„MM“ – der Benedikt-Groupie beim Spiegel

Während der gedruckte Spiegel zu Beginn der Woche eine kritische Titelstory zum Besuch von Papst Benedikt XVI. in Deutschland veröffentlichte (“Der Unbelehrbare”) und den prominenten Kirchen-Kritiker Hans Küng interviewte, fährt Spiegel-Autor und Papst-Fan Matthias Matussek bei Spiegel Online eine Art Ein-Mann-Gegen-Kampagne. Mit Videos und Text-Beiträgen geriert sich Matussek als verzücktes Benedikt-Groupie ohne jeden journalistischen Rest-Anspruch.

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Vor allem ein Foto bleibt von Matthias Matusseks jüngster Video-Kolumne ("Nah‘ dran am Pontifex") im Gedächtnis. Das Bild zeigt Matussek im Flugzeug des Papstes auf dem Weg zum Weltjugendtag nach Madrid. Matussek lächelt versonnen den Papst an, beugt sich weit vor, umfasst die Hände des Papstes. Wir sehen: bedingungslose Hingabe, ja Verzückung. Ein Foto, das einen Fan und sein Idol zeigt – nicht einen Journalisten und das Objekt seiner Berichterstattung. Ganz am Anfang des Videos zeigt Matussek stolz eine Art Reporter-Reliquie, das Kissen mit Vatikan-Wappen, auf das er während seiner Reise mit dem Papst sein "Haupt bettete".

Der Fan Matussek schwärmt in seinem Video von dem Madrid-Besuch des Papstes: “eine triumphale Tour zur Weltkirche”,  “wo immer er auftauchte war die Begeisterung groß”, “die jungen Leute waren begeistert. Eine tolle Stimmung” usw. Matussek verarbeitete die Papst-Reise bei Spiegel Online auch in einer eigenen Artikel-Serie in ähnlich jubilierendem Duktus. Wer außer der schwülstigen Reise-Literatur des Matthias Matussek noch andere Berichte über die Papst-Reise nach Madrid gelesen hatte, konnte dort auch etwas über zahlreiche, ungewöhnlich scharfe Proteste gerade von Jugendlichen gegen den Papst-Besuch in Spanien erfahren. Matussek war dies in seinem neuen Video nicht einmal eine Erwähnung wert.

Stattdessen fabuliert er in einem aktuellen Text-Beitrag für Spiegel Online, der als “Polemik” gekennzeichnet ist, von einem Kulturkampf zwischen "Zeitgeistlern" und "Beharrungs-Religiösen". Nach der Lektüre kann kein Zweifel bestehen, dass Matussek sich selbst zu Letzteren zählt. Er bewundert an dem Papst, dass dieser sich treu geblieben sei, dass er “der verkörperte Widerstand gegen die Idiotien des Tages” sei, dass er der “großartige, letzte Nonkonformist” sei. Das passt zu seinem Video, in dem Matussek konstatiert, “das Kühne an diesem Papst ist, dass er gerade nicht reformiert. Jeder Depp kann heute reformieren.” Und: “Er wird klarmachen, was Katholisch ist und was wir nicht über Bord werfen sollten.” Da kann man es fast mit der Angst zu tun bekommen.

Das alles ist von einem so unbedingten Willen zur Unterwerfung durchdrungen, wie man es sonst nur noch beim Bild-Briefe-Onkel Franz Josef Wagner findet, der sich auf seine ganz eigene, wirre Art und Weise bei Benedikt XVI. anbiedert: “Sie sind für mich ein unbeirrbarer Uhrmacher, Sie sind für mich die Uhr zu Gott.” Ob Wagners Uhr noch richtig tickt?

Beim Papst, da hört für die Fan-Boys Matussek und Wagner der Spaß sichtlich auf. Einen Tag vor seinem jüngsten Liebesbrief an den Papst, klagte Wagner: “Alle Wichtigtuer, Zeitgeistler, Talkshow-Idioten hauen auf dem Papst rum. Es ist so erbärmlich.”

Es geht sowohl bei Wagner als auch bei Matussek vor allem gegen den so genannten “Zeitgeist”. Gegen Leute, die sich “alle 15 Minuten was Neues ausdenken”, gegen Reform-Eiferer und “Eiapopeia-Katholiken”. Man applaudiert in diesen Kreisen dem Papst, weil er “sich treu” ist, weil der Traditionen hochhält und “das Katholische” bewahrt und gegen die Ungläubigen verteidigt. Die harte Linie ist gefragt und ein Hardliner wie Benedikt XVI. ist da offenbar hoch willkommen.

Inhaltliche Punkte fallen bei dieser General-Verteidigung des Erz-Katholischen unter den Tisch. Die umstrittene Haltung des Papstes zur reaktionären Pius-Bruderschaft, die bestenfalls zögerlich zu nennende Rolle der Amtskirche bei der Aufarbeitung der Missbrauchs-Skandale, die unter den Talaren allerorten hervorlugende Scheinmoral – dazu und zu vielen anderen Punkten schweigen die Benedikt-Groupies lieber.

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