Kai Diekmann: „Bild muss süchtig machen“

Für viele seiner Kritiker gilt er als fleischgewordene Provokation: Bild-Chef Kai Diekmann, einflussreichster Meinungsmacher der deutschen Medienlandschaft. Am Samstag erscheint der Boulevardriese als "XXL-Bild" im Überformat. Anlass für MEEDIA, auch beim Interview mit dem Blattmacher Grenzen zu sprengen. Christopher Lesko traf den 47-Jährigen in Berlin, um über Stationen seines Lebens, über Werte, seine Freundschaft zu Helmut Kohl und die Rolle als Chef der Bild zu sprechen: das Diekmann-Gespräch XXL.

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Herr Diekmann, können Sie mir in einigen Sätzen beschreiben, wer genau hier vor mir sitzt?
Kai Diekmann, 47 Jahre alt, Bild-Redakteur, taz-Genosse, Ehemann und Vater von vier Kindern. Ich bin leidenschaftlicher Pilz-Sammler, leidenschaftlicher Schwimmer, MG-Fahrer, Ex-Cello-Spieler, Katholik und: Oberleutnant der Reserve. Ehrlicherweise reflektiere ich aber nicht den ganzen Tag, wer und was ich bin. Ich habe so viele Anforderungen an mich zu erfüllen, dass ich mir darüber keine Gedanken mache. In jedem Fall sitzt ein fröhlicher und zufriedener Mensch vor Ihnen.

Sie gelten ja aus Sicht vieler als eine der schillerndsten Persönlichkeiten im Medien-Business. Wenn Antworten verboten wären, wie “Da müssen Sie andere fragen“ – warum eigentlich?

Die einen sagen so, die anderen sagen so.

Aha.
Ich glaube, dieser Eindruck von der angeblich schillernden Persönlichkeit hat wesentlich mit der Marke Bild zu tun: einer schillernden Marke, die für Spannung und Unterhaltung steht. Bild provoziert und polarisiert.  Und ich glaube, alles, was mit der Marke Bild verbunden wird, wird auch mit dem verbunden, der dieser Marke über Jahre ein Gesicht gibt. Ich bin auch der Meinung, wenn man erfolgreich Verantwortung für die Marke tragen will, darf man selbst keine graue Maus sein. Ich bin ein leidenschaftlicher Mensch und habe Lust und Freude an dem, was ich tue.

Bemüht man das Internet, findet man widersprüchliche Angaben über Stationen Ihres Lebensweges: Sie sind in Bielefeld geboren?
In Ravensburg, das ist 600 km weiter südlich. Ich mache mir nicht die Mühe, irgendeinen Unsinn zu korrigieren, der über mich zu finden ist. Wikipedia beispielsweise ist voller Fehler – auch sachlich-faktischer.

Sie sind also 1964 in Ravensburg geboren und in Bielefeld aufgewachsen. Wer und was haben Sie geprägt auf Ihrem Weg ins Leben?
Natürlich mein Elternhaus in Bielefeld. Ganz sicher meine Schule, die Marienschule der Ursulinen. Eine Schule ursprünglich für Mädchen, die von meiner Mutter und meiner Großmutter besucht wurde und irgendwann in den Siebzigern den Schulbetrieb für Knaben aufnahm. Als sogenannte freie Schule fühlte sich die Marienschule bestimmten Werten verpflichtet. Beides hat mich naturgemäß am nachhaltigsten geprägt.

Der Begriff des Elternhauses beschreibt ja ein „Gebäude“ als System von Orientierung. Der lebendige Kern von Systemen besteht aus Menschen und Beziehung. Haben Sie denn von Ihren Eltern irgendetwas lernen können, was Ihnen für Ihr Leben geholfen hat?

Ja, zunächst einmal wie Familie funktioniert. Ich bin in einer funktionierenden Familie groß geworden, die bis heute intakt ist. Wir haben viel miteinander unternommen. Das war uns immer wichtig. Meine Eltern hatten sehr klare Vorstellungen von Erziehung und deren Regeln. Das gleiche galt übrigens auch für den Regelbetrieb der Ursulinen. Als wir Schüler über 18 waren, wurde beispielsweise eine Klassenfahrt abgebrochen, weil man eine Bierflasche fand. Eine Diskussion über ein Raucherzimmer wäre undenkbar gewesen.
Natürlich habe ich das damals mitunter als Einschränkung und als große Käseglocke empfunden. Sie sorgte aber dafür, dass ich schwierige Erfahrungen anderer Altersgenossen eben nicht machte. Im Nachhinein bin ich zutiefst dankbar dafür und schätze dies behütete Aufwachsen sehr.
Ich schätze auch den Leistungsanspruch, der mir in der Schule vermittelt wurde: Dort wurde selbst ein Geschichts-Leistungskurs von sechs Stunden pro Woche mit sieben Leuten durchgezogen – weil es eben wichtig war.

Was hat Ihr Vater beruflich getan?
Er ist Rechtsanwalt, Strafverteidiger und Notar gewesen. Mein Vater hatte übrigens lange die Vorstellung, dass ich seinen Beruf ergreifen würde. Diesen Gefallen habe nicht ich ihm getan, sondern meine ältere Schwester.

Diese Werte, die Sie – mit allen Peaks – letztlich doch genossen haben: Repräsentieren Sie diese auch als Vater Ihren Kindern gegenüber?

