MDR-Skandale: Peters kontert Reiter-Brief

Wer glaubte, dass die beispiellose Kette von Skandalen im eigenen Haus den Chef des Mitteldeutschen Rundfunks kleinlaut und demütig machen würde, sah sich vergangene Woche eines Schlechteren belehrt: Mit kühler Ironie versuchte MDR-Intendant Udo Reiter die jüngsten Enthüllungen von Springers Welt zu bagatellisieren und stellte sogar die Platzierung auf Seite eins in einem Offenen Brief in Frage. Jetzt konterte Welt-Chefredakteur Jan-Eric Peters – ebenfalls mit einem Offenen Brief.

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Peters benennt "harte Fakten" und wirft Reiter vor, eine Anfrage ignoriert zu haben. Es gehört schon ein gehöriges Maß an Abgebrühtheit und Kritikresistenz dazu, wenn ein Intendant – über dessen Verantwortungsfeld selbst die vornehme Süddeutsche Zeitung einen Artikel unter der Überschrift "Saustall Leipzig" veröffentlichte –, wenn also dieser Intendant dem Chefredakteur eines um Aufklärung der Affären bemühten Mediums in aller Öffentlichkeite den Vorwurf macht, "aus einem relativ kargen Sachverhalt, der obendrein schon seit Wochen bekannt ist" zum Seite eins-Aufmacher hochgejazzt zu haben.
Relativ karg scheint in diesem Fall vor allem das Erinnerungsvermögen und Verantwortungsgefühl eines Senderchefs, der seit 20 Jahren im Amt ist und sich kaum damit herausreden kann, dass er von den seltsamen bis justiziablen Vorgängen beim MDR nicht umfasst informiert sein könnte oder besser: müsste. Nun scheint Udo Reiter damit begnügen zu wollen, dass er von seinem Amt vorzeitig zum Jahresende Abschied nimmt. Doch den unverkennbaren – und unangemessenen – Hohn, der im Offenen Brief des Intendanten zum Ausdruck kommt, wollte Welt-Chefredakteur Peters nicht unkommentiert stehen lassen.
In seiner nun ebenfalls öffentlichen Replik schreibt Peters: "Unsere beiden Reporter tragen in der Tat seit Wochen mit immer neuen Enthüllungen maßgeblich zur Aufklärung der dubiosen Vorgänge in Ihrem Haus bei." Für den Chefredakteur "ein gutes Beispiel für investigativen Journalismus". Denn die Rechercheure hätten in der Affäre maßgebliche Erkenntnisse zusammengetragen.
Wörtlich heißt es: "Meine Kollegen haben beispielsweise als erste die Rolle der undurchsichtigen Berliner Firma beschrieben, die einem ehemaligen hauptamtlichen Stasi-Offizier gehört und die Ihr bisheriger Unterhaltungschef Udo Foht mehrfach für seine Transaktionen benutzt hat. Sie haben zuerst über eine interne Stellungnahme Fohts gegenüber dem MDR berichtet, aus der hervorgeht, dass Ihr Mitarbeiter offenbar ungestört von den Kontrollinstanzen Ihres Hauses eine Art Schneeballsystem errichten konnte. Sie haben zuerst aufgedeckt, dass auch der Burda-Vorstand Philipp Welte ein Opfer dieses Systems geworden ist und Herr Foht beim Münchner Musikverleger Hans R. Beierlein mehr als einen lächerlichen Betrag erbettelt hatte – rund 180.000 Euro." Folge davon: "Die Enthüllungen der Welt sind in den vergangenen Monaten dutzendfach von anderen Medien zitiert worden."
In Anspielung auf den angeblich "kargen" und angeblich seit Wochen bekannten " Sachverhalt" hält Peters Reiter vor: "Unsere Reporter haben hier erstmals mit harten Fakten belegt, dass der bekannte Produzent Werner Kimmig (‚Bambi‘, ‚Krone der Volksmusik‘, ‚Verstehen Sie Spaß?‘) und seine Werner Kimmig GmbH in die Foht-Affäre verwickelt sind: Herr Kimmig hat Herrn Foht mit 10.000 Euro in einer angeblichen MDR-Sache aus der Patsche geholfen und ihm für die vom SWR betreute ARD-Sendung ‚Immer wieder sonntags‘ ein Beraterhonorar von 10.000 Euro gezahlt. Diese merkwürdige Konstellation – ein MDR-Mitarbeiter, der Auftragsproduktionen für die ARD betreut, erhält Geld von einem Produzenten, der viele Aufträge von der ARD bekommt – hat übrigens Ihren Kollegen beim SWR, den Intendanten Peter Boudgoust, umgehend handeln lassen: Er hat in dieser Woche die Verwaltungs- und Rundfunkräte seines Senders schriftlich über die vorliegenden Erkenntnisse der Kimmig-Foht-Verbindung informiert."
Und auch die persönliche Verantwortung des langjährigen Intendanten thematisiert der Welt-Chefredakteur: "Neu in der Geschichte ist auch der Fakt, über welche Machenschaften Ihres Mitarbeiters Sie selbst schon im September 2009 informiert worden sind. Sie hätten schon damals wissen können, dass Herr Foht seine Position missbraucht und im Namen des MDR Dritte zu Zahlungen veranlasst hatte, dass er Rückzahlungen schuldig geblieben war, dass er für eine angebliche Geschäftsschuld fürstliche Zinsen zahlen wollte. Erst Ende Juli 2011 führten ähnliche Verfehlungen dann zur sofortigen Suspendierung Fohts – obwohl Ihnen persönlich seine Praktiken, inklusive der entlarvenden SMS-Kurznachrichten, schon rund zwei Jahre zuvor zur Kenntnis gebracht worden waren."
Dass, wie Peters weiter schreibt, Reiter ein umfassender Fragekatalog der Welt zu diesen Vorgängen über Tage vorlag, ohne dass der Intendant darauf reagierte, stellt den öffentlichen Vorstoß Reiters in der Sache als das dar, was er wohl ist: ein klassisches Eigentor.

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