Thomas Baumann: „Wir trommeln für alle“

ARD-Chefredakteur Thomas Baumann sieht keinen Personenkult um Günther Jauch, den neuen Moderationsstar im Ersten. Der Sonntagstalker, der erstmals am 11. September im Ersten loslegt, verfüge bereits über eine "herausragende Prominenz". Die ARD trommele für alle ihre Stars. Im MEEDIA-Interview erklärt Baumann auch, warum die Talksendungen nicht die Dokumentationen verdrängen und warum es künftig keine Talk-Sommerpause mehr geben wird.

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Herr Baumann, schmückt die ARD sich nicht etwas zu sehr mit Günther Jauch?

Nein. Es ist nicht so, dass wir ihn so nach vorne stellen, dass die anderen – Frank Plasberg, Reinhold Beckmann, Sandra Maischberger und Anne Will – in der zweiten Reihe säßen. Das ist ausdrücklich nicht der Fall.

Vom Aufmerksamkeitsfaktor ist Jauch nun mal der Größte. Darum wird für ihn und mit ihm auch lauter getrommelt.

Wir trommeln für alle. Wir haben ein neues Sendeschema und müssen unser Publikum möglichst schnell mit den neuen Sendeplätzen vertraut machen. Aber noch mal: Es ist nicht so, dass uns der eine teurer oder lieber als der andere wäre.

Teurer schon.

Sie wissen: über Produktionsverträge sprechen wir nicht.

Alle Sender treiben einen Personenkult um ihre Moderatoren. Die Themen stehen hinter den Moderatoren zurück. Bei Frau Wills Präsentation in der vergangenen Woche wurde zumindest ein Konzept der Sendung erklärt. Darauf ging Herr Jauch bei der Vorstellung seines Talkformats nicht sehr ein. 

Wir wissen alle, dass Günther Jauch über eine herausragende Prominenz verfügt. Das entspricht seinen Qualitäten und seiner Qualifikation. Und es ist doch die Stärke des Ersten, dass wir fünf exzellente Moderatoren haben. Jauch ist zudem auch wegen der RTL-Sendung“ Wer wird Millionär?“ einem noch breiteren Publikum bekannt. Für uns ist das ein glücklicher Umstand, das befeuern wir aber nicht noch von unserer Seite. Das brauchen wir auch gar nicht.

Wie lange soll Herr Jauch denn noch zusätzlich bei RTL moderieren? Die ARD hätte ihn sicher gerne exklusiv gehabt.

Man bekommt selten alles, was man gerne hätte. Herr Jauch kann mit einer völlig anderen Programmfarbe auch weiter für RTL arbeiten. Er wird möglicherweise irgendwann entscheiden, was seine Beanspruchung zulässt.

Wie fällt Ihr Fazit zur ersten Sendung von Anne Will aus?

Ich freue mich, dass das neue Konzept, mit einem Gast solo vorne zu beginnen, bei diesem Thema mit Tim Raue sehr gut aufgegangen ist. Tim Raue hatte wirklich etwas zu sagen. Das macht mich zuversichtlich, dass das Konzept trägt.

Sie und auch NDR-Intendant Lutz Marmor haben betont, dass die Quote nicht entscheidend sei. 1,2 Millionen Zuschauer haben den Zielkorridor von 1,5 bis 2 Millionen knapp verfehlt.

Natürlich haben wir die Quoten angeschaut. Aber es war die erste Sendung auf einem neuen Sendeplatz. Zu diesem Zeitpunkt muss man sich mit Blick auf die Quoten noch jeder Bewertung enthalten.

Die Zuschauer sahen eine recht konstruktive Sendung ohne große Streitereien, fast schon leisen Tönen, wenn das möglich ist. Für die Gesprächskultur ist solch eine Tonalität vielleicht wünschenswert. Aber der Quote scheinen echte oder inszenierte Streits zu helfen.

Was es definitiv nicht braucht, sind inszenierte Streits. Es darf sein, dass auch mal die Fetzen fliegen. Streit ist gut, wenn deutlich wird, dass es zu einem Thema konträre Ansichten gibt. Da darf es lauter werden. Aber das nicht unsere Zielsetzung.

Wie sieht die Koordination der Themen und Gäste zwischen den Talk-Redaktionen nun aus? Die avisierte Datenbank ist schon installiert?

Es gibt diese Datenbank. Sie soll allen Redaktionen die Planungen erleichtern. Die Redakteure können sich rechtzeitig informieren und austauschen.

Und wenn sich mal zwei Redaktionen um einen Gast oder ein Thema streiten?