Das weiß ich nicht. Wenn Sie in einem verbindlichen Werte-Kontext aufwachsen, sind grundsätzliche Orientierungen eingepflanzt, und die legt man nicht mehr ab: Bestimmte Vorstellungen von Freiheit, Leistungsbereitschaft, die Bereitschaft zur Solidarität und Verantwortung. Man lernt dies, atmet es ein und lebt es. Wissen Sie, ich bin 13 Jahre um 06.15 h morgens aufgestanden, weil das Gymnasium der Ursulinen dummerweise das am weitesten entfernte Gymnasium war. Diese überproportionalen Wege hätten sich mit der Wahl eines anderen Gymnasiums vermeiden lassen. Ich habe das immer als selbstverständlich empfunden, weil die Schule eine der besten in Bielefeld war und ist. Natürlich bin ich auch nicht immer nur voller Begeisterung zum Cello-Unterricht gegangen, aber ich bin im Nachhinein dankbar dafür, nicht in der Haltung antiautoritärer Kindergärten aufgewachsen zu sein, wo die Kinder fragen, “Müssen wir schon wieder spielen, was wir wollen….?“, wie das mein Vorstandsvorsitzender gerne beschreibt. Auch, wenn ich mich als Kind und Jugendlicher über viele Dinge geärgert habe, war es gut, dass klare Grenzen gesetzt wurden. Sicher habe ich bestimmte Aspekte bei der Erziehung meiner Kinder übernommen. Den Umgang mit Fernsehen zum Beispiel: Bei uns war TV-Konsum keine selbstverständliche Angelegenheit, sondern eher die Ausnahme. Über Jahre durfte ich maximal einmal die Woche “Daktari“ schauen. Dafür hat Lektüre bei uns eine große Rolle gespielt: lesen, lesen, lesen. Meine Eltern haben das immer unterstützt und gefördert. Auch das gebe ich heute weiter. Wir achten sehr auf den TV-Konsum unserer Kinder, Fernsehen ist die große Ausnahme. Und wir unterstützen alles, was mit dem Lesen zusammenhängt. Wenn sie sich Bücher bestellen wollen, gibt es keine Grenzen.

Irgendwie ist später Ihr politisches Bewusstsein gewachsen. Die Uni war nicht der Ort, an welchem dies entstand, oder?

Politisiert wurde ich Anfang der Achtziger, in einem Wahlkampf, in dem der Kanzlerkandidat Franz Josef Strauß hieß. Und in der anschließenden Debatte um den NATO-Doppelbeschluss. Damals gründete ich mit Freunden eine konservative Schülerzeitung, habe mich nach dem Abitur für zwei Jahre bei der Bundeswehr verpflichtet und gleichzeitig immatrikuliert – für Geschichte, Germanistik und Politik. Ich bin noch heute im Besitz des grünen Studentenausweises der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Darin ist ein Stempel, der mir bescheinigt, nie negativ aufgefallen zu sein. Ich konnte gar nicht negativ auffallen, weil ich dort nie aufgefallen bin: Außer zweimal zum Rückmelden und zu einer Semesterparty war ich nie dort. Ich habe mich mit anderen Dingen beschäftigt, nicht studiert. Als dann das Angebot des Axel Springer Verlages kam dort zu volontieren, habe ich das sofort angenommen. Das war für mich der Einstieg in den Journalismus.

Wie mein Ex-Gesprächspartner Matthias Matussek gelten ja auch Sie als Katholik und “Fan des Papstes“. Wie ernst ist Ihnen dieser Bezug?
Zum katholischen Glauben oder zum Papst?

Wenn Sie diese Differenzierung machen wollen – zu beidem.

Mir ist mein katholischer Glaube sehr ernst und wirklich wichtig. Aber ich betrachte meinen Glauben als meine Privatangelegenheit und trage ihn nicht – um im Bild zu bleiben – wie eine Monstranz vor mir her. Der Papst und ganz besonders sein Vorgänger Johannes Paul II. sind Figuren von welthistorischer Bedeutung. Johannes Paul war jemand, der – allein durch die Unterstützung von Solidarnocz – entscheidend zum Fall der Mauer beigetragen hat, ohne dass dies bis heute angemessen gewürdigt würde.
Und nach 500 Jahren wieder einen deutschen Papst zu haben, ist für uns Deutsche keine Selbstverständlichkeit, betrachtet man die jüngere deutsche Geschichte. Ich hätte 2005 nie damit gerechnet, und ich finde, er füllt sein Amt großartig aus: Überzeugend und ganz anders, als viele es von ihm erwartet haben. Er ist ein großer Papst.

Wann genau haben Sie das letzte Mal gebetet?
Da bitte ich um Verständnis, aber das ist für mich privat.

Akzeptiert. Immerhin: Ich habe nicht gefragt wofür sondern wann.

Auch das ist für mich privat.

Sie sind Rekordhalter als Chefredakteur der Bild…
Wollen Sie mir jetzt Ihr Beileid bekunden?

Ich glaube nicht. Meine Einschätzung ist, dass man Ihnen alles Mögliche bekunden könnte, Beileid würde mir da als Erstes nicht zwingend einfallen. Keiner Ihrer Vorgänger war so lange in seiner Funktion: Irgendwas müssen Sie also  im Vergleich zu Ihren Vorgängern außerordentlich richtig gemacht haben. Was?

