Ute Biernat: „Ich bin am Urschrei gescheitert“

Sie ist die erfolgreichste Unterhaltungsfrau Deutschlands und produziert Quotenhits wie "DSDS", "X Factor" und das "Supertalent". Ute Biernat, Grundy LE-CEO und UFA-Geschäftsführerin sprach in Berlin mit Christopher Lesko über Stationen eines Lebens zwischen Null und Hundert, über Sonntagskäfer auf ihrem Sofa und die GEZ als gefühlt deutsches Pay-TV. Sie erzählt von ihrem Weg in die Medien, der Geburt von “DSDS“, von Casting und Moral-Kritik, von Liebe, Tod und dem Älter-Werden.

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Frau Biernat, der Eintrag zur Ihrer Person bei Wikipedia ist gelöscht. Muss man chinesische Hacker befürchten, die deutschen Unterhaltungsformaten kritisch gegenüber stehen, oder haben Sie selbst Hand anlegen lassen?
Wahrscheinlich eher eine Attacke der chinesischen Hacker. Ich tendiere nicht dazu, mich selbst zu löschen. Ich wusste das gar nicht. Mein Ego ist relativ klein: Ich prüfe nicht jeden Tag bei Google, was über mich veröffentlicht wird.
Ein kleines Ego: Ist das förderlich oder hinderlich für die Rolle als CEO von Grundy LE und Geschäftsführerin von UFA?
Ich bin nicht so wichtig. Die Menschen vor der Kamera müssen groß wirken. Wären die Personen hinter der Kamera größer als diejenigen vor der Kamera, stimmte das Verhältnis nicht.
Können Sie mir in einigen Sätzen beschreiben, wer genau hier vor mir sitzt?
Weiblich, blond, bodenständig.
War es das schon?
(Lachend) Da gibt es wahrscheinlich noch viel mehr…
Das freut mich für uns beide. Was denn?
Ach je, mich selbst zu beschreiben…: Ich bin ein leidenschaftlicher Mensch und mache alles, was ich tue, gerne aus vollem Herzen – oder gar nicht. Ich kann nur Null oder Hundert. Ich kann noch nicht einmal schlendern. Ich kann nur schnell laufen oder sitzen. Früher dachte ich, ich hätte kein diplomatisches Geschick. Inzwischen weiß ich, da ist mehr vorhanden, als ich dachte. Ich glaube, ich kann ganz gut zwei verschiedene Welten verbinden. Und – ich liebe Unterhaltung.
Null und Hundert birgt schon die Option auf künftige Herzinfarkte, oder?
Auf jeden Fall! Ich war gerade beim Kardiologen. Alles in Ordnung. Ab einem gewissen Alter lässt man ja einen Jahres-Check über sich ergehen. Das mit den Null und Hundert habe ich erst vor einiger Zeit entdeckt: Viele rieten mir, mir Dinge nicht so zu Herzen zu nehmen und Distanz zu manchem herzustellen. Das liegt mir nicht: Entweder ganz oder gar nicht. Ich habe auch kein Problem, Fehler zuzugeben: Kinder lernen aus Fehlern, ohne Fehler wird man nichts und ist arm dran.
Welche Frage sollte ich Ihnen in diesem Gespräch auf gar keinen Fall stellen, und wie hieße die Antwort darauf?
Lassen Sie die Lieblingsfrage vieler weg: “Was ist gute Unterhaltung?“. Darüber muss ich entweder ein Buch schreiben, oder ich weiß keine Antwort darauf.
Eine Wetterkarte mit Kachelmann wäre heute sicher unterhaltsam. Mit welchen Menschen, Werten und Bildern vom Leben sind Sie denn aufgewachsen?
Ich habe schlesische Eltern. Mama ist aus dem Riesengebirge, Papa aus Breslau. Die sind gelandet im tiefsten Westfalen: Stromberg in der Nähe von Gütersloh. Ich bin also auf dem Land in einem 3000-Seelen-Dorf aufgewachsen. Wohlbehütet, ich musste immer irgendwo hingefahren und wieder abgeholt werden Ein Schicksal, dass viele junge Menschen auf dem Land teilen. Ich war stets sehr neugierig und durfte alles ausprobieren, das war klasse: Klavier, Ballett als klassische Mädchen-Ausbildungen, aber auch Theater spielen, Leistungssport, Baumhäuser bauen. Ich war zwar nie eine Einser-Kandidatin in der Schule, aber ich hatte die Freiheit eines weiten Testfeldes. Dafür bin ich meinen Eltern heute noch dankbar. Mein Vater sagte zwar häufiger: “Kind, Du musst auch mal etwas zuende führen. Aber: Wenn Du immer noch nicht gefunden hast, was Dir Spaß macht – irgendwann kommt das schon.“ Mit Fernsehen hatte ich eigentlich nichts am Hut. Ich bin mit drei Programmen aufgewachsen und durfte als Kind samstagabends aufbleiben.
