Sonneborn: „Die ‚Partei‘ hat immer Recht!“

Er gilt für viele als der böseste Satiriker Deutschlands und ist Bundesvorsitzender der “Partei“. Wenige Tage vor den Berliner Wahlen sprach Spitzenkandidat Martin Sonneborn mit Christopher Lesko in Berlin-Mitte über Programm und Pläne der “Partei“, das “Kind Philipp Rösler“ und seinen festen Glauben an ein “fast dreistelliges Wahlergebnis“. Sonneborn erzählt von einer Klagedrohung der NPD und widerspricht jedem erotischen Interesse an der “etwas verkrampften Dame“ Renate Künast.

Anzeige

Herr Sonneborn, Berlin wählt am Sonntag. Auch Sie als Vorsitzender der “Partei“ haben diese überflüssige Belästigung nicht verhindern können. Liegen denn Wahlen und Demokratie noch im Trend der Zeit?
Ich glaube schon. Keine andere Staatsform hat sich als derart nützlich und etabliert erwiesen, und solange wir nicht an der Macht sind, wird das auch so bleiben. Demokratie begreife ich auch deshalb als durchaus sympathische Staatsform, weil sie uns ermöglicht, ohne blutigen Putsch an die Macht zu kommen. Sie lässt sich von uns Einiges bieten, das bei George W. Bush oder Sadam Hussein so nie zustande gekommen wäre.
Ist das ein Kompliment des Bundesvorsitzenden der “Partei“ an  Ihre beiden Kollegen?
Zumindest hätten sie härter durchgegriffen. Wenn man sich Wahlbeteiligungen anschaut, verlieren Wahlen langsam ihre Legitimation. Schauen Sie doch, wie wenig Menschen in Mecklenburg-Vorpommern die Regierungsparteien gewählt haben. Insofern wurde es Zeit, dass wir mit der “Partei“ versuchen, die demokratische Staatsform insgesamt zu überwinden.
Ihr Parteiprogramm sieht vor, im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg ein atomares Endlager zu errichten. Die Idee scheint logisch, betrachtet man, wie ein einst lebendiger Bezirk mit den Charlotte Roches und Sarah Kuttners diese Erde auf den Hund gekommen ist. Nicht wenige Wähler allerdings werden antworten:  “Da bin ich ein Gegner dafür!“. Wie reagiert “Die Partei“?
Entspannt. Es gibt  immer Gegner. Wichtig ist, dass sie zahlenmäßig nicht überwiegen. Alles, was uns demokratische Mehrheiten verschafft, ist uns sympathisch. Das atomare Endlager im Prenzlauer Bergs wird uns außerhalb dieses verkommenen Bezirks derart viele Sympathien einbringen, dass wir mit dem in Ihrer Frage erwähnten Widerspruch gut leben können.
Sie wollen darüber hinaus die Berliner Mauer wieder aufbauen. Stehen Sie im Angesicht dieser Idee nicht vor der Bewältigung einer ultimativen Materialfrage?
Nein. Die FAZ hat einmal ausgerechnet, dass die Idee, die Mauer wieder aufzubauen, dem Land etwa 80.000 Arbeitsplätze bescheren würde. Das ist eine relativ hohe Zahl. Da müssen Invests für Materialbeschaffung schon drin sein.
Beton in Politikerköpfen könnte zusätzlich genutzt werden. Das macht was aus – materialtechnisch.
Ein schönes Bild. Ich werde das umgehend als Vorschlag in einen Ausschuss weiterleiten! Übrigens: Wir setzen uns ja darüber hinaus wie keine zweite Partei für den Wieder-Abriss der Dresdener Frauenkirche ein. Unter Materialaspekten sprechen wir hier von schönen und gewaltigen Elbsandsteingebirgs-Quadern.
Sie haben in Berlin NPD-Plakate unwesentlichen, kreativen Modifikationen unterzogen. Erzählen Sie davon.
Die NPD hatte vor dem Jüdischen Museum Plakate montiert, auf denen ihr Vorsitzender Udo Voigt über dem Slogan zu sehen ist: “Gas geben!“ Wir fanden dies geschmacklos. Da wir als “Partei“ und politischer Arm des Faktenmagazins “Titanic“ die einzigen sind, die in Berlin geschmacklose Plakate aufhängen dürfen, haben wir ein eigenes NPD-Plakat als 2.0-Version hergestellt. Da ist mit dem Slogan “Gas geben!“ nicht  Udo Voigt zu sehen, sondern Jörg Haider mit dem Bild seines zerschmetterten Phaetons. Wir haben vor dem Jüdischen Museum dann die alten NPD-Plakate überklebt. Das war übrigens nicht ganz einfach, weil die NPD in den zivilisierten Innenstadtbezirken in fünf Metern Höhe plakatiert – vorsichtshalber.