Vielleicht habe ich mir einfach das richtige Team ausgesucht. Mein Team ist schon lange bei mir: Nehmen Sie Jörg Quoos, den kenne ich seit 1991. Seitdem begleitet er mich ganz eng, fast immer in der Rolle als Stellvertreter. Alfred Draxler kenne ich seit 1992, als wir uns das erste Mal bei Bild begegnet sind – seitdem arbeiten wir zusammen. Manfred Hart kenne ich seit 1989, als wir zusammen bei der Bunten gearbeitet haben. Das sind nur drei Beispiele von vielen aus einem wirklich großartigen und sehr stabilenTeam. Wenn wir Abgänge zu verzeichnen hatten, dann in der Regel nur weil Kollegen abgeworben wurden, um woanders Chefredakteur zu werden: Uwe Vetterick, der mein Stellvertreter war und heute als Chefredakteur die Sächsischen Zeitung leitet, Sven Gösmann, der mich wie Manfred Hart über Jahre – schon bei der Welt am Sonntag – begleitet hat, ist jetzt Chefredakteur der Rheinischen Post. Ich habe das Glück, ein wirklich solides und loyales Team an meiner Seite zu haben. Ich bin nicht nervös und habe schweißnasse Hände während wir beide hier sitzen und miteinander sprechen, weil ich genau weiß, dass Alfred Draxler zeitgleich den Bild-Dampfer stabil und sicher nach vorne fährt.
Wir haben auch die große Chance des Umzuges von Hamburg nach Berlin genutzt. Der Umzug hat uns gezwungen, uns selbst neu zu erfinden. Jeder ist mit seiner gesamten Familie aus der gewohnten Umgebung und dem Komfort gewohnter Routinen herausgerissen worden und musste sich hier ganz neu einrichten. Das hat bei uns allen neue Sensibilitäten und Perspektiven entwickelt. Bei aller Kritik, die diese Entscheidung damals hervorgerufen hat, für Bild war dieser Umzug wie ein Jungbrunnen. Die Lebensqualität in Hamburg ist großartig, aber Lebensqualität ist eben kein Kriterium für guten Journalismus. Ihnen muss ich das nicht sagen: Wir sind hier in eine lebendige Stadt gekommen. Berlin ist Aufbruch und als Metropole Europas wahnsinnig erfrischend. Das verleiht einen ganz besonderen Drive.

Außerdem fokussieren wir in diesen Zeiten von Veränderung auch Themen, denen meine Vorgänger nicht so ausgesetzt waren: die Digitalisierung! Auf welche anderen Oberflächen bringen wir Bild? Da war zu Beginn der Spiegel schneller und somit Marktführer in der Online-Welt. 2009 konnten wir Spiegel Online überholen und sind seither das größte und erfolgreichste Nachrichtenportal Deutschlands – und natürlich Marktführer. Wir haben Strukturen geschaffen, um diesen Vorsprung zu halten und weiterauszubauen. Gleichzeitig ist es uns gelungen, Antworten für neue Plattformen und mobile Geräte zu entwerfen, uns immer wieder neu zu erfinden und fortwährend in Bewegung zu bleiben. Wir dürfen nie mit dem Status Quo zufrieden sein, sondern immer weiter: machen, machen, machen. Das ist permanente Herausforderung und Lust. Wenn man das mag, kann man diesen Job relativ lange machen.

Die Betonung liegt auf “lange“ oder “relativ“?

Na ja, zehn Jahre sind ja keine ganz kurze Zeit. Und der Begriff von Zeit beschreibt nicht nur Dauer, sondern auch Qualität – Spannung, Leidenschaft, Lebendigkeit. Daran haben wir keinen Mangel: Bild ist ja immer ein Drahtseilakt, Grenzgängerei und auch Umgang mit Risiko: einen Sachverhalt auf eine Schlagzeile zuzuspitzen, Emotionen auszulösen und zu polarisieren. Unsere Bindung an die Marke und unsere langjährige Routine helfen uns dabei, all dies stabil, entspannt und konzentriert zu steuern. Das gibt uns den Freiraum, uns ununterbrochen Neues einfallen zu lassen.

Haben Sie ein Beispiel?
Klar: Im letzten Jahr eine Bild-Ausgabe komplett in 3D. Oder unsere Mauer-Aktionen. In diesem Jahr werden wir zum Jahrestag der Terroranschläge am 11. September mit einem Teil der Redaktion nach New York fliegen und vor Ort eine Ausgabe produzieren. Am 27. August machen wir mit der "XXL-Bild“ die größte Bild-Zeitung aller Zeiten – eine Ausgabe, die doppelt so groß ist wie die jetzige.

Was eigentlich zeichnet aus Ihrer Sicht einen guten Chef aus?

Er muss die klare Nummer eins sein und in der Lage sein, ein Team zu führen. Das bedeutet einerseits Vorbild zu sein, Motivation und Begeisterung vorzuleben, Freiraum zu geben, um Kreativität zu ermöglichen und auf der anderen Seite – mit der erforderlichen Zeit dafür – auch die Rückkoppelung zuzulassen. Mit einer klaren Überzeugung und Haltung die Richtung vorzugeben und dennoch zuhören zu können. Wissen Sie, eine Zeitung, die zu 99% vom Einzelverkauf lebt, muss süchtig machen und aus einem Guss sein. Das braucht eine klare Führung.

Roger Boyes hat Sie 2007 in einem Portrait in die Nähe von Größenwahn, Eitelkeit und Zynismus gerückt. Wenn Sie jetzt 3 Minuten für eine bestätigende Vertiefung  oder Korrektur dieser Zuschreibungen nutzten, wie hieße Ihr Kommentar?
(Diekmann blickt auf die tiefschwarzen Ledersessel und das schwarze Sofa in seinem Büro): Roger Boyes verortete die Redaktion damals auch am Gänsemarkt und hat mein strahlend-weißes Leder-Mobiliar beschrieben. Das waren die gleichen Möbel wie heute.

