Wie “Günther Jauch” besser werden kann

Die erste Ausgabe der neuen Talkshow von Günther Jauch im Ersten ist Vergangenheit - und es hätte bedeutend schlechter laufen können für das neue Aushängeschild der ARD. Die Einschaltquote war auf dem Sendeplatz-üblichen hohen Niveau und sogar die Kritiker waren Jauch überwiegend freundlich gesonnen. Trotzdem hatte die Sendung klar erkennbar auch Defizite. MEEDIA analysiert, wo es noch hakte bei der Jauch-Premiere und was künftig besser laufen könnte.

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1. Das Staatstragende muss weg!

Wahrscheinlich der schwierigste Punkt. Der Sendeplatz am Sonntagabend nach dem “Tatort” ist bei TV-Machern und Zuschauern als eine Art televisionäres Ersatzparlament gesetzt. Nach vielen Jahren “Sabine Christiansen” und “Anne Will” erwartet man zu dieser Zeit Politiker, die mal zu Hartz IV, mal zu Atom, mal zur Finanzkrise, mal zum Terrorismus ihre bekannten, vorgestanzten Phrasen austauschen. Es sind diese redenden, grauhaarigen (wenn überhaupt) Köpfe vor einlullend brauner Kulisse, die den Talk-Abend am Sonntag allzuoft bleischwer werden ließen.

Es wäre an Günther Jauch diese Palaver-Patina abzutragen und dem Staats-Talk neues Leben einzuhauchen. Leider ist das bei dem aktuellen Setting schwer umzusetzen. Der Gasometer in Berlin-Schöneberg und die Kuppel bilden einen so gewaltigen, bedeutungsschwangeren Kontext, der die kleinen Menschlein in ihren Ledersesseln schon erdrückt, bevor die ihren Mund aufgemacht haben. Umso mehr muss Jauch an seiner Gesprächsführung feilen und gegen die Atmosphäre des Staatstragenden ankämpfen.

2. Frechheit siegt!

Es gilt, Politiker, Wirtschaftsbosse und Kulturschaffende vom Sockel zu holen. Allzu leicht und verführerisch ist es, sich auf die Phrasendrescherei gerade von Politikern einzulassen. Man macht als Moderator dabei nichts wirklich falsch aber auch nichts richtig. Oftmals kann man Argumentationslinien von Politikern bis hin zur konkreten Formulierung antizipieren. Es wäre an der Redaktion und dem Moderator, dies im Vorfeld abzuklopfen und sich zu überlegen, wie die bekannten Muster ausgehebelt werden können. Hier kann man sich durchaus auch etwas bei den Kollegen von "Hart aber Fair" abschauen, die es immer wieder schaffen, mit prägnanten Einspielfilmen Gäste mit unangenehmen Fakten zu konfrontieren. Im sonstigen Talk-Betrieb geschieht dies viel zu selten.

3. Bei den Gästen gilt: weniger ist mehr!

Vielleicht die größte Kunst für eine gelungene Talk-Sendung ist die Gästemischung. Da haben Jauch und seine Redaktion bei der Premiere gleich mal vorgeführt, wie man es besser nicht macht. Jürgen Klinsmann als Amerika-Kenner einzuladen, war eine offensichtliche Schnaps-Idee und zog zurecht viel Spott auf sich. Und Jürgen Todenhöfer ist als Berufs-Pazifist leider auch ein Laber-Hannes der sehr vorhersehbaren Sorte. Da kann man die Thesen fast schon auswendig mitbeten. Warum Elke Heidenreich dann noch da sitzen durfte – wer weiß das schon? Vielleicht hatte sie gerade nichts sonst zu tun. Womit wir wieder beim Thema wären: Lieber auch mal Gäste weglassen und auf einige wenige konzentrieren, die dafür etwas zu sagen haben. Die meisten Talkshows kranken nämlich eher daran, dass die Runden zu groß sind, weil man meint eine imaginäre Gästeliste abhaken zu müssen. Da braucht es bei politischen Themen einen Vertreter jeder Fraktion, bei sozialen Themen darf der oder die Betroffene für jede Richtung nicht fehlen und natürlich noch irgendeinen Promi dazu, der wahrscheinlich Zuschauer locken soll. Heraus kommen grotesk aufgeblasene Talk-Runden, bei denen der Moderator jeden seinen Senf dazugeben lassen muss und am Ende hat keiner wirklich etwas gesagt. Auch hier kann man von den Kollegen lernen: Reinhold Beckmann hat als Talker zwar auch zahlreiche Macken, die mal einer eigenen Betrachtung wert wären, aber seine Sendung zeigt, dass Talk mit nur einem oder nur sehr wenigen Gästen meist mehr Substanz hat. Die große Runde sollte also zur Ausnahme werden und nicht zur Regel! Damit wäre viel gewonnen.

4. Kulisse sollte Kulisse bleiben!

Wir haben uns schon über die Talk-Kuppel von "Günther Jauch" ausgelassen. Die Kulisse sieht toll aus, keine Frage. Durch ihren Pomp droht die Kulisse aber, die Gäste zu Nebendarstellern zu degradieren. Vor allem, da man bei der Produktion auch noch auf die – auf dem Papier gute – Idee gekommen ist, die Kulisse in die Show einzubauen. So werden Einspielfilme zunächst auf Metall-Träger des früheren Gasometers projiziert. Das sieht ungewohnt und cool aus, lenkt aber ab. Genauso wie der schlechte Ton bei der Premiere störend auffiel. Offenbar ist das Studio derart riesig geraten, dass ein unüberhörbarer Hall-Effekt in den Stimmen lag. Das mag ein Detail sein, schuf aber eine seltsam kalte Atmosphäre. Die Technik sollte die Ton-Probleme in den Griff bekommen und die Gasometer- und Kuppel-Kulisse sollte – soweit möglich – noch mehr in den Hintergrund rücken. Übersehen wird man sie auch dann nicht, dafür ist sie einfach zu riesig.

5. Mehr “Wer wird Millionär?” wagen

Der Kritikpunkt, der nach der Premiere von "Günther Jauch" am häufigsten zu hören war, lautete: "Zuviel ‚Stern TV’". Und da ist was dran. Vor allem in den Einzel-Gesprächen mit Betroffenen – der Überlebenden von Nine-Eleven und der Mutter, die einen Sohn in Afghanistan verlor, fühlte man sich als Zuschauer zurück zu RTL gebeamt. Das lag zum einen an dem Setting (rote Sessel, Jauch mit seinen Karteikärtchen), zum anderen natürlich auch an Jauchs Fragetechnik. Dabei ist Jauch immer dann am besten, wenn er bei "Wer wird Millionär?" mit den Kandidaten redet. Der Jauch, der in "Stern TV" emotionale Betroffenheits-Interviews machte, der war zwar auch irgendwie ganz ok – aber eigentlich will man als Zuschauer mehr vom "Wer wird Millionär?"-Jauch in der ARD. Natürlich kann er mit Überlebenden von Terror-Anschlägen oder Müttern, die ihren Sohn verloren haben, keine Witzchen reißen. Was lernen wir daraus? Weg mit den Betroffenheits-Interviews! Otto-Normalverbraucher kann man gerne in die Sendung holen – aber wenn’s, dann bitte geht zu leichteren Themen, die Jauch und den Zuschauern Raum zum Durchatmen und Entspannen geben. Einmal pro Sendung Lachen sollte erlaubt sein. Sogar bei ernsten Themen. Knapp gesagt: Jauch und seine Sendung sollten deutlich lockerer werden. Aber natürlich ist kaum etwas so leicht gesagt und so schwer zu tun.

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