Weimers nickelige „Grüße“ Richtung Focus

Die erste Wortmeldung von Wolfram Weimer nach seinem unfreiwilligen Abgang als Focus-Chefredakteur haben viele mit Spannung erwartet. In der morgen erscheinenden Zeit ist es so weit. Die Beilage "Christ & Welt" publiziert ein Essay des 46-Jährigen, in dem dieser Konjunktur- und Kulturkrise miteinander verknüpft und einen allgemeinen Werte-Verfall beklagt. Auch die Medien spielen dabei eine Rolle, und zwischen den Zeilen bekommt auch der ehemalige Arbeitgeber Weimers Unmut zu spüren.

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Wenn nämlich der ehemalige Focus-Macher "eine ganze Gesellschaft im Big Brother-Container" wähnt, die dort "Pickel und Burnouts zählt", so fällt auf, dass ausgerechnet das Münchner Nachrichtenmagazin in dieser Woche quasi eine Titelgeschichte zum Thema hat: "Generation Burnout – Warum die Psycho-Krise jeden treffen kann". An anderer Stelle tadelt er: "Wenn es um die essenziellen Dinge des Lebens und der Gesellschaft geht, auch um diskursfähigen Journalismus übrigens; dann wirkt das Nutzwertige zuweilen wie eine Gebrauchsanweisung zur Infantilisierung."
In München, wo der Focus seit einiger Zeit konzeptionell zwischen dem Gründungsmotto "Fakten! Fakten! Fakten!" und dem von Weimer angestrebten Debattenmagazin mäandert, wird man diesen unverkennbaren Seitenhieb auf die eine oder andere Titelgeschichte im laufenden Jahr sicherlich registrieren. In die gleiche Richtung lässt sich Weimers Warnung vor "permanenten Alarmismen" der Medien verstehen. Konsequenz: "Wir jagen von einer Panik in die nächste." Weimer nennt in diesem Zusammenhang: Kampfhunde, SARS, Feinstaub, BSE, Vogelgrippe, Finanzkrise und Klimawandel. Themenfelder also, über die der Focus (wie die meisten Publikumsmedien) ebenfalls recht aktiv und nicht nur dezent berichtet hat. Weimer selbst hatte als Focus-Chef einen Klima-Titel kreiert – der Eisbär mit Sonnenbrille allerdings stieß seinerzeit eher auf Unverständnis und Kritik.
Nicht nur Print, auch das Fernsehen sieht der Journalist (vormals Welt-Blattmacher und Cicero-Gründer) in der Krise. Für Politiker sei "eine Illner-Sendung wichtiger als zehn Bundestagsdebatten", was eine "seltsame Hierachie von Wichtigkeiten" spiegele. Den Menschen, aber auch den Medien gibt Weimer, dessen Artikel mit der Headline "Zeigst du noch Haltung oder buckelst du schon?" überschrieben ist, abschließend den Rat, "mehr Haltung zu wagen". Eine Abrechnung mit seiner letzten beruflichen Station ist das Essay in der Zeit-Beilage "Christ & Welt" wohl nicht, eher schon Weimers Blick nach vorn, verbunden mit einem letzten nickeligen Abschiedsgruß Richtung Isar.

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