2.50 Minuten sind noch übrig. Wenn wir “Größenwahn“ mal als platte Beleidigung abbuchten, blieben immerhin noch “Eitelkeit“ und “Zynismus“ als Eindruck.
Das war völlig faktenfrei, aber ich will ihm seinen Eindruck nicht nehmen. Sie haben ja selbst gesagt, ich würde als schillernd beschrieben. Schauen Sie, unsere Schlagzeilen polarisieren und sind nicht zimperlich. Sie sind mitunter auch deshalb Schlagzeilen, weil sie von den Betroffenen als Schlag empfunden werden. Wenn ich im Umgang mit Kritik zimperlich wäre, wäre das peinlich. Wer das Ziel hat, beliebt zu sein, darf nicht Chefredakteur der Bild werden. Wir befinden uns nicht in einem Schönheitswettbewerb, wir machen die größte Tageszeitung Europas. Kratzer oder Beulen gehören dazu.

Sie haben in einem Interview irgendwann einmal gesagt, Sie hätten den besten Job bei Springer. Sie sind also Bild und damit Chef eines der mächtigsten Medien-Instrumente Deutschlands. In welchen Aspekten genau hat Sie der Umgang mit Macht als Person eigentlich verändert?
Sie fragen nach “Macht“, und ich antworte mit “Verantwortung“: Schlagzeilen von Bild können Dinge auslösen. Der identische Wortlaut einer Bild-Schlagzeile in einer FAZ oder im Handelsblatt hätte nie die gleiche Wirkung wie auf Seite Eins der Bild. Ich spreche von manchmal unabsehbaren Konsequenzen. Sie kennen das berühmte Beispiel der Frage in der Wirtschaftskrise 2008 “Wird das Bargeld knapp?“. Hätten wir das gemacht, was journalistisch völlig in Ordnung gewesen wäre, würden wir beide heute hier nicht so entspannt plaudern.

Kai Diekmann im Gespräch mit Christopher Lesko
Ich mache noch einmal einen Versuch…
Gerne, seien Sie ruhig auch unhöflich.

Danke für das Angebot, dazu fehlt mir die Lust. Ich leide selbst ein wenig darunter. Wenn ich davon ausgehe, dass gerade in Korrespondenz mit dem von Ihnen beschriebenen Impact der Bild viele prominente Personen abhängig sind von Ihnen, der Zeitung und Ihre Nähe suchen. Potenziert über Jahre: Verändert das Kai Diekmann als Person nicht?

Wenn Sie den persönlichen Kontakt meinen, glaube ich eher, dass dies manchmal – professionell – behindert. Natürlich entstehen über die Zeit auch Freundschaften, und Freunde werden mitunter Gegenstand der Berichterstattung von Bild. Manchmal weiß ich aus freundschaftlichen Kontexten bestimmte Dinge besser als meine Redakteure, die gerade an einem Thema arbeiten. Das ist in der Tat ein Spannungsfeld: Die persönliche Loyalität, die ich Menschen gegenüber empfinde einerseits und auf der anderen Seite das Wissen darum, dass Bild an einem Thema arbeitet, das demjenigen weh tun wird. Natürlich ist man da freier, wenn beide Beziehungssysteme voneinander getrennt sind. Es ist so, wie Sie es beschrieben haben: Man kann nicht zehn Jahre Chefredakteur der Bild sein, ohne selbst Bestandteil einer gewissen Klientel zu werden. Das führt dazu, dass man Schlagzeilen eben nicht vom Mond aus macht, sondern sie auch verantworten muss. Es kann gut sein, dass ich zu einer Geburtstagsfeier komme und sehe: Schau mal, da stehen drei Schlagzeilen von Dir.

Nun ist ja selbst für Marktführer des Boulevard Stagnation auf hohem Niveau nur begrenzt zukunftsfähig. Gibt es Aspekte künftiger Weiterentwicklung der Bild, die Sie für unabdingbar halten?
Natürlich. Der Erfolg in der digitalen Welt. Wir sind weder Papier- noch Holzhändler. Wir erstellen Inhalte, und von möglicher Stagnation sind wir weit entfernt. Ich sehe ein geradezu unbegrenztes Potenzial: Wir haben im Online-Bereich aktuell mehr als 12 Mio. Unique User, sind absoluter Marktführer bei mobilen Applikationen und auf dem iPad. Uns ist es gelungen, das Geschäftsmodell in die digitale Welt zu übertragen. Ich bin fest von einer Doppelstrategie überzeugt: Wir müssen in beiden Welten Marktführer bleiben. Auch auf der Oberfläche Papier werden wir noch über Jahrzehnte erfolgreich bleiben und dem Unternehmen sehr viel Freude bereiten. Bild verfügt über ein Alleinstellungsmerkmal, das keine andere Zeitung besitzt: Die ungeheure Zahl an Lesern, die das “Gemeinschaftserlebnis Bild“ nutzen. Wo gibt es dies heute noch? Im Fernsehen bei 40 – 50 Sendern ist das Gemeinschaftserlebnis nur noch bei einer Fußball-WM garantiert.

Was digitale Oberflächen angeht, werden wir noch schneller sein müssen. Die Entwicklung ist rasant. Die fast zweijährige Marktführerschaft im Online-Bereich macht sich in unseren Werbeerlösen bemerkbar. Denn auch hier gilt die alte Regel: The winner takes ist all. Oder nehmen Sie die mobilen Endgeräte: Das iPad ist aktuell auf dem Entwicklungsstand früher Mobiltelefone, als sie noch riesige Koffer mit großer Antenne und Hörer waren, die man sich umhängen musste. Die mobilen Geräte werden in den nächsten Generationen immer schneller, besser und billiger – sie werden zur Massenware, wie heute das Handy. Kurzum: Das digitale Geschäft entwickelt sich rasant und hat eine unglaubliche Zukunft. Insgesamt beschreibt Boulevard als Gattung unterhaltsamen Journalismus, und das Bedürfnis danach ist gewachsen. TV, Print und selbst seriöse Nachrichten-Formate sind viel boulevardesker als noch vor Jahren. Das können wir – auf allen Kanälen. Wir umarmen jede neue Technik fest mit beiden Armen und fragen uns: Welche Chancen gibt es? Was können wir daraus machen?