Dann versuchen sie, das untereinander zu klären. Sollte es einen Konflikt geben, werde ich mit den Redaktionen beraten, was zu tun ist. Bei Megathemen – denken Sie an die arabische Revolution, den Rücktritt von zu Guttenberg, die Katastrophe von Fukushima – können ja auch mehrere Sendungen in einer Woche zu einem Oberthema laufen. Dann kommt es darauf an, ob ein Thema so stark ist, dass es mehrere Redaktionen aus unterschiedlichen Perspektiven behandeln können, und es dafür unterschiedliche Gäste gibt.

Reinhold Beckmann reagierte in einem Spiegel-Interview schon ein wenig spitz, als es hieß, auch Günther Jauch bemühe sich darum, Helmut Schmidt in seine Sendung zu bekommen. Er buche schon mal den Papst und den Dalai Lama, sagte Beckmann.

Wir werden eine gesunde Konkurrenz unter den einzelnen Formaten nicht unterdrücken. Das macht die Sendungen im Allgemeinen auch stärker.

Vor drei Jahren hätten Sie wohl nicht vermutet, dass Sie an jedem Abend im Ersten talken lassen, oder?

Na ja: an fünf von sieben Abenden pro Woche. Vor drei Jahren hatten wir auch eine andere Situation. Da war nicht restlos klar, dass alle Sendungen auch wirklich gut funktionieren. Keine Sendung hat unter einer der anderen gelitten. Aber am Ende entscheidet immer das Publikum, ob es die fünf Sendungen annimmt. Wir gehen fest davon aus.

Bernd Gäbler hat in seiner Talkshow-Studie unter anderem kritisiert, dass die Dokumentationen aus dem Abendprogramm verdrängt werden. Ziehen Sie sich den Schuh an?

Nein, in keiner Weise. Es gab bisher drei Programmplätze für Dokus, und auch künftig werden es drei sein. Die Dokus, die bislang am Montag um 21 Uhr und am Mittwoch um 23.30 Uhr liefen, wechseln auf den Montag um 22.45 und 23.30 Uhr. Herr Gäbler hat zudem kritisiert, dass wir einen Sendeplatz aus der Primetime wegnehmen und auf die Zeit nach den Tagesthemen schieben. Prime Time ist ja schön, es muss aber auch funktionieren. Und wir haben eben am Montag um 21 Uhr die bittere Erfahrung gemacht, dass wir in der Konkurrenz zum ZDF-Fernsehfilm und zu RTL eben nicht den Erfolg hatten, den wir uns wünschen. Ein Schnitt von 8 Prozent, das ist für einen Platz um 21 Uhr nicht so gut.  Mit Hart aber Fair und Frank Plasberg werden wir besser abschneiden.

Genau da setzen Kritiker ja an: Sie schauen auf die anderen Sender, sie schauen auf die Quoten. Dabei könnte das Erste sich doch einfach freimachen von allen Zwängen und etwas anderes als Talk senden.

Für uns sind zwei Dinge von Bedeutung: Zunächst die Relevanz unserer Inhalte. Und dann, ob wir mit diesen Inhalten beim Publikum ankommen. Deshalb  schauen wir auch auf die Quote. Die ist uns nicht egal, sie ist aber auch nicht alles. Wenn wir nur nach der Quote gingen, dann machten wir keine Sondersendung über die Hungersnot in Afrika in der Prime Time. Überdies übersieht Herr Gäbler, dass jede Quoten-Delle auch Auswirkungen auf die nachfolgenden Sendungen hat. Am "alten" Montag haben die weniger erfolgreichen Dokus auch die nachfolgenden politischen Magazine und die "Tagesthemen" nach unten gezogen. Mit dem neuen Programmschema  bekommen die Magazine am Dienstag einen besseren Vorlauf und Politik wird einem größeren Publikum zugänglich gemacht. Das ist doch ein Gewinn! Als Programmmacher darf man einzelne Sendeplätze nie isoliert betrachten.

Sie haben angekündigt, dass es künftig keine Sommerpause der Gesprächsformate mehr gibt. Was heißt das?

In den vergangenen Jahren gab es im Ersten zwischen Juni und Anfang September über mehrere Wochen keine Gesprächssendung. Wir sind klar der Meinung: Wenn wir fünf Gesprächssendungen haben, und es de facto kein Sommerloch mehr gibt, dann müssen wir auch im Sommer wenigstens mit ein oder zwei Sendungen an den Start gehen. Es wird auf das Jahr gerechnet nur noch ganz wenige Feiertagslücken um Weihnachten und Silvester sowie bei Sportgroßereignissen wie Olympia geben.  

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