Die NPD will halt hoch hinaus: Und wenn es das Hängen an Laternen ist…
Wir sind dann hinterher nach Schöneweide und Köpenick zu deren Parteizentrale gefahren, haben ihnen dort mit unseren Plakaten die Laternen zugepflastert und auch Plakate an die Tür der NPD-Parteizentrale genagelt. Dort waren alle Laternen mit NPD-Plakaten und ihren Slogans “Gas geben!“ oder “Guten Heimflug!“ plakatiert. Interessant: Sobald man Oberschöneweide erreicht, sinken die Plakatierungshöhen plötzlich auf eine Höhe von 1,80 – 2 Meter. Wir haben viele sehr positive Reaktionen auf unsere Aktion erhalten: Viele Mitarbeiter des Jüdischen Museums haben sich Plakate von uns geholt, wir geben sie ja auch an die Bevölkerung aus. Negative Reaktionen gab es auch: Die NPD hat uns mit einer Klage gedroht: Sie hat uns als “linksextremistische Partei“ bezeichnet, die radikale “Mordfantasien gegenüber national gesinnten Deutschen“ pflegen würde. Eine ohne Zweifel lustige Interpretation, und ich freue mich schon auf die Anzeige.
Schön, wenn in unserer schnelllebigen Zeit über den politischen Wettbewerb hinaus noch freundschaftliche Kontakte entstehen. Das klingt für Sie – über allen Humor hinaus – nach keiner ganz ungefährlichen Geschichte.
Als wir nach Köpenick gefahren sind, hatten wir ein paar Türsteher dabei, die uns beschützt hätten. Wir haben dann gewartet, bis die NPD-Trupps das Haus geräumt hatten und irgendwohin fuhren. Das war dann menschenleer da, und wir sind auch schnell wieder verschwunden. Ach, ich glaube, dass die Nazis einen guten Spaß verstehen, wenn sie ihn vor die Tür genagelt bekommen.
Geboren 1965 gelten Sie als junger Hüpfer der politischen Klasse. Wodurch genau wollen Sie denn die Wählergruppe der Rentner erreichen?
Wir wollen die Rentner nicht erreichen, wir sind das Sprachrohr der jungen Generationen. Wir haben allerdings dort gerade eine fürchterliche Niederlage erlitten: Bei der U-18-Wahl erhielten wir 2,54 % in Berlin. Die FDP hatte 2,9%. Wir sind also im Moment noch hinter der FDP. Traditionell werden wir von jungen Leuten gewählt. Sie kommen über die “Titanic“ hinaus via Youtube und KIZ zu uns und der Politik (Anm. Autor: „KIZ“ = Berliner Hip-Hop-Boygroup). Ein interessantes Phänomen, dass 14-, 16- oder 18-Jährige bereits zur “Partei“ finden. Rentner sind uns egal. Bei ihnen geht es nur um Besitzstandswahrung, und ich kenne Rentner, die extrem viel Geld haben. Unser Generalsekretär Tom Hintner (Namensgeber der “Hintner-Jugend“ der “Partei“, Anm. Autor) ist gerade 50 geworden und hat gesagt, wer es bis 65 nicht schafft, schafft es auch anschließend nicht mehr. (lachend) Ich hoffe, Sie sind nicht 65?
Nein, ich sehe nur so aus. Sie haben den jungen Hüpfer meiner Frage nicht kommentiert: Stimmen denn Ihre 65 als Geburtsjahr?
Die stimmen. Wissen Sie woran ich gemerkt habe, dass ich älter werde?
Unwesentliche Zunahme orthopädischer und intellektueller Beeinträchtigungen?
Nein, als ich bemerkte, dass plötzlich Kinder wie Guttenberg und Rösler Minister wurden. Ich habe deswegen mein politischen Vermächtnis geschrieben “Das Parteibuch. Wie man in Deutschland eine Partei gründet und die Macht übernimmt“, erschienen bei Kiepenheuer und Witsch. Das Buch war meine Reaktion darauf, dass Kinder Minister wurden und plötzlich an mir vorbei gezogen sind.
Bezahlt werden sie auch noch dafür. Da erfährt der Begriff Kindergeld völlig neue Dimensionen.
Tragisch.