Was hat Ihr Vater beruflich gemacht?
Er war ein Mittelding aus Architekt und Unternehmensberater. Kaufmännisch orientiert. Kennzahlen.
Haben Sie von Ihren Eltern irgendetwas lernen können, was Ihnen für Ihr Leben geholfen hat?
Das klingt jetzt semi-philosophisch oder hobbypsychologisch: Toleranz! Wenn man sein Zuhause als klassisch Vertriebener verlassen muss, wünscht man sich die Toleranz der Menschen in der neuen Heimat – so ging es meinen Eltern. Ich bin so erzogen worden, allen Menschen gleich zu begegnen und in andere oder sich selbst nichts hineinzulegen, was nicht vorhanden ist und nicht passt. Meine Oma hat immer gesagt: “ Ute, ein Pisspott ist ein Pisspott und ein Bratpott ist ein Bratpott, versuch nicht, das eine aus dem anderen zu machen.“ Das klingt vielleicht sehr platt, beschreibt aber deutlich, andern mit Respekt zu begegnen, Diese Haltung war für mich eine ganz gute Lebenshilfe.
Das klingt nicht platt. Es kollidiert halt häufiger mal mit der Realität.
Das stimmt, aber es macht einen irgendwie auch bodenständig. Ich zum Beispiel fliege gerne. Aber ich hebe eben lieber praktisch ab als theoretisch.
Drei Programme haben genügt für Ihr späteres Interesse an der Medien-Welt?
Ja. Ich bin dann nach Köln zum Studium, weil ich eigentlich Schauspielerin werden wollte. Mein Vater sagte: “Kind, werde alles, nur das nicht. Werde doch Juristin.“ Er hatte sich  etwas eher Ordentliches für mich vorgestellt, hat dann doch schnell aufgegeben, weil er auch fand, mein späterer Beruf solle mir schon auch Spaß machen. Meine Eltern haben sich nie in den Weg gestellt. Ich habe dann tapfer Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften, Germanistik und Kunstgeschichte studiert. Ohne zu wissen, was ich werden will und. Ich habe heimlich Schauspielunterricht genommen: Grotowski – polnische und russische Methoden. Ich bin dann aber am Urschrei gescheitert und habe gemerkt: Auf Kommando kann ich gar nichts. Immerhin führte das zu meinem heute entspannten Verhältnis zu Kameras, weil ich überhaupt nicht meine, ich müsste davor. Das Thema war mit Anfang zwanzig abgehakt.
Wie sind Ihre ersten praktischen Kontakte zur Arbeit in Medien entstanden?