Im Medien Business verschwimmen ja häufig Grenzen zwischen Beruf und Rolle einerseits und Privatleben auf der anderen Seite. Wie gut oder wie lausig ist denn Ihre Balance zwischen Privatleben und Beruf in Waage?

Allein schon dadurch, dass ich mit meiner Familie in Potsdam lebe und eine solide räumliche Distanz zu überwinden habe, bekomme ich die Balance wunderbar hin. Mein Umfeld dort ist weit entfernt von meiner beruflichen Tätigkeit. Und: Ich habe eine sehr starke Frau, die mich erdet. Immer, wenn ich gefragt werde: “Reden Sie mit Ihrer Frau auf Augenhöhe?“ antworte ich: “Ja, nachdem ich auf einen Hocker gestiegen bin.“ Sie ist mir in der praktischen Lebensführung bei Weitem überlegen und sorgt dafür, dass wir ein ganz normales und sehr fröhliches Leben führen.

Sie haben eine besondere Beziehung zu Helmut Kohl: Schon als Verantwortlicher der Bielefelder Schülerzeitung haben Sie den damaligen Oppositionsführer Helmut Kohl um ein Interview gebeten und es bekommen. Sie waren gegenseitige Trauzeugen und haben mit ihm das Buch “Ich wollte Deutschlands Einheit“geschrieben. Erzählen Sie ein wenig über Entstehung und Entwicklung dieser Beziehung, über Begegnung und Faszination.
Ich war politscher Journalist, und das war es auch, was mich immer interessiert hat, der politische Journalismus. Als ich begann, mich Anfang der Achtziger Jahre für Politik zu interessieren, war Helmut Kohl die spannendste Persönlichkeit. Niemand war interessanter als er: Kohl hatte als Kind noch den Krieg als elementarste Erfahrung erlebt – mit allen furchtbaren Erlebnissen. Deshalb gestaltete er Politik mit einer ganz anderen Motivation als etwa die heutige Generation, der naturgemäß diese Erfahrung fehlt: Politik zu machen – auch um Krieg zu verhindern, hier in Deutschland. Als ich 1981 als Schülerzeitungsredakteur das Interview mit dem damaligen Oppositionsführer Kohl gemacht habe, war klar, dass er der nächste Kanzler werden würde, nachdem Strauß von Schmidt geschlagen worden war. 1985 schließlich führte ich mein erstes Interview mit dem Bundeskanzler Kohl – damals war ich Volontär. Das Thema war der Vergleich von Gorbatschow mit Goebbels. Kohl war eine herausragende Figur. Als Politikchef von Bild bin ich ihm ab 1992 häufiger begegnet und habe ihn auf vielen Reisen begleitet. Für die Berichterstattung über diese Reisen haben wir ein besonderes Format entwickelt – eine Art Tagebuch. Dieses Format setzte damals Nähe voraus, die über das Übliche hinausging – das war meine Bedingung an die Zusammenarbeit. Wenn er also beispielsweise in Südafrika ohne Pressetross touristisch in einen Nationalpark flog, bestand ich darauf, dabei zu sein. Ob ich ein Bett hatte, war mir egal. Ich hätte auch einen Stuhl genommen. Mir war für meine Berichterstattung die unmittelbare durchgängige Nähe wichtig. So kam es auch. Diese Nähe führte dann zu einer gewissen Vertrautheit. Was unsere Freundschaft angeht: Freundschaft zwischen einem Bundeskanzler und einem Politikchef kann es nicht geben. So entstand die Freundschaft zwischen Helmut Kohl und mir erst, als er nicht mehr Bundeskanzler war. Nach seiner Abwahl 1998 wurde diese Freundschaft sehr schnell sehr eng. Das hat sich nach dem Tod seiner Frau 2001 noch einmal vertieft.

Wie ist denn aktuell Ihr Kontakt?
Wir sehen uns bis heute regelmäßig. Nach wie vor übrigens ist Helmut Kohl eine faszinierende Persönlichkeit. Ich bin gerne mit ihm zusammen und freue mich immer, wenn ich ihn sehe.

Was genau ist das, was Sie fasziniert?
Er ist eine historische Persönlichkeit, war ein überragender Politiker, und es ist unglaublich, was er für dieses Land geleistet hat. Er hat als Kanzler der Einheit das extrem schmale Zeitfenster gesehen und erkannt. Ich habe gerade heute – 20 Jahre nach dem Putsch gegen Gorbatschow – noch daran gedacht, wie kurz dieses Zeitfenster für die deutsche Einheit geöffnet war. Kohl hat das genutzt – gegen alle Widerstände und mit dem unglaublichen Vertrauen, welches nicht nur die westlichen Partner in ihn als Person hatten – in erster Linie George Bush. Das zweite Thema ist die Einheit Europas: einen Prozess in Gang zu setzen, der bis in die Währung einen europäischen Einigungs- und Friedensprozess irreversibel macht. Auch das ist ihm gelungen. Zwei überragende Leistungen innerhalb einer sechszehnjährigen Amtszeit.

