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„Wir haben Spaß dabei, seriös zu sein“

Am Dienstag startet die zweite Staffel des erfolgreichen Vox-Wettsingens “X Factor“. Die Casting-Show gewann mit dem “Blauen Panther“ den Bayerischen Fernsehpreis 2011. Im Gespräch mit Christopher Lesko erzählt Vox-Chefredakteur Kai Sturm, warum Kult-Rapper “Das Bo“ die Nachfolge von George Glueck in der Jury antritt, Moderator Jochen Schropp den "Kuschelfaktor" besitzt und welche Veränderungen es in der neuen Staffel gibt: “Wir haben einen fetten Kompressor eingeschaltet!“

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Herr Sturm, als wir vor einem Jahr miteinander sprachen, standen Sie mit Vox vor dem Beginn des Abenteuers "X Factor". Im Rückblick: Wie zufrieden sind Sie mit dem Erfolg der ersten Staffel?
Ich bin sehr zufrieden! "X Factor" hat für Vox als Sender und für mich persönlich sehr viel Positives bewirkt: Einfach gesagt haben wir den Marktanteil dieses Sendeplatzes sehr gesteigert und aus einem Schnitt von 7,8 Prozent 11,8 Prozent gemacht. Vor allem aber haben wir es geschafft, ein neues Genre im Sender zu etablieren. Es ist uns mit der Hilfe von RTL zum Start tatsächlich gelungen, ein Format mit großen Emotionen und großen Namen erfolgreich auszurollen.
"X Factor" hat den Bayerischen Fernsehpreis 2011 gewonnen. Das ist nicht Standard für das Genre der Casting-Shows…
Ja, Wahnsinn, oder? Und keiner unserer Juroren kam aus Bayern…
Wie haben Sie denn die Nachricht aufgenommen?
Ich habe mich wahnsinnig darüber gefreut und überhaupt nicht damit gerechnet, dass wir als Neuling im ersten Jahr diesen Preis bekommen könnten. Der Preis kam ja im Frühjahr, also einer Zeit, in der wir bereits auf die zweite Staffel eingestellt waren. Die Nominierung für den Deutschen Fernsehpreis allein war für uns ein Riesenansporn. Es ist wunderbar, wenn alles, wofür wir als Team sehr hart gearbeitet haben, von Zuschauern oder externen Jurys Anerkennung erfährt.
Im letzten Jahr war – in der Fläche – das vokale Niveau der Kandidaten schon gut. Wie schätzen Sie das diesjährige Niveau der Kandidaten ein?
Ich kann das nur subjektiv beantworten, ich habe alle Castings gesehen und finde das Niveau deutlich höher als in der ersten Staffel: Das Feld ist noch breiter, wir haben deutlich mehr Bewerber als in der ersten Staffel und viele sind gekommen, weil sie die erste Staffel gesehen haben und ihnen das Format gefiel. Ich glaube auch, dass unsere Juroren in diesem Jahr noch offener und toleranter waren und ein breiteres musikalisches Spektrum zugelassen haben.
Marschmusik?
Nein, aber durchaus als Beispiel das Thema Schlager. Wir haben einige sehr interessante Künstler aus diesem Bereich. Till Brönner zum Bespiel hätte im letzten Jahr noch viel mehr Widerstand gegen Schlagerinterpreten gehabt. In diesem Jahr – auch in Bezug auf die Verkaufszahlen von Schlagern – hat er auch mal "JA" gesagt zu einem Schlagersänger, der den ganzen Saal zum Tanzen brachte. So hat insgesamt Reflexion zu einer größeren Offenheit geführt.
Alle Casting-Shows werben in ihren Trailern mit umfangreichen Bewerberzahlen: 20.000, 30.000, usw. Wie belastbar, wie glaubwürdig sind diese Daten eigentlich?
Natürlich bin ich auf die Zahlen von Grundy angewiesen, aber das sind keine Fantasiezahlen. Wenn Sie sich die einzelnen Castings anschauen, dann ist natürlich klar, dass eine ganze Reihe von Bewerbern nach wirklich sehr kurzen Darstellungen schnell wieder nach Hause geschickt werden. Sonst könnte man das Volumen gar nicht bewältigen. Ich persönlich bin immer wieder überrascht, wie viele Menschen dort hinkommen. Gerade bei den "Offenen Castings" haben wir deutlich größere Zahlen als es andere Casting-Shows verzeichnen. Da ist richtige Volksfest-Stimmung.
