‚X Factor‘: Nica und Joes magischer Moment

Kai Sturm hat nicht zu viel versprochen. Im MEEDIA-Interview von Montag kündigte er an, in der neuen Staffel von "X Factor" einen "fetten Kompressor" eingeschaltet zu haben. Aufgeblasen war diese Bemerkung nicht: Der Start sah eine liebenswerte Jury, gute Stimmen unterschiedlichster Genres, eine erstklassige Produktion und bezaubernd-magische Momente. In einer Casting-TV-Welt grüner Bohlen-Frösche und langweiliger ESC-Jurys hat "X Factor" als Format mit Bedacht seinen eigenen Stil gefunden.

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Einen vernünftigen Start für die längere Produkt-Strecke einer Casting-Show zu gestalten, klingt einfacher als es ist. “DSDS“ und Bohlen etwa genügt die Tatsache allein, dass “es wieder los“ geht. Sie wird garniert mit dem einen oder anderen perspektivisch aussichtsreichen Kandidaten als szenisches Beiwerk von Bohlen-Sprüchen und der beginnenden Vernichtung von Losern. Das reicht für Aufmerksamkeit, danach kann die Maschine laufen.

“X Factor“ hat es da schwerer: Man muss zum Start gute Stimmen und Kandidaten ebenso wählen wie jene, deren berufliche Zukunft als Sänger schon beendet ist, bevor sie jemals beginnen durfte. Man darf mit Blick auf weitere Casting-Folgen nicht zu viele Juwelen “verbrennen“, damit Niveau und Spannungsbogen in den kommenden Sendungen gehalten werden können. Die neue Jury muss gezeichnet werden und darüber hinaus schon in der ersten Folge Ansätze jenes Profils als Team gewinnen, welches den einzelnen Mitgliedern unverwechselbar nebeneinander Raum gibt. Immerhin werden die Jury-Mitglieder später als Mentoren der einzelnen Wettbewerbsgruppen (“Künstler bis 24 Jahre“, “Sänger über 24 Jahre“ und “Duette und Gruppen“) Konkurrenten. Nicht zuletzt muss ein eigener Stil des Formates weiterentwickelt werden und sich erkennbar lebendig von anderen Casting-Formaten abgrenzen, damit die Marke ausgebaut und Zuschauer gebunden werden. Das ist bis in kleinere Details komplex, sehr eng miteinander verzahnt und kann nur bewältigt werden, wenn alle Beteiligten in ihren Rollen etwas herstellen, dass einerseits selbstverständlich und auf der anderen Seite im TV leider so selten geworden ist: Die Bereitschaft und Fähigkeit, mit wirklichem Interesse, mit Aufmerksamkeit und Bedacht -und mit der Liebe zum Job- ein gutes Produkt bauen zu wollen. Gelingt dies, spürt man es auf der anderen Seite der Mattscheibe.

Der Start der 2. Staffel von “X Factor“ hat all dies in einem sehr ausgewogenen Maß gezeigt, ohne die Extreme von Bohlen-Sprüchen und ohne kurzatmige “Popstars“- “Wir suchen die erfolgreichste Gírl-Band der Welt-Parolen“ zu bemühen. Die Produktion von Grundy LE war noch ein Stück hochwertiger als in der ersten Staffel: LED-Wände, Life-Show-Atmosphäre beim Casting und das durchgängige Bemühen darum, dass Zuschauer -über die Auftritte der Kandidaten hinaus- eingebunden sind: So führt beispielsweise Neu-Jury-Mitglied und Humorvogel Das Bo Zuschauer und Kamera in die Garderobe von Sarah Connor: “Guck mal hier, die Schuhe von der Connor“. Die Kamera schwenkt auf eine Batterie von Schuhen auf der Fensterbank: “Die sind mehr wert, als mein ganzes Styling-Budget. Hier steht der Preis noch dran.“ Die Kamera fährt in den Schuh von Sarah Connor. Das Bo: “Hundertzweiundzwanzigfuffzich £…. na ja,…. was man so trägt….in Delmenhorst.“

Szenen wie diese wirken auf den ersten Blick wie Beiwerk. Sie zeigen aber, wie wichtig es Produktion und Sender ist, in ganz natürlicher und humorvoller Weise Zuschauern einen Blick unter die glatte Nutzer-Oberfläche von Jury-Rollen und Personen werfen zu lassen. Bindung und Identifikation wachsen stets im Kontext von Nähe und Beziehung zu Personen. Und sie wachsen in kleinen Details. Szenen wie diese sind kein Zufall, sondern klug und sensibel überlegt. Das ist sympathisch. Kein anderes Casting-Format tut dies in dieser natürlichen Art.

Natürlich ist auch Jochen Schropp als Moderator: Sympathisch, nie aufgesetzt oder getrieben wie etwa ein Marco Schreyl innerhalb seiner öden, verkappten Autoritätskonflikte mit Übervater Bohlen. Schropp ist ein Glücksgriff für Vox, weil er etwas repräsentiert, was vielen im Fernsehen lange schon verlorenging: Normal zu sein, freundlich, Spaß zu haben und den Mut zur einen oder anderen kleinen Unsicherheit.