Ohne Ihnen unangemessen schmeicheln zu wollen: Ihre Außenwirkung scheint für viele lebendiger als die eines Rösler und sensibler als die eines Wowereit.
Wenn ich mal unterbrechen darf: Lebendiger als Rösler und sensibler als Wowereit zu sein, ist keine Schmeichelei.
Dann passt die Einleitung der unvollendeten Frage ja: ohne Ihnen unangemessen schmeicheln zu wollen…
Ja, die passt.
Ihre Wirkung also böte Raum für große Effekte: Liefen Sie nachts mit einer Hockeymaske durch ein Parkhaus, könnten Sie sogar Frauen bewegen. Wie profitiert Berlin im Falle des Wahlerfolges von Ihnen als charismatischem Leuchtturm?
Vor zwei Tagen hätte ich noch gesagt, ich weiß es nicht, weil wir uns erst Gedanken um unsere Machtübernahme machen müssen, und es ist noch ein Stück des Weges dorthin. Ich habe aber gestern über Obama nachgedacht. Wir haben gerade heute als erstes Großplakat der “Partei“ ein Obama-Plakat gemacht und enthüllt. Sie sehen, wir sind in dieser Frage auf einer Linie und beschäftigen uns damit. Das Plakat wurde möglich durch Spenden von Firmen, die hier nicht genannt werden wollen.

Welche Firmen sind das, die nicht genannt werden wollen?
Eine große Musikfirma hat uns mit € 5.000,- gesponsort. Die Piraten sind ja gerade in der Presse mit 20.000,- €.  Wir haben 5.000,- bekommen, aber unsere Spender möchten nicht genannt werden.
Verschwiegenheit ist eines der Grundprinzipien von MEEDIA als führendem Wirtschafts- und  Ethik-Online-Medium.
Natürlich. Ich finde allerdings bestürzend, dass wir übrigens offensichtlich als noch unseriöser gelten als Adolf Hitler. Der wurde zu Beginn seiner Karriere intensiv von der Großindustrie gesponsert. Mit uns will niemand etwas zu tun haben und uns auch nicht sponsern. Was Ihre Leuchtturm-Frage und meine Obama-Antwort angeht: Wahrscheinlich werden wir wie Obama gute Ideen haben und sie dann einfach nicht umsetzen. Mit Strahlkraft und Wirkung alleine kann man keine erfolgreiche Politik machen.

