Start-up Amen: die Web-Geschmackspolizei

Menschen mit Meinung, und davon gibt es viele im Internet, haben eine neue Heimat: Amen. Das bereits im Vorfeld gehypte Social Media-Dings, in das u.a. der Schauspieler Ashton Kutcher und der Manager von Madonna investiert haben, wird seit Montag schrittweise für Nutzer freigeschaltet. Das Ziel: Die Welt in Listen sortieren - wo gibt es den besten Espresso, welches ist der schlechteste Film überhaupt. Der erste Eindruck: Ein sehr verspieltes Konzept, eine potentiell starke Abhängigkeitsgefahr und ein hoher Nerd, pardon: Geek-Faktor.

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Das Konzept in Kürze: Aus verschiedenen Satz-Bausteinen lassen sich mit Amen Aussagen basteln, über Personen, Orte und Dinge. Zufallsprinzip: Lionel Messi is the Best Football Player Ever. Oder: The Rolling Stones is the Best Musical Group Ever. Oder, per Geolocation: Café Einstein ist the Best Place in Berlin-Mitte to Enjoy an Espresso Ever. Undsoweiter undsofort. Diese Aussagen können andere Nutzer unterstützen ("Amen") oder ihnen widersprechen ("Hell, No!") und eine andere Alternative bieten, also etwa Beatles oder Modern Talking eingeben. Alle Alternativen und ihre Popularität bei den Nutzern lassen sich in einer Art Balkendiagramm anzeigen.

Der Meinungs-Strom wird wie bei Twitter vertikal abgebildet. Wie bei Twitter folgen Nutzer anderen Nutzern. Wie oft jemand ein "Amen" abgesondert hat und wie oft andere Nutzer diesem zugestimmt haben, erfasst eine Statistik. Der freundliche Wettbewerb der besten Meinungsmacher und –haber ist mit Amen also eröffnet.

Die Frage, ob irgendjemand Amen braucht, ist schnell beantwortet: Nö. Doch auch für Facebook und Twitter wurde der Nutzen, beispielsweise für Nutzer als auf Personen zugeschnittene Filter für Informationen oder für Medienunternehmen als Verbreitungskanäle für Nachrichten, nicht gesehen. Im Frühstadium wird es vermutlich viele Kritiker geben, die Amen als Sandkasten sehen, in dem sich Erwachsene darüber austauschen, welches die beste Sorte Eiscreme ist, wo es das beste Sushi gibt und welcher Schauspieler der Schlechteste ist (ja, auch Negativ-Bewertungen sind möglich). Der Eindruck ist bisher so falsch nicht.

Denn der Nerd- bzw. Geek-Faktor ist noch hoch: Da wird der beste Programmiersprachen-Designer ausgerufen, die beste Digitalkonferenz in Deutschland gekürt oder Spotify zum besten Musik-Streaming-Service erklärt. Seine eigenen Ansichten und Hitlisten mit denen von Freunden und anderen Nutzern abzugleichen, kann natürlich Spaß machen. Die Gefahr dabei ist dieselbe wie der Besuch eines coolen Plattenladens in den 80ern: Wer da reinspaziert ist und "Einmal die Neue von Phil Collins" verlangte, wurde unter Garantie so laut verlacht, dass für den Rest des Lebens ein Trauma blieb. Amen könnte also schnell zur Geschmackspolizei im Web avancieren.

Das Ziel sei, wertvolle Listen zu generieren, sagte Mitgründer Felix Petersen Stern.de: "Eine Einschaltquote für alles." Ob das reicht, einen anhaltenden Nutzen zu schaffen und damit auch ein Geschäftsmodell aufzubauen, wird sich zeigen. Vermutlich wird Amen zum größten Teil mobil genutzt werden – hier steckt das größte Erlöspotenzial im geschickt verpackten Angebot von ortsbasierten Services. Zum Gründerteam in Berlin gehören neben Petersen (Plazes) Florian Weber (Mitentwickler von Twitter), Caitlin Winner und Ricki Vester Gregersen.

Die Idee, Nutzer-Listen zu generieren, hatte 2007 übrigens schon Stern.de. Deren Tool hieß Stern Shortlist ("Das Leben ist eine Liste") – und funktionierte nicht.

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