiten auf allen Gebieten, andere benötigen eine Spezialisierung. Digitale Abteilungen sind meistens mit Leuten besetzt, die programmieren, designen und Animationen erstellen können sowie 3D-Techniken beherrschen oder Datenexperten sind.
Bedeutet das, dass die Anforderungen an Journalisten steigen? Und wie können Redaktionen ihre Mitarbeiter fördern?
Die Ansprüche sind definitiv unterschiedlich und wir rotieren auf diesen neuen Gebieten noch sehr stark. Aber es ist eine sehr aufregende Zeit für Neugierige. Unterstützung durch die Redaktionen sollte in Form von Anerkennung und Transparenz über das, was in der Industrie passiert, kommen. Außerdem sollten Verlage ihren Journalisten Weiterbildungsmöglichkeiten eröffnen und dafür sorgen, dass neue Projekte tatsächlich umgesetzt werden.
Beim Scoopcamp leiten Sie den Workshop „The iconic turn – the magic of visual storytelling“. Bedeutet das, dass die Aufgaben von Grafikern und Fotografen wichtiger werden als die des klassischen Journalisten?
Das iPad bietet großartige Multimedia-Möglichkeiten – große Fotos, Videos, interaktive Grafiken – es verhilft visuellem Journalismus zu großer Aufmerksamkeit. Die Flipboard-App bietet mit ihren Social-Media-Optionen ebenfalls verlockende Möglichkeiten, um schöne Geschichten aus ansonsten sehr fragmentierten Informationen zu machen. Sie ist ein wirklich sehr durchdachter Ansatz für den User und wie er Nachrichten konsumieren kann.
Wie wird sich das Storytelling in den nächsten zwei bis fünf Jahren verändern?
Sozialer, mehr Echtzeit- sowie Location-based-Berichterstattung und individueller.
Welche Einflüsse hat das auf den Journalismus?
Die Branche muss schneller auf Trends reagieren. Und uns muss klar werden, dass die Medienlandschaft ein Ökosystem ist, in dem wir alle eine Rolle spielen, aber niemand das gesamte Spielfeld kennt. Außerdem müssen wir uns auf das konzentrieren, was wir am besten können, und dürfen den Leser dabei nicht aus den Augen verlieren.
Über das Scoopcamp am 29. September in Hamburg: Beim Scoopcamp wird über die aktuellen Ansätze zum Thema „New Storytelling“ in den Onlinemedien diskutiert. Die Chancen und Möglichkeiten, die sich Journalisten durch neue digitale Werkzeuge, Programme und Anwendungen bieten, stehen im Fokus. Dabei soll insbesondere auf die Potenziale digitaler Endgeräte für das visuelle Geschichtenerzählen eingegangen werden.

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