Mit Blick auf die jüngsten britischen Vorgänge, das Abhören privater Handy–Mailboxen oder der Entlassung von Bunte-Politikchef Tobias Lobe: Wo genau liegen denn Ihrer persönlichen Auffassung nach Grenzen von investigativem Journalismus?
Dabei geht es nicht um meine persönlichen Auffassungen, sondern um die Frage, was erlaubt ist. Hier muss man die Unterschiede im Presserecht Großbritanniens und Deutschlands berücksichtigen. In Großbritannien ist das Abhören von Handy-Mailboxen per se nicht verboten. Angelsachsen und Amerikaner haben weltweit das annähernd freieste Presserecht und dürfen eine ganze Menge. Brechen Journalisten dort Gesetze, machen sie sich dann nicht strafbar, wenn dies dem öffentlichen Interesse dient. Die Frage, wer letztlich öffentliches Interesse definiert, wird meistens von Gerichten beantwortet. Insofern sind der Informationsbeschaffung dort – im Gegensatz zu uns – viel weitere Grenzen gesetzt als hier. In Deutschland gibt es klare Regeln von Gesetz und Pressekodex. Journalisten dürfen keine Gesetze mit der Begründung öffentlichen Interesses brechen, aber wir dürfen Informationen nutzen, auch wenn sie aus Straftaten gewonnen werden. Da müssen wir nicht wegschauen. Grundsätzlich ist es immer eine Frage der Abwägung des Schutzes der Privatsphäre einerseits und dem öffentlichen Interesse andererseits. Ich nenne Ihnen ein Beispiel – Horst Seehofer: Ein Mann, der sich im tief katholischen Bayern, um die Zustimmung zu seiner Person zu steigern und Bayerischer Ministerpräsident und CSU-Vorsitzender werden zu können, mit seiner Familie unter einem Kruzifix fotografieren lässt. Ein Politiker, der im Bayern-Kurier den Satz schreibt: “Wer mit dem Ehering am Finger ein Doppelleben führt, den verachte ich!“, der muss sich gefallen lassen, dass seine privaten Lebensverhältnisse daraufhin auch überprüft werden, wenn zeitgleich seine Freundin hier ein Baby von ihm erwartet. Dieser Spagat zeigt die Grenze. Hier bleibt Privates nicht privat, sondern kann durchaus auch politisch werden. Das gilt auch für Frau Käßmann. Öffentlich Maßstäbe an andere anzulegen, die selbst nicht erfüllt werden, ist für Träger öffentlicher Rollen kein privater Vorgang.

Die Debatte über die Grenzen der Pressefreiheit wird derzeit aber ja nicht nur in Großbritannien überschritten, und ich habe auch nicht gesagt, dass die englischen Verhältnisse in Ordnung sind. Auch in Frankreich wird diskutiert: Warum über manche Missstände gerade nicht berichtet wurde? Was in England möglich ist, wäre dort völlig undenkbar: Berichte über Dritt- und Viert-Familien oder Fünft-Frauen von Präsidenten und Politikern. Ich finde, auch Schweigen ist verlogen.

Dominique Strauss-Kahn?
Natürlich, mit dem Kern der Diskussion: “Warum haben wir denn dort weggeschaut? Wir haben es doch alle gewusst.“ Wo in England die Pressefreiheit zu viel gestattet und Frankreich zu spartanisch ist, liegen wir in Deutschland genau in der Mitte. (Anmerkung der Redaktion, 30. August, 16.15 Uhr: Der hier im Ursprungstext folgende Passus wurde aufgrund einer anwaltlichen Intervention gelöscht. Kai Diekmann erklärt hierzu Folgendes:
"Berichtigung: Liebe MEEDIA.de-Leser, an dieser Stelle sprach ich über unsere rechtlichen Auseinandersetzungen mit Rainer Speer. Ich sagte unter anderem, das er mit "all seinen juristischen Ansprüchen gegen Bild gescheitert sei", weil das öffentliche Interesse überwogen habe. Das war so nicht richtig. Die Gerichte haben zwar bestätigt, dass an den Vorgängen um Rainer Speer ein hohes öffentliches Berichtsinteresse besteht. Letztlich waren aber Land- und Kammergericht der Auffassung, dass in der Güterabwägung das Geheimschutzinteresse Rainer Speers dieses Berichterstattungsinteresse überwiege und deshalb die Veröffentlichungen unzulässig waren. Diese Entscheidung wird höchstrichterlich überprüft werden. Die Entschädigungsansprüche des ehemaligen brandenburgischen Innenministers hielt das Landgericht allerdings für unbegründet. Auch diese Entscheidung wird überprüft."

Nun gehören zu einer lebendigen und vollen Biographie auch anständige Krisen, Zweifel und Niederlagen. Kennen Sie Momente in Ihrem Leben, in denen Glanz, Bedeutung und Leichtigkeit verlorengingen?
Natürlich. Ein Leben findet nie nur auf der Sonnenseite statt. Niederlagen und Herausforderungen erden und bedeuten auch einen gewissen Grad an Freiheit. Wenn man einmal aus dem Job geflogen ist – und das war eine meiner Herausforderungen -, weiß man, dass die Dinge schnelllebig sind und morgen vorbei sein können. Und man weiß, es geht auch ohne. Das befreit.

Sie gelten für viele als Netzwerker, der die Klaviatur zweckgebundener Bindungen virtuos beherrscht. Wie vielen Ihrer Kontakte würden Sie den Titel eines wahren Freundes zuschreiben?

Ich schätze – so viele wie Sie.  Wie viele Freunde kann ein normaler Mensch haben?

Ich kenne so wenige…
Ach, seit 30 Jahren ist mein bester Freund immer noch mein bester Freund. Er lebt immer noch in Bielefeld. Wenn wir uns nicht sehen, telefonieren wir alle drei Tage miteinander. Daran hat sich nie etwas geändert. Dazu sind Freunde an den Orten gekommen, an denen ich längere Zeit gelebt habe: in Hamburg und neue Freunde in Potsdam, wo ich lebe. Was Ihre Frage nach der Anzahl abgeht: Ich würde sagen, so um die 10 bis 12. Mehr wirkliche Freundschaften kann man ja gar nicht pflegen.

