„Deutsche Presse nicht kritisch genug“

Wikileaks-Gründer Julian Assange hat in einem Interview seine Organisation verteidigt. Für ein Datenleck, das vergangene Woche publik wurde und das zur Veröffentlichung von Klarnamen von Informanten führte, sei die britische Zeitung Guardian verantwortlich. Die Gefahr, dass aufgrund des Datenlecks Personen gefährdet seien, schätze er als gering ein. Ausgeschlossen sei eine Gefährdung aber nicht. Assange lehnt aber jegliche Verantwortung ab. Die deutsche Presse sei "nicht kritisch genug".

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In einem Interview mit der Journalistin Melinda Crane (Deutsche Welle) sagte Assange, der live zum Internationalen Medienkongress in Berlin zugeschaltet wurde: "Wir haben niemals etwas Falsches veröffentlicht. Keine unserer Quellen ist bisher aufgrund unserer Handlungen enttarnt worden. Es ist niemand aufgrund unserer Veröffentlichungen physisch verletzt worden." Die Informanten, deren Namen indirekt aufgrund eines Datenlecks publik wurden, seien nicht Wikileaks-Informanten. Die Personen hätten US-Botschaften in der ganzen Welt mit Informationen versorgt. "Das waren nicht unsere Quellen", betonte Assange mehrfach. Darum habe er auch keine Bedenken, dass Wikileaks weiter geheime Informationen zugespielt würden. Die Whistleblower-Plattform schütze ihre Informanten.

"Lassen Sie uns diesen Fall genau anschauen. Der Guardian hat den kompletten Verschlüsselungscode veröffentlicht", sagte Assange über die nicht geplante Veröffentlichung der unbearbeiteten US-Depeschen, in denen Informanten mit Klarnamen genannt werden. Dieses Datenleck sei vor zwei Monaten entdeckt worden. "Der Guardian hat gegen einen Vertrag verstoßen. Wir sind nur dafür verantwortlich zu machen, mit dem Guardian zusammen gearbeitet zu haben." Die britische Zeitung habe einen Knopf gedrückt, den sie nicht drücken durfte. Der Guardian beruft sich u.a. darauf, dass das in einem Buch veröffentlichte Passwort nach kurzer Zeit wieder gelöscht werden sollte. Dies geschah aber nicht. Assange sagte, der Guardian habe sich nicht rückversichert, dass das Passwort tatsächlich inaktiv sei.

Den Namen seines langjährigen Weggefährten und heutigen Kritikers Daniel Domscheit-Berg nannte Assange nicht explizit. Dennoch sprach er mehrfach von einer "deutschen Einzelperson", die verschiedenen Medien verraten habe, wo die geheimen US-Depeschen im Netz zu finden seien. In Kombination mit dem von Guardian veröffentlichten Passwort verbreiteten sich die unbearbeiteten Informationen zusätzlich. Assange sprach in dem Zusammenhang von "dunklen Geschäften". Als Reaktion auf das Datenleck hatte Wikileaks den kompletten Datensatz mit den US-Depeschen online gestellt.  

Es sei weiter wichtig für Wikileaks, mit Medien zu kooperieren, sagte Assange. Doch die, inklusive deutscher Medien und vor allem inklusive des Spiegel, seien zu unkritisch gewesen. Ein Artikel im Spiegel von dieser Woche stelle die Sachlage falsch da. Mit Ausnahme des Guardian und der New York Times unterhalte Wikileaks aber weiter Kooperationen mit über 50 Medienpartnern. "Falsche Anschuldigungen" gegen Wikileaks seien ein Beweis dafür, dass Medien korrumpiert würden, sagte Assange zu Crane. Medien ließen sich beispielsweise korrumpieren, um Geld zu verdienen. Kein Medium sei ohne Agenda – entweder einer ökonomischen oder politischen Agenda.

In einer Keynote hatte Assange zuvor über die sich wandelnde Rolle des Journalismus gesprochen. Es sei nicht die Aufgabe von Journalisten, als Experten aufzutreten. Vielmehr sei es die Rolle der Medien, Experten wie Professoren oder Ingenieure zu Wort kommen zu lassen, um die Wahrheit zu verbreiten und Verschwörungen aufzudecken. 

"Das Risiko ist bei dem, was wir tun, immer dabei. Es ist wichtig, Risiken einzugehen", sagte Assange, der von dem britischen Landsitz Ellingham Hall zugeschaltet war, in dem er seit neun Monaten unter Arrest steht. Einen Grund, sein Vorgehen oder das Vorgehen der von ihm gegründeten Organisation zu revidieren, sah Assange nicht. Er sprach von einem "Rennen der guten gegen die bösen Jungs" mit Wikileaks auf Seiten der Guten. Wikileaks sei im Laufe der vergangenen Monate mehrfach "aggressiv angegriffen" worden. Für Assange ein Beweis für die Schwäche der Machtstrukturen großer Staaten wie etwa den USA. Wikileaks Ziel sei weiter die Gerechtigkeit und Enttarnung von Machtstrukturen.´

Während des Interviews fiel einmal das Licht in dem Zimmer aus, in dem Assange für die Übertragung saß. Auf der Leinwand in Berlin wurde es ganz dunkel, dann ließ Assange die Fenstervorhänge zurückziehen und saß plötzlich im hellen Tageslicht. Die Guten und die Bösen, das Helle und das Dunkle – innerhalb von Sekunden waren die beiden Seiten der Idee Wikileaks und seines Gründers sichtbar.

Nachtrag, 12.40 Uhr: Spiegel-Chefredakteur Mathias Müller von Blumencron hat auf dem Internationalen Medienkongress in Berlin die Entscheidung von Wikileaks, die US-Depeschen ebenfalls unbearbeitet und mit Klarnamen von Informanten zu veröffentlichen, scharf kritisiert. Beim Spiegel sei man "verwirrt und erschüttert", dass die Dokumente unbearbeitet ins Netz gestellt worden seien. Das Material habe sich zwar schon zuvor "verselbstständigt", aber mit dem Selbstverständnis des Spiegel sei das Vorgehen von Assange, den Blumencron "unberechenbar" nannte, nicht zu vereinbaren. Informanten beispielsweise in Diktaturen seien nun gezwungen, zu flüchten. "Wir haben das nicht begriffen", sagte Blumencron. Das Wort "Medienpartner" sei ihm als Beschreibung des Verhältnisses zwischen Spiegel und Wikileaks "zu nah". Ausgeschlossen sei eine weitere Zusammenarbeit aber nicht.

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