An der Uni lernte ich Menschen vom WDR kennen, machte ein Praktikum im Hörfunk. Zwischenzeitlich arbeitete ich bei einer Zeitung, und mit Journalismus und Schreiben warf es mich zum WDR in die Magazine. Ich vergesse nie meinen ersten Beitrag für die “Aktuelle Stunde“. Ich bin dahin und sagte: “Theoretisch bin ich total auf Zack, habe das aber noch nie gemacht, kann ich da mal mitspielen?“. Die haben mich dann machen lassen. Also: Der WDR ist schuld an meinem Werdegang. Dann habe ich Beiträge und jahrelange Dokumentationen gemacht, zwischendrin Examen, und plötzlich stand ich mit Anfang Dreißig da, hatte schon fast zehn Jahre Fernsehen gemacht und dachte: Ob ich jetzt noch zehn Jahre Dokus mache, oder in China ein Sack Reis umfällt, bekommt auch keine Socke mit. In der Zwischenzeit waren schon Horden von Menschen, die mit mir studiert hatten, zu RTL unterwegs und dort happy. Ohne etwas zu wissen einfach zu behaupten, ich könne Unterhaltung und auch zu RTL zu wechseln, wäre nichts für mich gewesen. Damals gab es noch kein Mail. Also besorgte ich mir über die Gothe-Institute die Adressen aller möglichen internationalen Fernsehanstalten und versendete kiloweise Faxe. Ein dreiviertel Jahr später bekam ich Antwort aus Neuseeland: Ja, ich könnte jetzt kommen. Danach kamen Zusagen aus Australien und der ABC in den USA, und ich dachte: Nun muss ich nur noch aufpassen, dass ich alles hintereinander bekomme: Irgendwo nein zu sagen, wollte ich nun nicht mehr. So habe ich es dann gemacht. Ich konnte ja überall nur ein halbes Jahr bleiben und musste zurück, weil Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung abliefen. Im Nachhinein war das die beste Zeit meines Lebens: Die härteste, aber ich habe am meisten über mich gelernt. Aus heutiger Sicht würde ich die Tour allerdings nur mit ein oder zwei Ländern empfehlen: Immer, wenn ich wusste, wie der Hase läuft, musste ich wieder einpacken, ins nächste Land und dort von vorne anfangen. Das hat mein Ego relativiert: Ich war damals ja nicht 16 und Schülerin, sondern doppelt so alt und hatte schon Standing, Erfahrung und eine Mini-Karriere. An dieser Stelle quasi in jedem der Länder wieder neu von vorn anzufangen, bildete schon eine besondere Erfahrung.
Im Medien-Business verschwimmen ja häufig Grenzen zwischen Beruf, Rolle und Privatleben. Wie gut oder wie lausig ist denn Ihre Balance zwischen Privatleben und Beruf in Waage?
Meistens eher lausig. Ich bin froh Freunde zu haben, die mich lange kennen und wissen, dass ich viel unterwegs bin und nicht eben mal abends ein Bier trinken gehen kann. Das reduziert sich eher auf Wochenenden. Für mich ist die Balance in Ordnung, sonst würde ich es ändern.
Privat beschreibt ja auch den Raum hinter allen Rollen, Kontexten und Kontakten. Ute Biernat ganz für sich alleine- haben Sie dafür noch Zeit?
Nicht mehr so viel wie früher. Was mich sofort runterholt ist am Meer zu sitzen. Man kann mich also stundenlang am Wasser abschmeißen, ich sitze da und gucke geradeaus. Das ist nicht nur beruhigend, sondern relativiert viel und man bekommt ein Gefühl dafür, was wirklich groß und mächtig ist. Ich liebe auch Städte am Wasser, und Seen. Jede Sorte Wasser in jeder Größe und Gemengelage – wenn es sein muss, auch eine Pfütze. Ich bin halt kein Klettervogel.
Sie haben “Pop Idol“ für den deutschen Markt mitentwickelt und mit “DSDS“ eines der erfolgreichsten Unterhaltungsformate der letzten Jahre kreiert. Erzählen Sie doch über die Zeit der Entstehung des Formates.
2000: Es begab sich zu der Zeit, dass Musikmanager Simon Fuller, mit Kollegen meines Mutterhauses FremantleMedia in London zusammensaß und etwas für junge Leute machen wollte: Musik, Träume erfüllen, Wettbewerb. Man überlegte, wie man das umsetzen könnte. Ich war nur kurz dabei. Die englischen Kollegen haben das Format kreiert. Der Launch in UK 2001 wurde sofort ein Riesenerfolg. Damals herrschte in Deutschland noch die Haltung, Musik im deutschen Fernsehen ginge eigentlich nicht. In allen Sendungen konnte man beobachten, dass sobald eine Band auftrat weggeschaltet wurde. Es gab auch kaum Musiksendungen, also man riss sich nicht um das Format in Deutschland. Nach UK wurde die Sendung zuerst in Südafrika ein Erfolg, dann in Polen und dann in USA. Zu diesem Zeitpunkt waren wir schon mit RTL in Kontakt.
Warum RTL?
Die Frage, welcher Sender für so viele Sendungen Programm freischaufeln könne, begrenzte die Wahl der Partner, da kamen nicht so viele Sender in Betracht. Herr Zeiler war damals schon ein Befürworter des Formates und hatte auch Dieter Bohlen an Land gezogen. Das Format war in Deutschland geboren. Ich werde nie vergessen: Die ersten Sendungen waren gut. Dann standen die ersten 10 Finalisten bei Jauch beim Neujahrsspringen und sangen “We have a dream“. Seit dem gab es kein Halten mehr – bis heute.