Nehmen Sie das BildBlog wahr, und wenn ja: mit welcher inneren Bewegung?
Selbstverständlich haben wir da hineingeschaut. BildBlog war am Anfang eine spannende Angelegenheit und für uns ein ganz gutes Instrument zur Überprüfung mancher Inhalte. Wir wurden auf Themen aufmerksam gemacht, die manchmal offenbar schief gelaufen waren. Kein Kollege war per se spitz darauf, dort zu erscheinen. Das hat sich dann aber abgenutzt, vieles wurde erwartbar und irgendwann auch Klein-Klein: Da fehlt ein Punkt, hier war ein Komma nicht gesetzt. Ich weiß gar nicht mehr, wann ich das letzte Mal dort hineingeschaut habe. Eine Zeitung wie Bild muss sich Kritik gefallen lassen.
Sehen Sie fern, und wenn ja: Was sehen Sie gerne?
Ja. Ich bin ein echter Viel-Gucker. Ich zappe mich gerne durchs Programm und schaue mir mit großer Begeisterung auch Unsinn an. Sensibilität dafür zu gewinnen, was andere schauen, was erfolgreich ist und was nicht. Es kann schon erstaunen, was man allen Ernstes für Stumpfsinn senden kann.

Nun ist für einen Bild-Chefredakteur Unsinn ja möglicherweise etwas anderes, als für den Parteivorsitzenden der Linken. Welchen Unsinn schauen Sie denn?

Scripted Reality zum Beispiel. Da gibt es Sachen, die begeistern mich, Daniela Katzenberger etwa fand ich großartig. Und andere finde ich grauenhaft. Da denke ich mitunter, das erträgst Du nicht mehr, Du musst abschalten. Das gilt auch für viele Comedy-Formate. Mancher Comedy-Freitag ist unerträglich. Koch-Shows kann ich nicht mehr sehen, aber an manchen Bau- und Heimwerker-Formaten kann ich mich nicht satt sehen. Dass bei “Mein neues Leben XXL“ immer wieder Menschen aus Deutschland auf die andere Erdhalbkugel ziehen, um dort überrascht festzustellen, dass man dort nicht zwingend deutsch spricht und dann ganz enttäuscht sind, dass das mit dem neuen Leben nicht so klappt. Das ist schon unterhaltsam. Und dann: Ich sehe gerne gute Filme, schaue viele DVDs und lasse mir von Kollegen Filme mitgeben. Und aus professioneller Sicht betrachte ich TV-Ereignisse, von denen ich weiß, dass sie kommen werden um zu prüfen, ob der Stoff für uns etwas hergibt. “Weißensee“ zum Beispiel im letzten Jahr. Ich habe mir an einem Abend alle sechs Folgen angeschaut und fand es hinreißend.

Wie eigentlich kommt es, dass Kai Diekmann im Vergleich zu vielen anderen Medienfiguren nicht als Talk-Show-Fernsehnase die Sitzmöbel von Will, Lanz und Co durchsitzt, um sich mit Gysi, Wagenknecht oder Jörges zu prügeln? Sie müssen doch diesbezüglich viele Anfragen erhalten.
Weil ich dazu keine Lust habe. Sie haben ja vorhin selbst nach der Balance gefragt. Wissen Sie, ich habe häufig vier Abendtermine in der Woche, da brauche ich das nicht zusätzlich. Wofür? Für diese ritualisierten Auseinandersetzungen, in denen wieder und wieder dieselben Protagonisten ihre erwarteten Rollen spielen? Man weiß doch vorher, wer was sagen wird, und wie es ausgeht. Ich habe eine grundsätzliche Entscheidung getroffen: Wenn ich das einmal mache, kann ich weitere Absagen schwer begründen. Ich bin gerne auf Diskussionsveranstaltungen oder halte sehr viele Vorträge. Daran habe ich Spaß. Die Talk-Shows halte ich für eine Verschwendung von Lebenszeit.

Was müsste ich tun, um mir so schnell wie möglich Ihren größtmöglichen Ärger zuzuziehen?
Ich bin ja ein harmoniesüchtiger Mensch. Ich ärgere mich sehr schnell, genauso schnell geht das auch wieder vorbei. Ich muss mich krampfhaft daran erinnern, warum ich sauer war.

Also: Wenn ich mir Mühe gebe, was muss ich tun?
Wenn Sie zum Beispiel dieses Ding da nehmen (modernes mobiles Diktiergerät, Anm. Autor), geben es einem Ihrer Kollegen, delegieren und sagen: “Mach mal!“. Der Kollege vergisst die Autorisierung, und Sie kommen hinterher und sagen: “Ich hab dem doch gesagt, er soll es ordentlich machen. Man kann  sich auf niemanden mehr verlassen. Ich verstehe das gar nicht!“. Also: Ich mag Leute nicht, die ihre Dinge nicht selbst in die Hand nehmen und den Ball ins Tor tragen. Übrigens der große Unterschied zwischen Frauen und Männern: Frauen tragen Dinge ins Tor. Männer suchen oftnoch jemanden, an den sie delegieren können.

Ihr Frauen-Männer-Vergleich mobilisiert meine Neigung zum Widerspruch: Gäbe ich Ihnen da Recht, lägen wir beide falsch.

Nein, das ist wirklich meine Erfahrung.

Es gibt ja im Zusammenhang mit Ihnen häufiger mal die Idee, Sie landeten irgendwann in der Politik.
Toll. Und was soll ich da machen?

Genauso profillos-uniform und ohne Trennschärfe herumlungern, wie viele andere Politiker.

