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Dummy: Es darf auch mal Scheiße sein

Independent-Magazine waren vor sieben, acht Jahren das große Ding. Etablierte Medien und Fachtitel bestaunten junge Magazinmacher, die trotz oder gerade wegen des Internets ihre eigenen Zeitschriften gründeten. Seitdem sind ein paar Titel verschwunden, ein paar neue hinzugekommen, andere ließen sich von Großverlagen kaufen. Der Hype ist derweil vorbei. Zu den Überlebenden gehört Oliver Gehrs´ Dummy. Nun schenkte sich die Redaktion ein Buch.

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Independent-Magazine waren vor sieben, acht Jahren das große Ding. Etablierte Medien und Fachtitel bestaunten junge Magazinmacher, die trotz oder gerade wegen des Internets ihre eigenen Zeitschriften gründeten. Seitdem sind ein paar Titel verschwunden, ein paar neue hinzugekommen, andere ließen sich von Großverlagen kaufen. Der Hype ist derweil vorbei. Zu den Überlebenden gehört Oliver Gehrs´ Dummy. Nun schenkte sich die Redaktion ein Buch.

"Das Beste und Schlimmste aus 30 Mal Magazinmachen" verspricht der Sammelband. Wobei das "Schlimmste" nicht mit dem "Schlechtesten" zu verwechseln ist, sondern vermutlich nur abseitige Ideen meint, von denen die Macher eine Menge haben. Doch dazu später. Dummy, gegründet von Oliver Gehrs, Jochen Förster und Heike Blümner vor gut acht Jahren, blieb seinem Ansatz über die Jahre treu. Ein Heft, ein Thema, jeweils ein Art Director. Ein Foto am Anfang des Buches zeigt eine Szene aus der Redaktion, in der Gehrs am Laptop sitzt, auf dem Kopf eine Art Zirkusdirektorenzylinder. Inszenierung und Echtheit liegen da vermutlich nah beieinander. Dummy dürfte es eigentlich gar nicht geben, schreibt Gehrs im Vorwort. Keine Marktforschung, keine Schleichwerbung, überhaupt wenig Werbung. Der Kleinverlag habe sich stattdessen "dreist über die Mechanismen der Verlagsbranche hinweggesetzt".

Will man über Dummy schreiben, muss man hehre Worte wie Wirklichkeit, Unmittelbarkeit und Authentizität nennen. Aber auch Provokation, Verarschung und Eitelkeit. Im Buch resümiert Gehrs, heute Herausgeber des Magazins: "Was haben wir gemacht? Angeödet von Jobs bei großen Tageszeitungen oder dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen…gründeten wir ein Magazin, in dem es Geschichten und Bilder von Alten, Nackten und Behinderten gibt. Von Juden, Türken und Schwarzen, Perversen und furchtbar Normalen." Ob das "mutig" sei, denn so wird Dummy oft tituliert? Gehrs meint, es wäre schon schlimm genug, wenn das so sei.
Ein Blick hinein ins Buch. Die vielen Geschichten aus den monothematischen Heften, die Verbrechen hießen, auch Kinder, Angst, Juden, Schweiz, Tiere, Liebe, Mama und Freiheit, Provinz und Atom, wurden für das Buch quasi remixt und wiederum in Kapitel gesteckt, die nun Überschriften wie Liebling, Schlimme Dinge, Sex und Politik tragen. Aber die Kategorisierung ist eigentlich gar nicht so wichtig. "Es kommt auf die Inhalte an", schreibt Gehrs. Und die sind unbestreitbar ziemlich gut, Texte wie Fotos. Was zeichnet sie aus? Kompromisslosigkeit wäre als Etikett zu plakativ. Denn natürlich sind zumindest die meisten Journalisten und Fotografen, die für Dummy gearbeitet haben, keine Hasardeure. Aber: Sie geben fast alle etwas von sich preis, sie geben sich nicht schnell zufrieden und gehen Risiken ein.