Dieter Bohlen als zentrale Identifikationsfigur bildet ja Segen und Fluch?
Wieso?
Erst meine Frage. Dann Ihre.
(Lachend): Ich finde, dass Dieter Bohlen “DSDS“ über die Jahre sehr mitgeprägt hat und wirklich zu seiner Sache gemacht hat. Er hängt sich da total rein, das finde ich sensationell. Er ist ein unerschöpflicher Quell, hat bis in Details tausend Ideen und wird natürlich ungehalten, wenn das alles nicht so funktioniert, wie er sich das gedacht hat. Ich kann das nachvollziehen, weil ich selbst ein leidenschaftlicher Mensch bin. Wenn man vor Ideen sprüht, und dann kommt nichts zurück geht es einem, als spreche man in ein Megaphon und es verhallt irgendwie. Das ist unbefriedigend.  Ich habe Dieter Bohlen gut kennen gelernt: Wenn man ihm begründen kann, weshalb eine Idee nicht umsetzbar ist, dann kann er das akzeptieren oder sucht nach Alternativen. Er ist konstruktiv und kooperativ. Wir haben jedes Jahr die Diskussion, ob noch eine DSDS-Runde geht, ob an Talenten in Deutschland alles abgefischt ist oder nicht. Bisher war es immer gut, dass wir uns für die Fortsetzung von DSDS entschieden haben und ich hoffe, das bleibt noch eine Weile so.
Wenn Sie Ihre Arbeit, die Kooperation mit Sender und Protagonisten der Formate betrachten und vergleichen “DSDS“ mit “X Factor“: Wo liegen die Unterschiede?
Mit RTL haben wir eine gemeinsame, zehnjährige Geschichte zum Thema Casting. Nicht nur mit “DSDS“, sondern inzwischen auch im 5.Jahr mit dem “Supertalent“. Gemeinsam mit VOX sind wir im zweiten Jahr: VOX und Shows hatten für sich genommen kaum Geschichte und wir als Produktionsfirma mit VOX auch nicht. Das war also ein wenig jungfräulich….
Ein wenig jungfräulich und dann ein bisschen schwanger.
(Lachend):Jungfäulich bis auf das Genre Casting. Jedesmal, wenn man Casting sagt, ist “DSDS“ Benchmark, egal mit welchem Sender man spricht oder wie umfangreich Budgets sind. In dieser Gemengelage muss man Format und Unterschiede austarieren, auch mit SyCo: Das Format “X Factor“ zum Beispiel gehört ja Simon Cowell, der schaut weltweit auch noch drauf: Welches Land hat mit welchen Elementen schon gearbeitet, was ist in die Hose gegangen, was war gut? Erfahrungen anderer verwerten zu können, ist toll am internationalen Formatfernsehen. Da mit Vox zu “X Factor“ eine Eigendynamik zu gewinnen, ist uns in der ersten Staffel ganz gut gelungen, auch wenn es manchmal noch ein wenig geruckelt hat. In der zweiten Staffel, die seit dem 30.08. zu sehen ist, ist uns ein Quantensprung gelungen: Wir sind zehnmal besser, als in der Ersten.
Was ist das, was Sie mit Quantensprung meinen?
Das betrifft Abstimmungen und Prozesse: Wir kennen uns besser. Was meint jemand, der Grün als Farbe nennt? Hellgrün? Dunkelgrün? Army- oder Türkistöne? Da haben uns die gemeinsamen Erfahrungen der ersten Staffel geholfen. Quantensprünge auch im Geschichten-Erzählen, in der Dramaturgie. In Summe also eine ganze Menge. Ich liebe es sehr, wenn man sich hinsetzt, selbstkritisch bespricht und auswertet. Ich wühle gerne das Unterste nach oben um zu verstehen, was man besser machen kann. Nichts ist schlimmer als Routinen, in denen man gefangen ist. Bei Routine entstehen Fehler, die gefährlich sind. Beim Experimentieren entstehen Fehler, die man nicht vermeiden konnte.
“X Factor“ hat nach der ersten Staffel den Bayerischen Fernsehpreis 2011 erhalten. Das ist nicht zwingend Standard für Casting-Shows. Warum?
