Die verlogene PR-Kunst von Wiesenhof

Die ARD-Reportage “Das System Wiesenhof” vom vergangenen Mittwoch hat für Furore gesorgt - nicht zuletzt bei Wiesenhof selbst. In einer professionell organisierten Gegen-PR-Aktion wehrt sich der Hühner-Konzern gegen die Vorwürfe aus dem ARD-Film - mit Pressemitteilungen, eigenen YouTube-Filmen, Twitter-Meldungen und mit weiteren Web-Tools. Die Gegen-Kampagne lässt den Konzern aber nicht unbedingt in besserem Licht erscheinen. Die Macht der Bilder aus der Reportage ist zu stark.

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Die Bilder aus dem ARD-Film “Das System Wiesenhof  – wie ein Geflügelkonzern Tiere, Menschen und die Umwelt ausbreitet” sind eindringlich und dürften manchem TV-Zuschauer den Appetit auf Billig-Hähnchen aus der Supermarkt-Kühltheke erst einmal vermiesen. Die SWR-Autoren Monika Anthes und Edgar Verheyen zeigten die im Prinzip bekannten Zustände, wie sie in Fabrikbetrieben der Massentierhaltung eben herrschen – mit enger Haltung, vielen toten Tieren, fragwürdigen hygienischen Zuständen, schlecht bezahlten Mitarbeitern aus Osteuropa, Grausamkeiten, viel zu schnell laufenden Schlachtbändern usw. Besonders bedrückend waren Bilder von Mitarbeitern, die Puten mit Fußtritten in ein Fahrzeug trieben, damit diese zum Schlachthaus transportiert werden konnten. Die ARD bekam die erschütternden Aufnahmen von der Tierschutzorganisation PETA zur Verfügung gestellt.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Hühner-Fabriken von Wiesenhof in den Medien am Pranger stehen. Die ARD berichtete schon einmal über die Zustände dort und auch der Stern veröffentlichte einen sehr kritischen Bericht. Diesmal versuchte und versucht man sich bei Wiesenhof mit allen Mitteln der PR-Kunst zu wehren. Die Gegen-Strategie begann schon vor der Ausstrahlung des jüngsten ARD-Films mit einer (erfolglosen) Programmbeschwerde. Das Haupt-Argument von Wiesenhof ist, dass der Titel der Reportage tendenziös sei und einer Vorverurteilung gleichkomme.

Die Macher des Films hielten dagegen, dass es sich um einen Arbeitstitel handle und der Film sich noch im Recherchestadium befinde. So wäre ja denkbar, wenn Wiesenhof seine Betriebsstätten für ein Kamerateam vorbehaltlos geöffnet hätte und ohne Verhinderungstaktiken Rede und Antwort gestanden hätte, dass sich das in Vor-Recherchen gefasste Bild geändert hätte. Wäre. Hätte. War aber nicht so.

Stattdessen gab es einen seltsam bekannten Mix aus Verhinderungs-Spielchen und Ablenkungsmanövern. Die Strategie der von Wiesenhof beschäftigten PR-Agentur Frank Schroedter, Engel & Zimmermann (deren Agenturchef als Sprecher von Wiesenhof auftritt) fußt auf drei Säulen: 1. Wiesenhof wird als Opfer von sensationsgierigen Medien dargestellt. 2. Es wird betont, dass Wiesenhof gesetzliche Vorgaben erfüllt und bei Verstößen konsequent handelt. 3. Via Social Media wird der Kontakt zum Endverbraucher gesucht.

Dazu bedient sich die Wiesenhof-PR moderner Mittel: Im Web wurde ein eigener Newsroom eingerichtet, der alle Pro-Wiesenhof-Meldungen zusammenfasst und mit Hilfe einer Online-Mindmap eine Art “Faktencheck” darstellt, bei dem – natürlich – alle Fakten, die gegen Wiesenhof sprechen, entkräftet werden. Bei YouTube hat die PR-Agentur einen eigenen Kanal für Wiesenhof eingerichtet, bei dem kurze PR-Filme eingestellt werden, in denen wahlweise Regional- und Lokal-Politiker von Wiesenhof-Standorten sich über die “Medienkampagne” beklagen und Wiesenhof-Bauern treuherzig versichern, dass alles schon seine Ordnung habe. Die Kommentarfunktionen bei den einzelnen Filmen hat man dann aber vorsichtshalber lieber doch abgeschaltet. Den Kanal selbst kann man allerdings (zumindest derzeit) noch kommentieren.

Das Ganze wird garniert von in warmem Licht gehaltenen Bildern von Hühner-Mastbetrieben mit “glücklichen” Hühnern – vorzugsweise Jungtieren, die von der Turbomast noch keine schrecklich deformierten Körper vorweisen. Zur Ausstrahlung des ARD-Films wurde auch bei Twitter ein Wiesenhof-Account eröffnet, der auf Pressemitteilungen und freundliche Artikel in der Lebensmittel-Fachpresse hinweist. Im Prinzip hat Wiesenhof mit seiner PR-Agentur eine lehrbuchmäßige Gegen-Kampagne entworfen und durchexerziert. Warum nur hat man trotzdem den übermächtigen Eindruck, dass es sich hier um verlogene PR-Ausreden handelt?

Die heile Welt, die Wiesenhof in den eigenen Filmen vorführt, ist schlicht zu schön, um glaubhaft zu sein. Die ungeschnittenen Interview-Passagen mit Wiesenhof-Oberchef Paul-Heinz Wesjohann, die wahrscheinlich dokumentieren sollen, dass die SWR-Reporter seine Aussagen manipulativ geschnitten haben, wirken überhaupt nicht manipulativ – im Gegenteil. Wesjohann kommt in den Wiesenhof-eigenen Film-Sequenzen genauso zaghaft, unsicher und unglaubwürdig rüber, wie in dem fertigen ARD-Film.

Und gegen die Macht der Bilder ist schlicht kein PR-Kraut gewachsen. Das scheint auch dem Konzern klar zu sein. Angesichts der Bilder, wie Wiesenhof-Leute Tiere brutal misshandeln, wurden die gezeigten Vorfälle vom Konzern als Einzelfälle verurteilt und Konsequenzen angekündigt. Glaubwürdig wirkt das alles trotzdem nicht.

Es ist begrüßenswert, dass die ARD das Thema Nahrungsmittel und Tierhaltung kritisch begleitet – zuletzt auch mit einer hervorragenden Reportage über die furchtbaren Zuchtbedingungen des in Deutschland so beliebten Pangasius-Fischs aus Vietnam. Für genau solche Stücke sind Rundfunkgebühren da.

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