Gleich der erste Text im Buch von Ralf Grauel beweist das. Grauel porträtierte einen Exhibitionisten, den er nicht als Freak oder Perversen brandmarkte, sondern als Mensch mit einer Macke beschrieb, die erklärt werden wollte. Außenseiter und Minderheiten sind es, bei denen in der Dummy-Redaktion die Antennen ausfahren – Behinderte, Kriminelle, Sonderlinge. Auch Menschen, die nicht den christlichen Glauben haben oder eine andere Hautfarbe als weiß. Eine Masche? Vielleicht. Und egal. In Hollywood gewinnen Filme, die das Aufeinanderprallen des vermeintlich Normalen mit dem Anderen thematisieren, einen Oscar. Bei Dummy wird daraus oft guter Journalismus. Ein Leser liest hier, und blättert nicht nur durch. Keine geringe Leistung.

Zu loben sind auch die Fotos. Reportagebilder von der israelischen Armee, Fotos von Globalisierungsgegnern und Behinderten beim Sex. Im Liebe-Heft heulten Menschen Rotz und Wasser vor der Kamera, das Männer-Heft zeigte ungelenk tanzende Typen, Roberto Blanco legte sich für ein Shooting in eine Badewanne voll Milch (vielleicht war es auch weißes Wasser). Kanzlerin Angela Merkel wurde für das Themenheft "Werben und Verkaufen" in ein Covermodel verwandelt, ein Bild von Familienministerin Schröder mit Teufelshörnern und Bart vollgekrickelt. Keine Tabubrüche, denn was ist heute noch ein Tabu außer vielleicht der Tod. Aber wohlkalkulierte und oft lustige Frechheiten.    

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Als Vorbilder nennt Gehrs die Magazine Twen und Jasmin, die es schon lange nicht mehr gibt. Auch das hat Methode – warum eine Zeitschrift als Vorbild nennen, die es noch gibt? Denn warum dann Dummy? Das Heft schreibt eine schwarze Null, sagt Gehrs. Sein Verlag finanziert sich über andere Aufträge. So produziert die Redaktion auch den Fluter, ein Magazin der Bundeszentrale für politische Bildung. Oder Asse Einblicke, eine Informationsschrift zum Endlager Asse II, herausgegeben vom Bundesamt für Strahlenschutz.

Die Unabhängigkeit, der sich Dummy rühmt, ist Attitüde und Lebenselexier zugleich. Herausgeber Gehrs meint es ernst mit seiner Aussage: "Die Werbekunden wollen keine politischen Artikel, keine Gewalt, keinen Sex im Umfeld ihrer Anzeigen? Dann erst recht." Gehrs hat nichts gegen ein Image als Gegen-den-Strich-Bürster und Bad Boy der Szene, der früher öfter, heute seltener gegen den Spiegel polemisiert, bei dem er mal angestellt war. Ein Selbstzweck, eine Art "Ich kann auch ohne euch" an die Branche ist Dummy darum trotzdem nie geworden. Zu den Autoren zählten u.a. Marcus Jauer (FAZ), Juan Moreno (Spiegel), Harald Martenstein (Tagesspiegel), Paul Sahner (Bunte), Steffi Kammerer und der kürzlich zu früh verstorbene Marc Fischer. Auch Vielschreiber Hajo Schumacher lieferte mal einen Text ab, der sich nun im Buch wiederfindet. Zur ersten Dummy-Ausgabe hatte Schumacher in der Süddeutschen notiert: "Das Heft hat kaum Emotion, wenig Begeisterung, null Wut, keinen Stolz, kaum Haltung."

"Aus dem Berliner Bauch heraus gemacht" sei Dummy, schrieb ebenfalls die Süddeutsche in einer Kritik des Buches vor wenigen Wochen. Zu diesem Urteil kann vermutlich nur eine Zeitung aus München kommen. Natürlich spielt Berlin eine Rolle im Blatt, doch ist es nicht die tragende. Die Hauptrolle spielen, so lobhudelnd das nun auch klingen mag, gute Geschichten. Die Ausgabe 32 von Dummy beschäftigt sich übrigens mit dem Thema Scheiße.

Das Dummy-Buch ist im Verlag Kein & Aber erschienen und kostet 24,90 Euro. Zur Amazon-Seite von Achtung: es wird gleich schön und anstrengend. Politisch und traurig. Forsch, rechtlich fragwürdig, poetisch und eklig. PS: Es geht auch um Sex

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