Das hat mich total gefreut! Ein Grund ist, weil es in dem Casting-Gelände, in dem jeder gedacht hat, jetzt sei aber genug, gelungen ist in einer ganz besonderen Art einen eigenen Platz zu besetzen.
Sie kennen die Diskussion um Aspekte moralischer und ethischer Flexibilität…
Hmmh…
.. im Zusammenhang mit “DSDS“ zur Genüge. In vielen Interviews und Talk-Shows argumentieren Kritiker und Befürworter redundant aneinander vorbei. Welche Argumente der Kritiker können Sie persönlich denn verstehen?
Wenige. Moralische Aspekte sind ja immer politisch korrekt, damit hat man ja immer alle auf seiner Seite. Aus dem Stand und spontan ist das moralische Gezeter jedem willkommen. Viele folgen dem ersten Reflex, andere moralisch über den Hof zu treiben. Ich finde an sehr vielen Stellen geht es bei Moral-Diskussionen um eine Mischung gefühlter Werte, darum Recht zu haben und sich zu erheben. Wir tun mit DSDS Dinge, die auf jedem Schulhof passieren. Wir zeigen mehr reales Leben von jungen Leuten als viele Dokus.
Sie haben gesagt, Sie könnten wenige Argumente der Kritiker verstehen. Aus alternativer Perspektive: Hätten Sie musikalisch begabte Kinder, die unbedingt als Kandidat zu DSDS wollten – würden Sie Ihre Kinder lassen?
Es kommt darauf an, wie alt sie sind. 14 wäre ohnehin die Voraussetzung. Und es kommt darauf an, ob sie wirklich flackern. Ich würde kein Kind hintreiben in der stillen Hoffnung, wir bekämen eine halbe Million nachhause. Eine Eislaufmutter wäre ich nie geworden. Ich finde auch, man muss sinnvoll mit Grenzen und Verboten für junge Leute umgehen. Mir persönlich als Jugendlicher war immer lieber, mir selbst ein blaues Auge zu holen und fest zu stellen “Scheiße, Schauspiel kannst Du nicht“,  als gar nichts ausprobieren zu dürfen, und vielleicht lebenslang einem stillen Traum hinterher zu laufen. Also – insofern: ja.
Sie finden die Kritik unverhältnismäßig?
Den Kritikern geht es ja grundsätzlich um die Frage: Was darf sein im deutschen Fernsehen. Diese Frage hat es immer schon gegeben. Stellen Sie sich einmal vor, heute würde jemand “Klimbim“ machen: Zwei barbusige Aktricen, die halbnackt durchs Feld hüpfen. Alle würden sich heute echauffieren ohne Ende. “Klimbim“ ist aber vor etwa 30 Jahren gelaufen. Oder die “Wünsch Dir Was“ – Diskussion mit der Seidenbluse. “Big Brother“ am Anfang oder der “Dschungel“. Der ist jetzt plötzlich Comedy. Und weil es Comedy ist, kann man mehr machen, und das Essen von Maden ist nicht mehr eklig. Ich stelle das grundsätzlich nicht in Frage, ich stelle nur fest: Diese Diskussion ist nicht neu, sie existiert lange und in vielen Genres. Es wird sich immer jemand über etwas aufregen, wir werden das nicht verhindern können, egal was wir mit den Sendungen machen. In Zeiten von Web und Youtube ist allerdings die Frage erlaubt: “Wo ist die Verhältnismäßigkeit im Umgang mit Moral und Werten von Fernsehen im Vergleich zu anderen Medien?“ Es wird so wenig ganz geguckt.
Ihr Quotenhit “Supertalent“ startete bei RTL gewohnt erfolgreich. „Let´s Dance“ – Jurorin Motsi Mabuse löste Bruce Darnell ab. Warum dieser Wechsel?
 
Ich glaube, dass Bruce der Job als Juror beim Supertalent sehr viel Spaß gemacht hat und auch für uns war es eine schöne und  Zusammenarbeit. Er wollte jetzt eine Auszeit und sich vielleicht auch neuen Herausforderungen widmen – das steht jedem zu.

Was ändert sich durch den Wechsel: Was geht verloren, was kommt hinzu?
 
Bruce hat unglaublich viel Emotionalität mit in die Jury gebracht. Mit Motsi und Sylvie haben wir jetzt geballte Frauenpower und Dieter in der Mitte. Motsi ist sehr temperamentvoll und ich freue mich sehr auf die Staffel mit ihr.
