Jauch und das SPD-Schmunzelmonster

Die zweite Ausgabe von Günther Jauchs neuer ARD-Talksendung hätte eigentlich eine sichere Nummer werden können. Die Berlin-Wahl lieferte gleich mehrere Steilvorlagen. Am Abend hätte er das Phänomen Piraten-Partei erklären können. Und den Niedergang der FDP. Und den schlappen Sieg der Sozialdemokraten. Hätte. Stattdessen wurde der müde SPD-Wahlsieger Klaus Wowereit als möglicher Kanzlerkandidat bewienert und Schwarzbrot zur Euro-Krise durchgekaut.

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Jauch hatte mit dem glücklosen FDP-Chef Philipp Rösler und SPD-Wahlsieger Wowereit (O-Ton-Jauch: "SPD-Schmunzelmonster") sogar zwei der zentralen Figuren des Abends in seiner Talk-Kuppel beisammen. Noch einen von den Piraten dazu und vielleicht einen Wahlforscher – fertig wäre die Sendung gewesen. Warum nicht den Millionen Zuschauern, die vom “Tatort”-Münster hängen geblieben sind, mal erklären, wer diese jungen Männer, die da in Berlin dauernd von diesem Twitter reden, eigentlich sind und was die wollen?

Stattdessen wurde der Jauch-Talk gleich zu Beginn völlig unverständlicherweise für eine Mini-Ausgabe der “Tagesthemen” zur Berlin-Wahl unterbrochen, in der Caren Miosga all das noch einmal knapp zusammenfasste, was man als politische Interessierter schon wusste oder in der Jauch Sendung vielleicht gerne näher erläutert bekommen hätte. Anschließend ging es im Schweinsgalopp durch die Wahl. Klaus Wowereit wurde als Siegertyp sehr freundlich behandelt. Philipp Rösler wurde von Jauch immer wieder die gleiche Frage (“Wie ist das möglich?”) in verschiedenen Varianten gestellt. Ein Festival der verpassten Gelegenheiten.

Danach redete Jauch mit Umweltminister Norbert Röttgen (CDU), “Mr. Dax” Dirk Müller und der Wirtschafts-Weisen Beatrice Weder di Mauro über die Euro-Krise und Röslers Aussage von der “geordneten Insolvenz”. Ganz am Schluss machte Jauch dann noch das Fass Kanzlerkandidatur auf und fragte Wowereit allen Ernstes, ob er nicht jetzt doch vielleicht bald mal, wo er doch jetzt schon wieder gewonnen habe usw…. Worauf “Wowi” routiniert in seine Polit-Phrasenkiste greifen und abspulen konnte, was ganz oben lag: Die SPD hat ja so viele geeignete Kandidaten, man entscheide sich 2012 usw… Zu dem Zeitpunkt waren freilich die meisten übrig gebliebenen  “Tatort”-Zuschauer bereits im Bett oder hatten verständlicherweise zu “Transformers” bei ProSieben umgeschaltet.

Der Münster”-Tatort” hatte 10,4 Mio. Zuschauer im Gesamtpublikum. Jauch hatte hinterher 4,6 Mio. Die Zuschauer sind vor Jauch geflohen. Und das an einem Wahlabend. Das ist, man muss es sagen, ziemlich mies. Jauch hatte das Problem, dass seine zweite Sendung thematisch weder Fisch noch Fleisch war. Es war keine reine Sendung zur Euro-Krise und keine Wahl-Analyse. Er wollte beides unter einen Hut bringen und verzettelte sich dabei gnadenlos.

Dabei war der Euro-Teil des Talks gar nicht mal schlecht. Börsenhändler Müller redete Tacheles und entzauberte den kopfwackelnden Norbert Röttgen als Schwätzer. Jauch ließ in einzelnen Passagen nicht locker und beharrte auf konkreten Aussagen. Die Finanzexpertin Weder di Mauro verströmte zwar eine Aura unterkühlter Langeweile, brachte aber den einen oder anderen Sachverhalt auf den Punkt. Zu einem anderen Zeitpunkt, wenn nicht gerade eine Berlin-Wahl mit einem einigermaßen sensationellen Ergebnis stattgefunden hätte, wäre das womöglich eine gute Sendung gewesen. Hätte. Wäre. War es aber nicht. Ganz am Schluss wies Jauch darauf hin, dass er nächste Woche dann über den Papst-Besuch talken würde und dabei auch Thomas Gottschalk zu Gast sei. Gottschalk als Joker schon in der dritten Sendung? Das riecht nach Verzweiflung.

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