Wowereit macht doch schon lange erfolgreich mit seiner Außenwirkung keine Politik.
Das reicht Wowereit und Obama, um in die Position zu kommen. Danach können sie nichts mehr bewegen. Ich würde gerne für Umverteilung sorgen, obwohl man da sicher kaum Gestaltungsmöglichkeit hat: Die oberen 10 % der Bevölkerung bereichern sich an den unteren 30%. Ich würde das gerne umkehren, das würde beiden Teilen gerecht. Ich habe immer gesagt, dass wir nicht gegen Enteignungen sind. Niemand muss Ländereien besitzen – zwei, drei Häuser reichen auch. Wir haben unreflektiertes, humanistisches Gedankengut in unseren Programmen. Das soll natürlich zum Tragen kommen, wenn wir an der Macht sind.
Ein Mann wie Sie, adrett gekleidet, hager, durchtrainiert und gut aussehend: Ein Osnabrücker Womanizer: Müsste der nicht in den Auswärtigen Dienst? Nach Bitterfeld oder Hoyerswerda?
Ich bedanke mich für diese Schmeichelei, die Sie sehr geschickt platziert haben. Lustig ist, dass der Mann, der das gerade gefragt hat, seine Brille hochschob, nachdem er seine Frage stellte.
Ein hilfloser Schutz vor der erbarmungslosen Härte der Wirklichkeit. Bitterfeld? Hoyerswerda?
Ich bin der Überzeugung dass man im deutschsprachigen Raum nur in Berlin und eventuell in Wien gut zu leben vermag, und mein persönliches Wohl ist mir natürlich auch wichtig. Ich habe Bitterfeld in den 90ern besichtigt, als es kurz vor dem Abriss stand. Das kein Ort, an den man mich verschicken könnte.

Ihre Fan-Gemeinde in Hoyerswerda dürfte auch überschaubar sein...
Wir haben einmal im Rahmen einer Titanic-Telefonaktion mit Bürgern aus Hoyerswerda gesprochen. Die Ergebnisse waren qualitativ außerordentlich unergiebig.
Herr Sonneborn, Sie haben als Person eine große Zukunft hinter sich und gelten mit der “Partei“ als das Castorp-Rauxel politischer Organisationen. Haben Sie jemals an Suizid gedacht?
Ich glaube nicht. Ich bin ein doch relativ positiv denkender Mensch. Sonst könnten wir nie mit einem Wahlergebnis von 2,5% bei den U-18-Wahlen mit dem festen Glauben in die Berliner Wahl ziehen, dass wir ein fast dreistelliges Wahlergebnis erreichen werden.
Fast dreistellig?
Heute Morgen habe ich noch gesagt: dreistellig. Aber der Tag ist lang und hinterlässt Spuren…
Geweihte wie Matthias Matussek würden Ihnen als Bohemian vielleicht die Symbolkraft Ihres Nachnamens ans Herz legen: Sonne…Born. Das Programm der “Partei“ nutzt diesen Aspekt kaum? Warum?
Eine Nachlässigkeit, für die sich Leute ohne Zweifel zu verantworten haben! Was Spielereien und Symbolkraft von Worten angeht, ist mir zum Beispiel die “Hintner-Jugend“ viel näher als der eigene Nachname.
Branding von  Marken ist häufig Ergebnis eines kostenintensiven Engagements von Werbeagenturen. Vergleicht man den Namen “Die Partei“ – mit anderen Produkten, fällt die Nähe zum VW-Slogan “Das Auto“ auf.  Ist Ihr Name von derselben Agentur entwickelt worden, oder haben Sie gar den VW-Slogan für viel Geld entwickeln dürfen?
Nein. Wir haben auch nicht den Namen “Das Bier“ entwickelt, im Übrigen die Marke einer Organisation, die uns ein wenig sponsert. Wir haben uns damals zusammengesetzt und suchten einen Namen, ohne die 140 Jahre Zeit zu haben, welche die SPD hatte um ihren Namen zu finden, eine Marke einzuführen, aufzubauen und herunterzuwirtschaften. Wir wollten das schneller und griffen auf  eine Marke zurück die brach lag, im Westen ebenso bekannt war wie im Osten und inhaltlich passte. Sie zeigt einen gewissen Alleinvertretungsanspruch und auch, dass wir gedenken, alle anderen Parteien überflüssig zu machen. Schon in den ersten Wochen nach Gründung hatten wir 400 Mitglieder. Viele Menschen traten ein und sagten: “Schon mein Großvater war in der Partei. Ich möchte auch zu Euch!“ Inzwischen haben wir deutschlandweit 8.800 Mitglieder. Bedenkt man, dass wir “Die Partei“ 2004 gegründet haben und die NPD im letzten Jahr ca. 10.000 Mitglieder hatte, müssen wir uns nicht verstecken. Auch, wenn es uns nicht gelungen ist, die NPD zu überholen. Wir haben immer noch relativ hohe Eintrittszahlen. Seitdem der Bundeswahlleiter uns nicht zur Wahl zugelassen hat, surfen wir auf einer Woge der Sympathie.
Wenn wir mal eine ernsthafte Schleife ziehen: Wie erklären Sie denn diesen Erfolg?
Wir haben die “Partei“2004 gegründet, weil wir nicht mehr wussten, wen wir wählen sollten. Es erleichtert die Wahlentscheidung ungemein, wenn man den Namen der eigenen Partei auf dem Wahlzettel liest. Wir sehen ja: Es gibt keine Politik-Verdrossenheit. Auch, wenn es abgedroschen klingt: Es gibt eine Parteien-Verdrossenheit. Die ehemaligen Volksparteien sind abgeschnitten von Leben und Bedürfnissen junger Leute. Wer sich heute ausprobieren will, wer etwas Idealistisches tun möchte, geht nicht mehr zwingend in die SPD oder in die CDU.
 