Wenn Sie in Interviews und Talk-Shows sichtbar werden, geht es ja in erster Linie…
..um Casting.
Versenkt! Über welche Ihrer Formate wird denn aus Ihrer Sicht zu wenig gesprochen?
Über alle, die moralisch wertvoll sind wird nicht geredet. “Sag die Wahrheit“ im und mit dem SWR. Regional aufgestellt, seit fünf Jahren läuft es wie geschnitten Brot. Ich bin ganz stolz auf das Produkt: Es ist super produziert, bringt Spaß ohne Ende und dem SWR Super –Quoten. Und es wird in der Presse kaum wahrgenommen.
Der deutsche TV-Markt als auch international großer Markt hat ja viele unverwechselbare Besonderheiten. Wie genau sehen Sie aus Ihrer Position Chance und Zukunft des Pay TV?
Pay TV – schwierig in diesem Land. Die deutsche gefühlte Wirklichkeit von Pay TV heißt GEZ. Alles on top ist mit Ausnahme von Fußball für den deutschen Konsumenten eher Luxus. Filme kann ich mir im Netz herunterladen, anstatt Filmpakete im TV zu bezahlen. Ich persönlich möchte Pay TV nicht verantworten.
Fragte man Ihre Mitarbeiter nach dem Führungsstil von Ute Biernat: Wie hieße die Antwort?
Also, ich kann jetzt sagen, wie ich es gern hätte, dass sie antworten.
Das wäre mal ein Anfang.
Ich verlange von meinen Mitarbeitern nichts, dass ich auch von mir selbst verlange. Ich bin eine gute Vorturnerin. Ich predige nicht Wasser und trinke Wein, und ich traue meinen Mitarbeitern. Ich bin zwar überall mit drin, dran und drauf, aber ich bin kein besessener Kontrollfreak. Das wäre auch hinderlich, wenn man einen Laden nach vorne bringen will. Natürlich muss ich wissen was läuft: Ich bekomme ja auch bei Fehlern als Erste den Ball an den Kopf. Ich glaube, ich kann ganz gut motivieren und mitreißen. Und ich bin da, wenn mich jemand braucht – egal wann.
Können Sie privat eigentlich noch fernsehen?
Ich bin ein großer Tatort-Fan, wenn ich Sonntagabend wie ein Käfer auf dem Sofa liege.
Um 20.15 h liegen Sie schon wie ein Käfer auf dem Sofa?
Ja, manchmal heißt es nur noch Füße hoch. Ich möchte weder lesen noch anderes kulturell-wertvolles Zeug machen. Bücher lese ich bei langen Zugfahrten oder in den Ferien, schlafe aber gerne mal auf Seite 15 ein und fange dann wieder von vorne an.
Was müsste ich tun, um mir so schnell wie möglich Ihren größtmöglichen Ärger zuzuziehen?
Ach…Ärger…: Das ist so theoretisch..
Ich könnte es in die Praxis umzusetzen. Ich müsste vorher nur schnell mal von Ihnen wissen wie.
Intellektueller Diebstahl. Wenn jemand gute Ideen anderer als seine eigenen ausgibt –  das wäre ein geschickter Weg, mich schnell und solide zu ärgern.
Wenn Sie Ihr Leben nicht durch die Frontscheibe sondern durch den Rückspiegel betrachten: Auf welche Ihrer Erfahrungen hätten Sie gerne verzichtet?
Ich habe mir vor zwei Jahren ein Fußgelenk gebrochen, darauf hätte ich gerne verzichten können…
Null und Hundert: Schnell zu laufen ist nicht immer billig.
Beruflich hätte ich auf keine meiner Erfahrungen gerne verzichtet. Das einzige, was mich im Rückblick häufiger beschäftigt ist die Frage, was wohl aus mir geworden wäre, wenn ich mich selbstständig gemacht hätte. Ich war ja damals mit den Dokus selbstständig, aber ob ich das mit Unterhaltung auch hinbekommen hätte? Mein Weg bei Grundy und UFA hat ja 1996 als Angestellte begonnen und ist als Geschäftsführerin 2000 weiter gegangen. Es hat sich so viel entwickelt unterwegs, durch die Schweiz, Österreich, die Ufa Entertainment: Immer, wenn die Herausforderung dünner wurde, kam das Nächste um die Ecke. Insofern erhob sich diese Frage bislang nicht.
