Techcrunch: Showdown der Web-Alphatiere

AOL und Journalismus: Das ist bislang eine Ehe voller Pleiten, Pech und Pannen. Ob es nun der Aggregator-Ansatz der Huffington Post oder die Demand Media-Praktiken der AOL-Redaktionen sind, immer wieder steht AOL-Boss Tim Armstrong in der Kritik. Jetzt liefern sich seine beiden journalistischen Aushängeschilder, HuffPo-Gründerin Arianna Huffington und Techcrunch-Chef Michael Arrington, ein heftiges Duell um die redaktionelle Kontrolle bei Techcrunch, das Arrington gerade versucht wieder zurückzukaufen.

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Seit Monaten schon gibt es Ärger zwischen Huffington, die mittlerweile als AOL Content-Chefin firmiert und damit offiziell die Vorgesetzte von Arrington ist, und dem Techcrunch-Gründer. Als der Star-Blogger vor elf Monaten sein Portal für rund 25 Millionen Dollar plus kräftigen Gewinn-Beteiligungen an den ehemaligen Provider verkaufte, ließ er sich angeblich eine weitestgehend redaktionelle Unabhängigkeit zusichern.

Diese sieht Arrington seit rund einer Woche bedroht, denn Huffington soll seine Ablösung betreiben und bereits einen neuen Redaktionsleiter oder Chefredakteur suchen. Auslöser der Eskalation ist der Launch des neuen Start-up-Fonds “the CrunchFund”. Hinter dem Venture Capital-Angebot stehen der Techcrunch-Gründer und AOL. Die Web-Company selbst ist sogar größter Geldgeber des neuen Investment-Players.

Sofort entbrannte die Diskussion, die vor allem von der New York Times und dem Wall Street Journal vorangetrieben wird, ob es journalistisch überhaupt vertretbar ist, dass die eigene Blog-Plattform über Start-ups berichtet, in die die redaktionelle Führung eigenes Kapital investiert hat? Die Antwort auf diese Frage kann eigentlich nur "nein" lauten.

Das sehen Arrington und seine Redaktionskollegen jedoch anders und berufen sich auf ihre zugesicherten Freiheiten und den Workflow innerhalb der bloggenden Redaktion, der eine hohe Unabhängigkeit der einzelnen Autoren beinhaltet. Tatsächlich ist der tagesaktuelle Einfluss des Gründers recht gering. Denn längst ist Techcrunch ein Nachrichten-Portal, das von mehreren, weitestgehend autark agierenden Bloggern und Journalisten befüllt wird. Diese Konstruktion hat zur Folge, dass die Web-Experten aus dem Silicon Valley viel schneller auf News reagieren können als viele Old Media-Angebote.

Der Verzicht auf Hierarchien zeigt sich auch in den Selbstbeschreibungen des Portals. So trägt MG Siegler, einer der einflussreichsten US-Tech-Blogger überhaupt, den Titel "Kick Ass Pool Party Coordinator”. Davor nannte er sich schon "Super Ultra Editor Supreme".

Ein weiterer Beleg für die spannende Unabhängigkeit der Tech-Blogger ist auch der Umstand, dass fast zeitgleich zwei Texte online gingen, die sich mit der Kritik des NY Times-Autoren David Carr auseinandersetzten und zudem wenig Positives über das Mutterunternehmen AOL äußern. So viel Freiheit wäre in keiner klassischen Redaktion möglich. Weder in den USA noch in Deutschland.

In der Nacht zum Mittwoch meldete sich dann endlich auch Arrington selbst zu Wort: In einem Posting fordert er entweder die redaktionelle Freiheit von der Huffington Post oder aber die Möglichkeit, Techcrunch wieder zurückzukaufen. Nach Informationen der Wall Street Journal-Bloggerin Kara Swisher ist AOL jedoch auf keinen Fall bereit, das boomende Technik-Portal wieder abzugeben.

Gleichzeitig kokettierte Arrington ganz offen mit der Möglichkeit, dass AOL ihn feuert. Als Symbolbild zu seinem Posting wählte Arrington ein Foto aus dem Film "300", auf dem sich wenige Spartaner gegen eine Übermacht verschanzen. "Entschuldigung für das übertriebene Bild", schreibt er. "Es reflektiert nur genau, wie wir uns gerade fühlen. Und wenn dies mein letztes Posting bei Techcrunch sein sollte, ist es zudem noch ein cooler Abschluss."

Dem entgegnet Swischer trocken: "Memo für Mike: am Ende starben aller Spartaner."

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