So eine pauschale Politiker-Schelte liegt mir nicht. Vielleicht sind einfach die Probleme komplexer geworden und in der Trennschärfe nicht mehr so zu erkennen? Selbstverständlich gibt es auch heute Politiker mit Profil: Eine Angela Merkel, die als Naturwissenschaftlerin in ihrer praxisorientierten Politik ein klares Profil hat. Auch ein Peer Steinbrück. Ich stehe bestimmt nicht im Verdacht, der größte Fan von Gerhard Schröder gewesen zu sein: Aber als er die Agenda 2010 gegen den Widerstand aus den eigenen Reihen im Interesse des Landes durchgesetzt hat, zeigte er eindeutig Profil. Wenn wir sehen, wie gut und schnell Deutschland als eines der wenigsten Länder aus der Krise gekommen ist, beweist das doch Profil. Vielleicht haben wir manchmal auch Erwartungen an unser politisches Personal, die es nicht erfüllen kann. Wer will denn noch Politiker werden?

Schön, dass sie auf meine Frage zurückkommen. Wäre das etwas für Sie – die Politik?
Nein. Ganz im Ernst. Ich glaube, dafür wäre ich nicht gemacht. Aber für Veränderungen bin ich schon – beispielsweise in der Frage, wie wir unseren Auswärtigen Dienst bestücken. Das müssten wir mal durchlässiger organisieren. Um mal ein unverdächtiges Beispiel zu nehmen – Stefan Aust: Wenn der sagen würde: “Jetzt habe ich so viel hier gehabt, nun gebe ich mal etwas zurück und gehe vier Jahre nach Guatemala.“ Wenn Aust in seinen vier Jahren nur seine 20 besten Freunde einlädt, tut er mehr für die bilateralen Beziehungen zweier Länder, die Probleme miteinander hatten, als irgendein Berufsdiplomat, der schweißnasse Hände bekommt, wenn sich ein Staatsminister zum Besuch ansagt. Ich bin grundsätzlich sehr für einen durchlässigen personellen Austausch zwischen Medien, Politik und Wirtschaft. Da können wir von den USA lernen.

Können Sie mir in einigen Sätzen beschreiben, was für Sie Liebe ist?

Meine Frau schreibt ganze Bücher darüber und fasst es in die Formel: “Der Tag, an dem ich beschloss, meinen Mann zu dressieren.“ Das muss Liebe sein.

Hmmh. Man kann ja vieles lieben: Horst Seehofer liebt seine Eisenbahn. Man kann die Ehefrau lieben, die Rolle als Vater, Kunst und Musik, sein Land, seine Aufgabe, die Bild…

Da Sie es ja so weit gefasst haben: Zu welchem Thema auch immer: Liebe heißt für mich in allen Aspekten, die Dinge mit Leidenschaft zu tun.

Haben Sie jemals Angst gespürt in Ihrem Leben?
Ja. Ich habe in der Akademie für Publizistik, in der ich als Volontär war, 1986 als Abschlussarbeit eine Video-Arbeit gemacht: Thema war “Drunter und drüber“.  “Drunter“ war ein Beitrag aus dem Salambo in Hamburg. “Drüber“ kümmerte sich um das Tandem-Springen mit Fallschirm. Den Teil hatte ich übernommen. Der Moment, als ich in dieser Luke gestanden habe und der Motor gedrosselt wurde – da hatte ich Angst.

Ich gehe davon aus, dass Sie gesprungen sind…
Aber natürlich.

Was eigentlich ist Ihre herausragendste, negative Eigenschaft?
Ganz klar: meine Ungeduld.

Ungeduld gilt für Führungskräfte als akzeptiertes Beiwerk von Gestaltungswillen. Hätten Sie noch eine weitere Schwäche im Angebot?
Ich glaube, Sie müssten das Gespräch mit meiner Frau führen. Die Antwort: Dickköpfigkeit in westfälischem Sinne. Und die Kombination beider Eigenschaften bedeutet auch: Ich höre mitunter schlecht zu.

Sie sind jetzt  47 Jahre und haben vieles erreicht, dass andere sich wünschen würden. Ginge es nach Ihnen, wie alt möchten Sie noch werden?

Das sind Fragen… Hundertfünzig.

Das klingt bescheiden. Für die nächsten103 Jahre: Haben Sie Träume,die noch nicht erfüllt sind?
Ach, da gibt es viel. Ich bin seit zwanzig Jahren in Chefredaktionen. Ich spreche jetzt nicht von den nächsten zwanzig Jahren, aber irgendwann einmal in einen Rhythmus zu kommen, der gemächlicher ist.  Für Lektüre ganz viel Zeit zu haben: Eines der Dinge, die ich am meisten vermisse, ist Zeit für das Lesen von Büchern. Als ich damals bei Springer rausgeflogen bin und ein halbes Jahr in Südamerika war, habe ich ein halbes Kilo Reklam-Hefte mitgenommen und nur gelesen, gelesen, gelesen. Das war großartig. Irgendwann dafür wieder Zeit zu haben, darauf freue ich mich wahnsinnig. Und dann: Ich bin wirklich viel in Deutschland unterwegs: Ich habe gerade ein Buch über eine Mosel-Reise gelesen und mich geschämt, wie wenig ich kenne. Auch darauf freue ich mich: Irgendwann so viele tolle Gegenden Deutschlands näher kennen zu lernen.

Meine Schlussfrage: Ich habe noch keinen Titel für dieses Gespräch. Könnten Sie als Schlagzeilenprofi mit ein bis zwei Vorschlägen aushelfen?

„Bild muss süchtig machen“
„Das ist permanente Herausforderung und Lust“
„Liebe heißt, Dinge mit Leidenschaft zu tun“

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Mehr über den Autor: leadership-academy.de

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