„Ein neues Markenzeichen für die Zeit“

Was Stern, Süddeutsche Zeitung und einige andere Medien bereits besitzen, wird ab Herbst auch bei der Zeit starten: ein Investigativ-Ressort. Zeit-Chef Giovanni di Lorenzo erhofft sich von dem vierköpfigen Team aus Berlin eine "neue Farbe" für seine Wochenzeitung. "Die Süddeutsche Zeitung ist in gewisser Weise ein Vorbild für uns", sagt er im MEEDIA-Interview. Zudem verrät er erste Details zum neuen Ressort, welche Stellen bereits besetzt sind und welche Themenschwerpunkte bearbeitet werden.

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Nach Süddeutscher Zeitung, Stern, dapd, WAZ und einigen anderen Medien gründet Die Zeit nun auch ein Investigativ-Ressort. Wie kam es dazu?
Das ist eine Farbe, um die wir uns bislang zu wenig gekümmert haben und die der Zeit guttun wird. Die Süddeutsche Zeitung ist in gewisser Weise ein Vorbild für uns. Sie wurde zwar immer für ihren Qualitätsjournalismus geschätzt, war früher aber etwas unschuldig auf dem Gebiet der investigativen Recherche. Der ehemalige Chefredakteur Hans-Werner Kilz hat dieses Genre dann implementiert und die Süddeutsche zu einem Blatt gemacht, das immer wieder mit herausragenden Enthüllungsgeschichten auffällt.
Ist das auch der Grund, warum Hans-Werner Kilz als Berater für das neue Ressort fungiert?
Einen besseren kann ich mir gar nicht vorstellen! Schon während seiner Zeit beim Spiegel hat er investigativ gearbeitet und zum Beispiel die Flick-Affäre begleitet. Bei der Süddeutschen hat er dann Aufbauarbeit geleistet, mit ausgezeichneten Ergebnissen.
Stellen Sie fest, dass Zeitungen und Zeitschriften qualitativ besser werden, wenn sie ein Investigativ-Ressort haben?
Ja, weil die Kontrolle der Mächtigen und das Aufdecken von Skandalen für die Leser der Beleg dafür ist, dass ihre Zeitung frei und furchtlos ist.
Wie viel Überzeugungsarbeit hat es Sie gekostet, beim Verleger das Ressort und die drei neuen Stellen durchzusetzen?
Wenn es um neue Stellen geht, muss man immer Überzeugungsarbeit leisten. Umso glücklicher bin ich, dass die Verleger schließlich gesagt haben: "Macht es!"
Das Ressort wird von Berlin aus arbeiten. Hat das damit zu tun, dass es den Schwerpunkt im Bereich Politik haben wird?
Ja, Politik und Wirtschaftskriminalität werden sicher die Themenschwerpunkte sein. Und da laufen viele Fäden eben in der Hauptstadt zusammen. Das neue Ressort zieht in das Gebäude, in dem auch das Zeit-Magazin, unser Parlamentsbüro und die Online-Redaktion untergebracht sind.
Welche Voraussetzungen müssen die künftigen Investigativ-Redakteure mitbringen?
Eine Stelle ist bereits an die preisgekrönte Reporterin Kerstin Kohlenberg vergeben, die sich vor allem in der Wirtschaft gut auskennt. Die anderen beiden Stellen sind ausgeschrieben. Wir suchen fleißig nach hochqualifizierten Kollegen, die Erfahrung mit investigativen Stoffen haben und außergewöhnlich engagiert sind.
Stephan Lebert wird das Investigativ-Ressort leiten. Wer wird sein Nachfolger als Verantwortlicher Redakteur im Ressort Reportage?
Wolfgang Uchatius wird sein Nachfolger. Und wir haben noch eine weitere Planstelle geschaffen: Patrik Schwarz, bisher stellvertretender Ressortleiter Politik, wird sich künftig ausschließlich um die Sonderseiten kümmern, die wir in den vergangenen Jahren eingeführt haben. Wir brauchen einen zentralen Ansprechpartner für unsere Büros in Österreich, der Schweiz und in Sachsen und für die Kollegen von "Christ und Welt".
Was erwarten Sie von dem Investigativ-Ressort? Welche Vor-, welche Nachteile sehen Sie?
Den Erfolg von investigativen Geschichten kann man, anders als den von neu eingeführten Seiten, nicht an gestiegenen Abonnentenzahlen ablesen. Aber unsere Leser schauen immer mehr darauf,  ob die Zeit unabhängig, stark und couragiert ist. Sie wollen, dass wir Unrecht aufdecken und dass Journalisten auch da recherchieren, wo es unangenehm wird. Investigative Beiträge machen ein Blatt glaubwürdiger.
Sollte es nicht der Anspruch eines jeden Redakteurs sein, investigativ zu arbeiten?
Natürlich! Es gibt bei uns auch immer wieder hervorragende Recherchearbeit. Aber die Markenzeichen der Zeit sind bislang vor allem Kommentare, Analysen, Reportagen und Interviews. Jetzt kommt eben noch etwas dazu.

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