Magic Moments

Olga (21) ist bei “X Factor“, um Wladimir – ihre große Liebe – wieder zu finden. Nur deshalb. Für ihn singt Olga einen der anspruchsvollsten Songs der letzten Jahrzehnte: Whitney Houstons “I will always love you“. Schon die ersten Töne versemmelt Olga katastrophal. Und sie hält das Niveau. Erbarmungslos. Als Whitney Houston noch Herrin über sich selbst, ihre Seele und Stimme war, katapultierte die 3,3-Oktaven-Frau, der man stets 5 Oktaven zumaß, den Song atemlos brillant über alle fünf Linien des Notensystems. Und, weil es mathematisch betrachtet genauso schwer ist, alle Töne 100%ig zu treffen, wie an allen Tönen mit derselben Präzision haarscharf zu 100 % vorbei zu singen, ist auch Olgas Leistung zumindest konsequent. Olga kann nicht singen. Gar nicht. Die Jury hält sich die Ohren zu und verzieht die Gesichter. Das Publikum ist kurz davor, Olga in “Supertalent-Manier“ mit Bekundungen des Missfallens den Rücken zuzuwenden. Leise Buh-Rufe bleiben auch deshalb in Hälsen stecken, weil man Mühe hat, diese musikalische Katastrophe auch nur in Ansätzen zu begreifen. Doch dann passiert etwas, dass in dieser Art und Weise bei allen anderen Casting-Shows völlig undenkbar wäre: “Das wünsche ich Euch allen: Liebe – egal wie das klingt“, sagt Olga zwischen den Strophen, und man glaubt ihr einfach. Und plötzlich sind Zuschauer und Jury Teil eines kleinen Momentes paradoxer Berührbarkeit. Jeder will das: Liebe. Und nicht viele hätten Olgas Mut. Das Publikum klatscht. Jeder im Saal und nicht wenige vor den Schirmen zuhause werden Olga wünschen, dass sie ihren Wladimir findet. Denn Olga, die Frau im roten Kleid mit den falschen Tönen hat in einer viel wichtigeren Frage auf ihre eigene Art genau den richtigen Ton gefunden.

Als Nica aus Bergisch Gladbach und Joseph aus New York die Bühne betreten, beginnt ein wahrhaft magischer Moment. Beide singen erst seit zwei Wochen miteinander und treten in der Kategorie “Gruppen und Duette“ an. Joseph ist ein wenig verliebt in Nica, und Nica spricht von Freundschaft. Auweia, denkt man: armer Joe. Als beide dann beginnen, den Titel “The Prayer“ von Celine Dion und Andrea Bocelli zu singen, glaubt man seinen Ohren kaum. Dion und Bocelli sind wirklich zwei ganz große Stimmen der Musikgeschichte. Ihrer perfekten – aber eben auch ganz leise “glattgespülten“- Interpretation des Titels stellen Nica und Joe einen derartig lebendigen und reichen Gefühlsmoment gegenüber, dass man als Zuschauer dankbar ist, dabei gewesen sein zu dürfen. Technische Perfektion allein ist eben nicht alles: Zwei außerordentlich gute Stimmen zeichneten bei “X Factor“ miteinander in ein paar Minuten nicht nur jenen Raum, der zwischen Freundschaft und Liebe liegen mag sondern auch, was Musik insgesamt sein kann: Zauber, Wahrheit und die Fraglosigkeit jener Momente, in denen nur noch Antwort ist. Es war wie ein Abend am Meer: Gefangen von Kraft und Rhythmus der Wellen verschwand mit Nica und Joe für Minuten alles, was sonst Bedeutung hatte. Kein Wettbewerb mehr, kein “Komme ich weiter?“. Alles unwichtig. Keine Fragen mehr – nur Musik und Gefühl. Wer als Zuschauer damit beginnen darf, mit Seele und Herz zu hören statt mit den Ohren, der hat durch eine Tür den Raum eines wirklich magischen Augenblickes betreten. Paul Potts hat 2007 in anderer Weise bei “Britain´s Got Talent“ einen ähnlichen Moment kreiert, und er hätte Nica und Joseph sicher gerne zugeschaut.

Zwei Zentner gute Laune im Neon-Shirt warf Beatboxer und Hip-Hopper-Michael aus Wien derart lebendig auf die Bretter, dass es Jury-Mitglied Das Bo vom Jury-Pult mit einem zweiten Mikro auf die Bühne und ihn selbst in die nächste Runde zog. Beide jammten eine Zugabe vor rhythmisch klatschendem und gut gelauntem Publikum. Volksfest-Stimmung auf der Bühne.

“X Factor“ hat einen beeindruckenden Start hingelegt, und natürlich kann man gespannt sein auf die Quote der kommenden Wochen. Ist Qualität ein zentrales Kriterium für Zuschauer, kann sie nicht schlecht sein. “DSDS“, “ Supertalent“ oder “Popstars“ zeigen: Man kann Casting-Formate durchaus ganz anders machen, als es Vox und Grundy LE mit “X Factor“ getan haben.

Besser machen allerdings kann man sie kaum.

Mehr über den Autor: leadership-acdemy.de

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