Politik und Politiker haben an Profil, Trennschärfe und Identifikation verloren und an professioneller Deformation zugelegt.

Ja, und wir leben zusätzlich in Zeiten der Medialisierung und Amerkanisierung von Wahlkämpfen. In der Tat ist Trennschärfe verloren gegangen, und in einer unüberschaubaren Masse gibt es kaum noch Polarisierungen und wirkliche Gegensätze. Darüber hinaus gibt es einen Machtverlust von Verantwortlichen: Ich kann heute kein Steuersystem ändern, ohne zehn Jahre zu klagen. Es ist ja außergewöhnlich, dass so viele Ministerpräsidenten dieser Generation zurücktreten. Es gibt weniger Gestaltungsmöglichkeiten. Die goldenen Jahre der Bundesrepublik sind überschritten, und es ist offen, wohin das führt und wie es weitergeht.
Wenn Sie jemanden wir Philipp Rösler betrachten…
..das ist halt ein Kind.
Nein, dies ist eine unangemessene Aufwertung. So lebendig ist er nicht. Er ist nicht mal ein Kind. Er ist ein Aktenordner.
Ja, lustig ist allerdings, dass dies einen Effekt hat: Die FDP steht schlechter da als je zuvor. Es ist ja schon fast wieder beruhigend, dass eine Gesellschaft dies auch vor dem Hintergrund von Glaubwürdigkeit erkennt und quittiert.
Lassen Sie uns über Koalitionen sprechen. Im Falle eines Wahlerfolges: Mit wem möchten Sie gerne koalieren, kopulieren oder stagnieren, und welche politische Gruppierung kommt als Symbiose des Elends für keines der drei Kooperationsfelder in Frage?
Es gibt eine Standardantwort auf die Frage nach möglichen Koalitionspartnern, die habe ich im RBB auch gegeben: Wir nehmen jeden, der sich uns als Steigbügelhalter andient außer der FDP, weil wir nicht mit Spaßparteien koalieren. Diese Standardantwort muss demnächst allerdings überarbeitet werden, denn die FDP ist keine Größe mehr. Ich bin vorhin in einem Interview gefragt worden, was die FDP in ihrer Situation machen könne. Ich glaube, dass es nur die Möglichkeit gibt, den Namen zu ändern und ganz neu anzufangen. Die Marke einer Partei der absoluten Standpunktlosigkeit muss neu aufgebaut werden, sie ist komplett verbrannt. Unsere Ortsgruppen-Vorsitzenden etwa dürfen jederzeit eigene Positionen vertreten, solange sie mit den Grundsätzen der “Partei“ korrespondieren. Ich empfehle ihnen immer, dass ihre Positionen mindesten 36 Stunden haltbar sein müssen, als Reaktion auf die Standpunktlosigkeit der FDP, die ja auch in der Bundespolitik im Stundenrhythmus ihre Positionen wechselt. Komisch eigentlich, dass wir über die FDP sprechen, eigentlich total sinnlos: Old School. Na ja, die SPD hat keine Inhalte und die CDU spielt auch keine Rolle mehr in Berlin.
Könnten Sie denn aus dem Gedächtnis den Namen des CDU-Spitzenkandidaten rezitieren?
Ich könnte, aber ich würde nicht wollen. Ich kenne den Namen nur, weil wir aus finanziellem Mangel heraus darauf angewiesen sind, mit unserem Material die Plakate anderer zu überkleben. Da steht dann schon einmal der Name Henkel auf einem CDU-Plakat mit austauschbarem Gesicht. So eine Pappe kostet 1,50€, und wenn man einen 0,00015 € teuren Aufkleber mit “Die Partei“ auf ein CDU-Plakat klebt, hat man ein eigenes Parteiplakat mit dem Gesicht eines durchschnittlichen Vertreters der Spezies, die da zu hängen hat. Daher kenne ich seinen Namen. Steffel (Ex-CDU- Spitzenkandidat, Anm.: Autor) war natürlich einprägsamer mit seinen Eierwurf-Bildern.
