Heftkritik: Warum Zeit Leo Nachhilfe braucht

Seit Dienstag will Zeit Leo den Markt für Kindermagazine aufmischen. Laut Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo ist das neue Heft "so schlau wie die Zeit, nur viel leichter zu lesen". Der Ableger für die Zielgruppe ab acht Jahren orientiert sich am Themenspektrum des Mutterblattes und versucht sich wie Dein Spiegel an einer kindgerechten Darstellung von Politik, Gesellschaft, Natur und Wissenschaft inklusive Mitmachgeschichten. Dennoch kann Zeit Leo aber Nachhilfe gebrauchen.

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Zeit Leo ist eine Mischung aus Neon, Nido und ein bisschen Zeit Campus, natürlich zielgruppengerecht um etliche Jahre verjüngt. Von allen drei Heften, so scheint es, hat sich der kleine Löwe inspirieren lassen. Die Namen der Ressorts "erleben", "verstehen" und "was tun!" ähneln denen von Neon. Dort heißen sie "Sehen", "Fühlen", "Wissen" und "Kaufen". Das Layout ist genauso zaghaft verspielt wie sein großer Bruder Zeit Campus: Es gibt unterschiedliche Schriftarten und -größen, dennoch wirkt das Heft klar strukturiert – für ein Kindermagazin aber ungewöhnlich aufgeräumt. Auch die Bildsprache, die überwiegend aus Porträts und Zeichnungen besteht, bietet nichts außergewöhnlich Neues, hat man diese auch schon bei Neon und Nido gesehen.

Die Redaktion schickte Kinder auf Erkundungstour ins Museum
Inhaltlich geht es in der ersten Ausgabe von Zeit Leo um das Titelthema Freundschaft. Herausgeberin Susanne Gaschke erzählt auf sechs Seiten, wie sie in ihrer Schulzeit eifersüchtig war, als die neue Klassenkameradin sich neben ihre beste Freundin setzte, sich mit ihr anfreundete und was sie daraus gelernt hat. Der Text fungiert als Vorlage für das darauffolgende Interview mit Ulrike Wagner, Direktorin des Forschungsinstitutes für Medien JFF, die darüber spricht, dass auch virtuelle Freunde bei Facebook und Co. wahre Kumpels sein können. Dazu gibt es Buchkritiken von Kindern für Kinder, Rätsel, Comic und unterschiedliche Frage-Antwort-Rubriken: Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo berichtet beispielsweise über seine Vorbilder aus der Kinderzeit. Besonders gelungen ist die Kolumne "Erwachsene verstehen" von Hartmut El Kudi. In der aktuellen Ausgabe erklärt er auf sehr humorvolle Art und Weise, warum Eltern von ihren Kindern stets verlangen, in der Schule gut zu sein, selbst aber mit ihrer Schludrigkeit als Schulkind angeben.
Zwar sind die Artikel über eine 19-jährige Frau in Afghanistan und ihr Leben in dem Kriegsland sowie ein Bericht über das Kinderhilfswerk Plan beachtenswert, doch ob dieser ernste Lesestoff die Aufmerksamkeit der jungen Leser erreicht, ist fraglich. Es sei denn, es gibt in der Schule oder zuhause einen (aktuellen) Anlass, das Thema zu vertiefen. Eyecatcher sind die jedenfalls nicht.

Großaufnahme: Fotos von Pflanzen unterm Mikroskop
Und das sind die Knackpunkte, weswegen Zeit Leo bei seiner Zielgruppe nicht gut ankommen könnte. Zwar will man durch die Kinderbrille die Themen Politik, Gesellschaft, Natur und Wissenschaft betrachten und erklären, doch fehlt ein aktueller, populärer Bezug, der die jungen Leser wohl eher dazu weiterblättern lässt. Am ehesten wird dies beim Artikel zu Pottermore erreicht, der neuen Online-Seite um Zauberlehrling Harry Potter, oder beim Interview mit FC Bayern-Keeper Manuel Neuer, der verrät, welches Poster in seinem Kinderzimmer hing. Mit dem ersten Heft von Zeit Leo wird es schwer, acht- bis 13-Jährige als neue, treue Abonnenten zu gewinnen. Hier scheint Nachhilfe nötig.
Für den wirtschaftlichen Erfolg des Magazins wird es aber nicht ausschlaggebend sein, ob es die Kinder anspricht, sondern die Eltern, die das Heft kaufen werden. Erwachsene Zeit-Lesern wird Zeit Leo (4,90 Euro) wegen seiner unaufdringlichen Art und anspruchsvollen Themenmischung gefallen. Schließlich will man ja nur das Beste für sein Kind. Dagegen ist im Prinzip nichts einzuwenden – außer dass der eigentlichen Klientel der ab Achtjährigen das Heft schlicht pädagogisch ein wenig zu wertvoll, sprich langweilig, sein könnte. Und das dürfte dann ganz und gar nicht im Sinne der Erfinder von Zeit Leo sein.

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