Wenn Sie die Aufgabe hätten, für ihr restliches Leben eine solide Krise zu planen: Wie genau sähe die aus?
(Lachend): Ich habe ständig Krisen. Zweimal im Jahr hatte und habe ich eine Generalkrise und frage: Bin ich noch gut genug? Sollte ich nicht lieber etwas ganz anderes machen? Kann und will ich das noch?
Das ist jetzt Koketterie oder ernst gemeint?
Nein, ernst. Ich neige zu wirklich intensiver Selbstkritik, manchmal auch zu lange. Dann schmiere ich ab und komme da schwer wieder raus. Ich checke in der Tat: Will ich das noch machen, oder bleibe ich hier nur sitzen, weil mir nichts Besseres einfällt. Ich finde das grundsätzlich gesund, das werde ich wohl für den Rest meines Lebens behalten. Also zusätzliche Krisen, brauche ich nicht,
Können Sie mir in einigen Sätzen beschreiben, was für Sie Liebe ist?
Liebe…sagt man ja schnell mal so dahin. Es gibt viele Formen. Ich liebe das Leben. Partnerschaftliche und menschliche Liebe ist: Neugier. Einlassen. Loslassen. Platz lassen.
Das war Ihr relatives Optimum an Detaliierung?
Nein, also: Man kann sich ja zu Tode knutschen. Alle Menschen, die mir in meinem Leben viel bedeuten, ziehe ich ganz nah an mein Herz ran und muss sie zwischendurch wieder loslassen. Das möchte ich auch im Umgang mit mir. Ohne sich aus den Augen zu verlieren und zu sagen, es ist egal, was Du machst. Ich erdrücke nicht gerne, und ich werde nicht gerne erdrückt. Aber ich muss immer schauen, ob noch alle da sind. Einmal durchzählen und wissen, die meinen mich noch. Und dann aber auch wieder gehen können.


Ute Biernat und Christopher Lesko

Das ist eine erwachsene Antwort, die Liebe und Freiheit verbindet. Übrigens: “Gehen zu können“: Denken Sie manchmal an den Tod?
Ja. Gerade sind innerhalb von 14 Tagen die Schwester meines Vaters und die meiner Mutter gestorben. Ich glaube, wir beschäftigen uns zu wenig mit dem Thema. Alle blenden das so gerne aus: Der Prozess des Älter-Werden als Thema – das geht gerade noch. Tod als Thema ist viel schwerer.
Wie gefällt Ihnen denn der Prozess des Älter-Werdens?
Wenn man jung ist, ist Älter-Werden ganz einfach. Irgendwann entdeckt man die ersten grauen Haare und fängt an, das Altern zu vertuschen. Ich versuche, mich damit zu arrangieren und es zu akzeptieren. Noch kann ich es gut finden, aber ich habe genetisch auch Schwein gehabt. Ich merke aber, dass die weibliche Eitelkeit das eine oder andere nicht mehr so zulässt. Miniröcke und bauchfrei muss ich nicht mehr so haben. Man lernt es, seine Vorzüge herauszuarbeiten. Ich möchte später keine verbissene alte Tante mit einem grauen Knoten werde, Ich hätte irgendwann gerne viel  Zeit und würde gerne eine lustige Alte  werden.
Haben Sie denn noch Träume? Tausend Formate? Private Träume?
Tausend Formate Ja!. Ich würde gerne einmal ein selbstentwickeltes deutsches Format um die ganze Welt reisen sehen. Hier und da gelingt das ja ein wenig, aber wir könnten da noch experimentierfreudiger sein. Wir haben keine stabile Tradition im Austausch von und Mut zu Experimenten – auch unter uns Produzenten. Da könnte man mehr versuchen, Räume gäbe es. Ich glaube auch, die Amis laufen gerade ein wenig leer, da würde mehr Energie in dieser Frage lohnen. Und private Träume: Ich würde gerne fliegen lernen, aber dazu bin ich leider schon zu alt, da lässt mich keiner mehr. Ich hätte gerne ein Haus am Meer. Wo wäre egal. Hauptsache warm. Und mal ehrlich: Ohne Träume geht es doch gar nicht!
Vielen Dank für das Gespräch!

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