Einem mir selbst völlig unbekanntem Gerücht zufolge sollen Sie eine nicht unwesentliche erotische Nähe zu Angela Merkel und auch Renate Künast verspüren. Nicht zufällig lauten Erstsilben Ihres Vor – und Nachnamens MaSo. Erzählen Sie über den Reiz der kargen Strenge beider Lustobjekte.
Ich möchte diese Gerüchte auf das Schärfste zurückweisen! Wir haben einen Programmpunkt, der heißt: “Künast frisieren!“, der sagt doch alles in Bezug auf die Auseinandersetzung mit der etwas verkrampften Dame. Mit Merkel setzen wir uns auch auseiander – auf einer etwas primitiven Ebene: Wir haben eine Kampagne gestartet: “MILFS gegen Merkel“ mit gutaussehenden, jungen, alleinerziehenden Müttern. Merkel selbst hat ja keine Kinder. Das Thema ist für sie durch, und das sollte man auch niemandem wünschen, glaube ich. Nicht für jeden ist die Mutterrolle gemacht. Beide Kampagnen zeigen, dass meine Vorliebe für beide Damen begrenzt ist.
Viele Ihrer Mitbewerber werden Sie in einem Bild, dass man Sokrates zumaß, als “absurde Existenz“ beschreiben. Zu wissen, dass man nicht weiß, gehört nicht zu den Kernkompetenzen deutscher Politiker. Geht “Die Partei“ im Umgang mit den eigenen Beschränkungen offensiver um als Ihre Wettbewerber?
Natürlich! Wir haben ein eigenes Plakat mit dem Slogan: “Inhalte überwinden!“. Mit diesem Ansatz setzen wir uns an die Spitze des inhaltslosen Berliner Wahlkampfes. Die SPD allerdings ist dicht hinter uns. Sie hat ja ein Wahlplakat, auf welchem nur Wowereit abgebildet ist – komplett ohne Text. Aber wir sind vorn: Wir machen moderne Turbo-Politik und dazu gehört auch, dass wir zu Inhaltslosigkeit stehen.
Gehen Sie wählen, und wenn ja wen? Ich sichere Ihnen aus Datenschutzgründen übrigens zu, Ihre Antwort keinesfalls vertraulich zu behandeln.
Wir haben eine Initiative: Wir bieten Wählern an, mit ihnen zusammen den Wahlzettel auszufüllen, damit da keine Fehler passieren. Mit meiner eigenen Entscheidung bin ich offen: Ich wähle “Die Partei“ da, wo ich sie wählen kann. Mich selbst kann ich nicht wählen. Ich bin ja aus Versehen nachgerückt als Direktkandidat in Neukölln, weil unser dortiger Kandidat in einen anderen Bezirk gezogen ist. Nun bin ich verpflichtet, ein gutes Wahlergebnis zu erzielen und werde nachts in Neuköllner Kneipen unterwegs sein, um Aufkleber zu verteilen.
Gut, dann können Sie an den Abenden ja einfach so weiter machen, wie bisher.
Nein, bisher war ich nachts in Kreuzberger Kneipen unterwegs. Das mit den Aufklebern ist übrigens lustig. Eines der effektivsten Instrumente sind sogenannte Spuckis: Kleine Aufkleber, die man nass macht und an die Wand pappt. Es gibt in Neuköllner Kneipen eine ganz spezielle Spezies betrunkener Damen, die sich über unsere “MILFS gegen Merke!l“ – Aufkleber unglaublich freuen. Ich rate ihnen, den Spucki noch im Vollrausch abends auf ihren Badezimmer-Spiegel zu kleben, damit man morgens total überrascht loslachen kann, wenn man das Bad betritt. Ich kann Ihnen einen mitgeben.
Ganz im Ernst: Sehe ich so aus, als hätte ich einen Badezimmer-Spiegel? Herr Sonneborn, würden Sie kurz einmal aufstehen, um mit der anwesenden Berliner Bevölkerung die deutsche Nationalhymne zu intonieren?
Nein, auf gar keinen Fall.

