Verleger im Netz: Regeln dringend gesucht

Die Eröffnungsrunde des Zeitungsverlegerkongresses in Berlin hat vor allem gezeigt – der Branche fehlt es an Orientierung und sie braucht Leitwölfe. Die Diskussion waberte um die relevanten, aber jeweils für eigene Runden gute Themen wie Geschäftsmodelle im Internet, Vorratsdatenspeicherung, Leistungsschutzrecht, Wikileaks, Google und Pressefusionsrecht. Als Agendasetter bewährte sich Springer-Chef Mathias Döpfner, der vor Resignation warnte und erneut die Tagesschau-App verteufelte.

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Das Eröffnungspanel des Kongresses stand unter der Überschrift: "Kleine Welt – große Player: Wer bestimmt die Regeln?" Nach eineinhalb Stunden Diskussion könnte das Fazit stehen: Die Verleger sind es jedenfalls – mit kleinen Ausnahmen – nicht. Um so deutlicher wurde, dass es die Zeitungsverleger vor allem nach politisch definierten Leitlinien drängt, an die sie sich halten können. Es gebe eine "Sehnsucht nach klaren Regeln", hatte als Eröffnungsredner des Kongresses schon Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) bemerkt, der über Datenschutz, Vorratsdatenspeicherung und Cyberwar referiert hatte. Die Welt ist unordentlicher geworden und die Verleger, die mit ihren Produkten eigentlich Wichtiges von Unwichtigem trennen wollen, können sich mit dieser unbequemen Wahrheit nur langsam anfreunden.   

Die Welt ist unübersichtlicher geworden

Davon zeugt schon der spitze Hinweis von Springer-Chef Mathias Döpfner, der zu dem Vortrag des Innenministers anmerkte, Friedrich habe nur vier Mal das Wort "Zeitung" in den Mund genommen: "Das sollte uns zu denken geben." Döpfner gab die Agenda aus: Etablierung digitaler Geschäftsmodelle für mobile Geräte an erster Stelle, an zweiter Stelle die"Bekämpfung von Wettbewerbsverzerrungen" wie der Tagesschau-App. Die Reduktion auf die zwei Kernpunkte zwischen Offensive und Verteidigung kam gut an und erntete Applaus. Wenn es noch mit "Recht und Gesetz" zugehe, so Döpfner, würden die Verleger die Klage gegen die ARD gewinnen.

Hatte sich Döpfner noch bis vor kurzem auf die Attacke gegen die Öffentlich-Rechtlichen konzentriert, betont er nun wieder das Vorantreiben der eigenen Strategie, er nannte das "proaktive Gestaltung". Doch die Ballung der Themen, bei denen Verleger nur reagieren können oder müssen, ist gewaltig. Da ging es um die Marktmacht von Google und die von Verlegern beklagte unfaire Ausgabe von Suchergebnissen. Um die Marktmacht anderer großer Internet-Konzernen wie Facebook. Das veraltete Pressefusionsrecht. Die Notwendigkeit eines Leistungsschutzrechtes. Die Hassliebe zu Apple.

Telekom-Obermann wirbt für PagePlace

Unter der Regie von Peter Stefan Herbst, dem Chefredakteur der Saarbrücker Zeitung, diskutierten neben Döpfner mit: Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz, der Jurist Christoph Möllers, SWMH-Geschäftsführer Richard Rebmann, der Parlamentarische Staatssekretär Ole Schröder und Telekom-Chef René Obermann.

Obermann gelang es, neben Döpfner zwei weitere Botschaften an die Verleger zu senden. Zum einen warb er für den digitalen Kiosk PagePlace und lud die Verleger ein, ihre Angebote dort einzustellen: "Wir wollen auch gar nicht viel und die Grenzkosten sind für sie sehr niedrig." Springer öffnet im Herbst den verlagseigenen iKiosk auch für andere Angebote. Entsprechend returnierte Döpfner: "Ich rate jedem Verleger, bei solchen Angeboten mitzumachen." Der Manager warnte vor "falschem Verlagsegoismus".

Was stutzig macht, denn Springer bestückt die Online-Kioske Pubbles (Bertelsmann) und PagePlace nicht mit elektronischen Ausgaben seiner Produkte. Die sind bislang ausschließlich im Springerschen iKiosk zu haben. Übt sich Springer also selbst im Verlagsegoismus? Nein, heißt es gegenüber MEEDIA bei Springer. Stimmten "wirtschaftliche und redaktionelle Rahmenbedingungen", würde der Konzern selbstverständlich seine eigenen Titel in verlagsfremde Kioske einstellen. Man sei offen gegenüber diesen Angeboten. Was mit anderen Worten bedeutet: Die Konditionen der Anbieter sind Springer offenbar nicht gut genug. 

Etwas Klarheit in ein interpretationsbedürftiges Themenfeld brachten Obermanns Anmerkungen zum Thema Netzneutralität. Verleger fordern gleiche Bedingungen für alle Angebote, "ein neutrales und einheitliches Netz", wie es Richard Rebmann formulierte. Dies versprach der Telekom-Chef einzuhalten, die Weiterleitung von Inhalten werde durch die Telekom nicht differenziert. Er wolle es aber Anbietern möglich machen, "Premium-Inhalte" auf einer Art "Extra-Spur" zu transportieren. Die Telekom habe als Anbeiter gar nicht die Marktmacht, die Netzneutralität zu beseitigen, beteuerte Obermann. Sein Vorschlag läuft dennoch auf eine Zweiklassengesellschaft für Inhalte hinaus: Auch wenn kein Anbieter benachteiligt werden soll, können zahlungskräftige Kunden nach diesem Plan ihre Inhalte künftig dennoch schneller durchs Netz schießen als die Mehrheit.

CDU-Staatssekretär Schröder: Lieber eigene Inhalte anbieten

CDU-Staatssekretät Schröder, der seinen Chef Friedrich auf dem Panel vertrat, hatte noch einen Tipp für die Verleger parat. Google habe aus seiner Sicht kein Interesse, andere Geschäftsmodelle zu verdrängen. Stattdessen sollten aber die Zeitungen danach trachten, nicht alle die gleichen Meldungen zu verbreiten oder einfach von dpa zu übernehmen. Schröder: "Machen Sie doch das, was Suchmaschinen nicht können." Der Applaus hielt sich in Grenzen.

Am Nachmittag kommt dann die Kanzlerin zu den Verlegern.

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