Harald Schmidts Publikums-Beschimpfung

Die ersten beiden Shows von Harald Schmidt bei Sat.1 hätten unterschiedlicher kaum sein können. Der gelungenen Premiere folgte eine eher irritierende Ausgabe am Mittwoch. Inklusive dauerhafter Publikums-Beschimpfung. Gaby Köster hatte auch eine Premiere, nämlich als Kolumnistin der Bild der Frau. Konstantin Neven DuMont zeigt sich bei Google+ vom neuen Sohn-Roman seines Vaters wenig berührt, und die Frankfurter Rundschau brachte einen schönen Abgesang auf die Spiegel-Kantine.

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In dieser Woche meldete sich Harald Schmidt bei Sat.1 zurück und der Start war furios. Die erste Sendung am Dienstag zeigte Schmidt in Top-Form mit Top-Gästen (Kerkeling, Olli Dittrich, Guano Apes). Die zweite Sendung am Mittwoch hinterließ einen trotz der sehr sympathischen Anne Sophie Mutter dann schon wieder ein bisschen irritiert zurück. Große Teile der Show übte sich Schmidt in Publikums-Beschimpfung, weil seine Anfangs-Gags nicht so gezündet hatten. Aber die Witze waren halt auch nicht sehr lustig gewesen. Fast die ganze Show baute er dann auf der Idee des undankbaren Publikums auf. Hatte Schmidt etwa absichtlich schlechte Witze gemacht, um anschließend das Publikum ironisch verhöhnen zu können? Meine Güte, dieses Meta-Ebenen-Zeugs macht einen ja noch ganz schwirr im Kopf. Und dann tauchte zu allem Überfluss auch noch kurz sein Ensemble aus der ARD-Zeit auf – Frau Bauerfeind und Herr Böhmermann. Nix gegen die beiden, aber Schmidt ist alleine einfach besser. Hier gibt’s beide Shows nochmal zum Nachsehen.

Gaby Kösters Comeback mit Buch über ihren Schlaganfall (“Ein Schnupfen hätte auch gereicht”) wird seit dieser Woche auch noch mit einer Kolumne namens “Gabys Welt” in Bild der Frau ergänzt. Wie die Komikerin in Interviews und ihrem Buch über ihre Krankheit schreibt, ist teils anrührend, teils komisch und zeigt einen beeindruckenden Umgang mit einem schweren Schicksal und eine teils entwaffnende Ehrlichkeit. Das Geld, das sie damit verdient und bestimmt gebrauchen kann, ist ihr zu gönnen. Es war auch ihr gutes Recht, zum Zeitpunkt der Krankheit infame Berichterstattungsversuche mit anwaltlicher Hilfe abzuschmettern. Dass sie, bzw. ihre anwaltlichen Vertreter mit der Verhinderung von Berichterstattung vielleicht auch ein bisschen übertrieben haben könnten – das tragen ihr “die Medien” jetzt offenbar nicht nach. Titelgeschichte im Stern, Auftritte in Talkshows, Bild-Kolumne. Es läuft wieder, und das ist ja auch gut so. Erst waren die Medien der Freund, dann der Feind. Jetzt sind sie eben wieder der Freund. Perspektiven ändern sich.

Einen Perspektivenwechsel wagt auch der Kölner Verleger Alfred Neven DuMont. In seinem neuen Roman “Vaters Rückkehr” beschreibt er einen Vater-Sohn-Konflikt aus der Perspektive des Sohnes. Im wahren Leben hat der Verleger bekanntermaßen die Rolle des Vaters inne und sein Sohn Konstantin ist mit dem Aufbau eines Online-Mediums befasst. Und während der Alte einen Roman schreibt, tummelt sich der Junge weiterhin in den sozialen Netzen. Dort, bei Google+ findet sich auch seine eher unaufgeregte Reaktion auf die Veröffentlichung des Vaters, bzw. auf die Rezension in der verlagseigenen Frankfurter Rundschau/Berliner Zeitung: “Jetzt habe ich mich schon wieder von meiner Arbeit ablenken lassen. Ich weiß, dass das meine eigene Schuld ist. Wahrscheinlich sollte ich meinen Medienkonsum generell überprüfen. Schließlich muss man ja nicht alles lesen.” Der Start seiner Online-Seite KNDM.de verschiebt sich übrigens laut eigener Aussage auf den November: “Es gibt Dinge, die ihre Zeit brauchen.” Das gilt offenbar für Websites genauso wie für Romane.

Der Blick in die Frankfurter Rundschau lohnte in dieser Woche nicht nur wegen der Rezension des Alfred-Neven-DuMont-Romans, sondern auch wegen eines schönen Textes von Silke Burmester zur Spiegel-Kantine. Das Pop-Art-Gesamtkunstwerk des Spiegel-Verlags, das mit dem Umzug in ein neues Gebäude leider ausgedient hat, ist wahrscheinlich die einzige Kantine Deutschlands, die einen eigenen Artikel verdient hat. Burmester beschreibt wunderbar “die Zeit, als Schreiben und Alkohol in hochprozentiger Allianz ineinanderflossen, als Frauen vornehmlich als Sekretärin oder Servicekraft das Haus betraten.” Es sei “die Zeit der Mad Men von der Brandstwiete” gewesen. Der Vergleich mit der erfolgreichen US-TV-Serie “Mad Men” um die tollen Kerle aus den stürmischen Pioniertagen der Werbung wirkt passend. Wann kommt denn mal ein TV-Mensch auf die Idee, die wilden Spiegel-Jahre als Fernsehfilm oder von mir aus auch Serie zu produzieren? Das wäre mal TV-Stoff, den wir Medienfuzzis gerne sehen würden.

Schönes Wochenende!

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