Christopher Lesko und Martin Sonneborn in Berlin-Mitte
Gut, dann nehme ich Ihren Aufkleber doch – auch ohne Badezimmer-Spiegel.
Das ändert nichts: Das letzte Mal, dass ich die deutsche Nationalhymne gehört habe, war auf einer Abschlusskundgebung der NPD in Magdeburg. Mit einem irren Bürgermeister, der von der SPD in die NPD übergetreten war. Wir haben da für die "heute Show" gedreht. Die NPD Mitglieder haben alle drei Strophen gesungen – in die Kameras der Öffentlich-Rechtlichen TV-Sender. Das war so abstoßend, dass ich die Nationalhymne eine Zeit lang nicht mehr singen werde.

Vielleicht ein anders Lied – Schwarzbraun ist die Haselnuss?
Nein. Ich kann nicht gut singen. Könnte ich es, würde ich singen: “Die Partei, die Partei, die Partei hat immer Recht!". Aber ich will nicht, deswegen verweigere ich das. Vor wenigen Tagen saß auf einem Stuhl hier hinter uns übrigens Jürgen Trittin. Der hätte bestimmt gesungen. Mit den Grünen würden wir auch nicht koalieren. Die sind auf dem absteigenden Ast. Sie haben schöne Erfolge erzielt, sind aber am Ende.

Sie würden nicht soweit gehen zu empfehlen, die Grünen mögen in den Wald gehen, um sich aufzuhängen, damit sie wieder auf einen grünen Zweig kämen?
Nein. Ist Ihnen das spontan eingefallen?
Auch nein. Wahre Spontaneität will gut geplant sein. Politiker wie Sie…
Keine Frechheiten bitte.
…muss sich eine Stadt ja nervlich auch leisten können Wenn Sie schon MEEDIA-Lesern und -sehern die musikalisch beste Performance seit Walter Scheels “Hoch auf dem gelben Wagen“ versagen: Möchten Sie MEEDIA als zweifellos führendes politisches Online-Medium nutzen, um den Heerscharen von Wählern draußen in der Stadt etwas zuzurufen?
Ja: Liebe Meedia-Leser draußen an den Geräten: Ziehen Sie nach Berlin und wählen Sie am 18. September Liste 13 – “Die Partei“! Bitte nicht umgekehrt. Am 18. September Liste 13! Nicht umgekehrt! 18. ist das Datum und 13 der Listenplatz. Ach ja: Nicht umgekehrt!
Glückauf Herr Sonneborn – herzlichen Dank für das Gespräch!

Mehr über den Autor: leadership-academy.de

Anzeige
Anzeige

Alle Kommentare

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige