Wired: hübsch, bunt und ein wenig mutlos

Jetzt ist es also da, das erste deutsche Wired. Ganz gelb, ganz bunt, ganz hübsch. Viel Schwarz-Rot-Gold - natürlich - irgendwie ironisch gemeint. Ein deutsches Wired ist eine ganz und gar ehrenwerte Unternehmung: Ein Magazin, nach dem sich nicht wenige Internet- und Technik-Interessierte seit Jahren sehnen. Es gab einige Versuche: das glücklose Pl@net etwa. Oder das tatsächlich sehr gute, aber bestürzend erfolglose Konrad. Jetzt versucht es das Original. Der Start ist gelungen, aber ausbaufähig.

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Die Startauflage von Wired Deutschland liegt inklusive des GQ-Bundles bei 160.000 Exemplaren. Mit GQ kostet das Heft 5 Euro, kurze Zeit später wird es auch alleine für 3,80 Euro zu haben sein. Die zeitgleich erscheinende iPad-App kostet 2,99 Euro. Lange Zeit hieß es, in Deutschland sei kein Platz für ein Wired-mäßiges Magazin. Zu klein die Zielgruppe, zu spießig das Land, zu schwierig der Markt. Man muss es Condé Nast und seinem Deutschland-Chef Moritz von Laffert hoch anrechnen, dass man es nun trotzdem versucht. Über die unselige Idee, die erste Wired an das Männer-Mode-Magazin GQ dranzupappen, wollen wir jetzt nicht weiter Worte verlieren. Das hat der Verlag halt so entschieden. Geek meets Geck, könnte man sagen.
Klicken Sie sich hier durch das neue deutsche Wired 

Betrachten wir also das deutsche Wired so, als ob es alleine erschienen wäre. Zunächst einmal sieht das Heft verdammt gut aus und fasst sich verdammt gut an. Das Papier hat ein bisschen eine rauere Qualität. Das Leit-Thema der Ausgabe ist der German-Geek – eine Art Positiv-Variante des übel beleumundeten “Nerds”. Es werden eine Reihe von solchen “Geeks” vorgestellt, u.a. der Macher des iPhone-Top-Spiels “Tiny Wings”, Chefredakteur Thomas Knüwer räsoniert ein bisschen über das Wesen des Geeks an und für sich und sein Spezi Jeff Jarvis schreibt über Johannes Gutenberg als erstem Geek aus Germany.

Der Jarvis-Artikel klingt von der Idee her origineller als er sich liest, dafür sind die einzelnen Geek-Porträts gelungen und erkenntnisreich. Die Info-Grafiken zu Beginn des Magazins sind optisch herausragend, ebenso Bilder-Strecken, die uns u.a. einen Darth Vader im Urlaub präsentieren, oder Deutschland nach dem Atom-Ausstieg. Es gibt eine Art Wimmelbild zum Oktoberfest (Maßterplan) und noch ganz viele feine kleine Ideen. So ist die im hinteren Blatt-Teil platzierte Rubrik “FAQ”, die Gaga-Fragen der Art “Wie isoliere ich die DNA einer Banane?” beantwortet, optisch mit das Beste, was lange Zeit in einem deutschen Magazin zu sehen war. Hier nimmt sich das deutsche Wired ganz undeutsch erfreulich unernst und entwickelt eine gewisse, technisch verspielte Leichtigkeit.

Aber trotzdem machte sich nach dem Zuklappen des Heftes eine gewisse Enttäuschung breit. Woran lag’s? Zum einen fehlte bei einigen wirklich interessanten Themen schlicht die inhaltliche Tiefe, die gerade die US-Ausgabe von Wired auszeichnet. Für den Report über das sexuelle Netzwerk Badoo wurde offenbar extra ein Mitarbeiter in die Zentrale nach London geschickt. Herausgekommen sind ein bisschen über zwei Seiten Text. Da hätte man gerne noch ein bisschen mehr erfahren. Vielleicht auch über Badoo hinaus. Genauso verhält es sich mit dem interessanten Thema Dark Net. Unter der ein bisschen komischen Überschrift “Tief drinnen” gibt es noch nicht einmal zwei Seiten Text zu dem spannenden Thema über die verbrecherischen, dunklen Ecken des Netzes. Vor allem: Was ist mit dem Marihuana-Päckchen passiert, das sich die Wired-Redaktion schicken ließ?

Ein bisschen mehr wäre hier in der Tat mehr gewesen. Das dickste “Aber” betrifft freilich ein ganz anderes Thema. Richtig sauer aufgestoßen bei der Lektüre des deutschen Wired sind die zahlreichen, als Wired-Artikel und -Rubriken aufgemachten Promotion-Anzeigen. Ganze vier Seiten bekommt BMW, um sein Mobilitäts-Konzept BMWi vorzustellen. Dass es sich um “bezahlte Inhalte” handelt merkt hier nur der Profi-Leser, der die oberen Ecken des Magazins nach den Wörtchen “Wired Promotion” und “Anzeige” abscannt. In gleicher Manier werden ein Drucker von Canon, Sky go und weitere Gadgets unter der Rubrik “Wired Notes” angepriesen. Alles bezahlte Strecken in redaktioneller Aufmachung. Besonders störend ist das bei den “Wired Notes”, die sogar noch einen Magazin-Rubrikennamen erhalten haben.

Klar, es steht “Anzeige” drüber. Und, ja, ein Verlag muss und soll auch Geld verdienen. Aber der Name Wired steht nicht zuletzt auch für eine gewisse Glaubwürdigkeit in Tech-Belangen. Da kommt es einfach nicht gut an, wenn man als Leser gleich in der allerersten Ausgabe an der Nase herumgeführt werden soll. Wenn der Verlag gewollt hätte, hätte man “Promotion”-Strecken optisch vom Rest des Magazins absetzen können. Man hat aber offensichtlich die Strecken so gestaltet, dass sie exakt so aussehen, wie der redaktionelle Teil.

Nach dem Mut, es mit Wired in Deutschland überhaupt zu versuchen, ist dem Verlag nun also vor allem eines zu wünschen: mehr Mut. Um mit Wired Deutschland überhaupt weiterzumachen. Um den Lesern von Wired-Deutschland längere Stücke zuzumuten. Und um Redaktion und Werbung klar erkennbar voneinander zu trennen. Dann wird’s vielleicht auch was mit Wired und den Deutschen.

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