Das muss doch ein riesiger, logistischer Aufwand sein. Wie viele Mitarbeiter sind denn über den Daumen in Summe im Einsatz?
Was den Aufwand angeht, haben Sie Recht. Das ist natürlich ein Riesenapparat: Gehen Sie mal für das Produkt selbst von etwa 130 Mitarbeitern aus – die Kollegen, die Trailer schneiden, die in der Vertriebsorganisation oder der internen Programmplanung arbeiten usw. gar nicht mitgerechnet.
In der Jury hat es einen Wechsel gegeben. "Das Bo" folgt George Glueck als Jury-Mitglied. Warum?
Zunächst einmal: Ich war mit der Jury des letzten Jahres zufrieden. Sie war immer kompetent, hat sich von anderen Jurys unterschieden und in ihrer Art und Weise maßgeblich dazu beigetragen, dass "X Factor" im deutschen Markt angekommen ist. Mit der Orientierung an Zielgruppen übrigens hatte weder diese Entscheidung, noch unsere Wahl der Juroren generell etwas zu tun. Wir haben im Januar eine Untersuchung gemacht, um präzise zu prüfen, wie "X Factor" beim Publikum ankam. In diesem Kontext haben wir auch die Jury untersucht. Und ein Ergebnis zeigte, dass die enge Verbindung von George Glueck zu Sarah Connor dem Wettbewerbsprinzip – die Juroren treten ja gegeneinander als Mentoren ihrer Künstler an – entgegenstand. Die Zuschauer haben bezweifelt, dass bei derart engen Verbindungen ein ernster Wettbewerb möglich ist. George Glueck hat Sarah Connor ja entdeckt und auch produziert. Dass ein Grundprinzip des Formates durch eine enge Verbindung ein wenig ad absurdum geführt wurde, war natürlich ungünstig. Ich habe also mit George gesprochen und ihm gesagt, dass wir einen Wechsel planen, was ihm entgegenkam, da er ohnehin auch noch andere Pläne hatte für dieses Jahr. Außerdem habe ich generell nach der ersten Staffel gesagt, wir müssen noch unterhaltsamer werden. In der ersten Staffel waren wir seriös, aber wir wollten noch mehr Spaß entwickeln und transportieren. Das übrigens ist die Kernbotschaft für die zweite Staffel: Wir haben keinen Deut an Seriosität verloren, aber wir haben viel mehr Spaß dabei, seriös zu sein.
Wie sind Sie denn in Kontakt zu "Bo" gekommen?
Ich muss offen sagen, ich hatte von ihm vorher noch nichts gehört. Ich bin nie Hip-Hop-Fan gewesen. Als meine Kollegin kam und sagte, hier sei ein Typ, der sei klasse, den müssten wir unbedingt casten, habe ich geantwortet: "Kenne ich nicht." Dann haben wir ihn getroffen und begegneten einem Menschen mit sensationeller Stimme, toller TV-Präsenz und einer ganz eigenen Art. Wir fanden, er sei eine tolle Abrundung der Jury und haben dann vorsichtig bei Sarah und Till angeklopft, ob sie sich vorstellen könnten, mit ihm zu arbeiten. Alle haben sich dann getroffen und wir haben gemeinsam entschieden, "Bo" sei eine tolle Ergänzung und Weiterentwicklung. Die Entwicklung bei den Castings vor Ort war dann noch viel besser, als ich es persönlich erwartet hatte. Ich bin extrem zufrieden: "Bo" ist immer überraschend und unterhaltsam. Man weiß nie, was er gerade ausheckt. Er betont manchmal Aspekte sehr eindeutig: Damit meine ich seine Offenheit für Kandidatinnen mit weiblichen Reizen, die das auch ein wenig ausspielen. In diesem Punkt veräppeln ihn die anderen Juroren auch gerne einmal. "Bo" ist im positiven Sinn der "Clown" in der Jury: Wenn Sie je Clowns gesehen haben, wissen Sie: Das sind Menschen, die die Welt mit ein wenig anderen Augen sehen. Menschen, die sich Dinge trauen, die andere nie machen würden und mit einer sympathischen großen Unschuld die Welt betrachten. Das ist ein großer Gewinn und tut nicht nur der Sendung gut, sondern auch den anderen beiden Juroren. Die werden immer mal wieder aus der Reserve gelockt.
Was ist darüber hinaus anders in diesem Jahr?
Die zweite Staffel versucht, die erste Staffel in jeder Hinsicht zu toppen. Wir haben einen fetten Kompressor angeschaltet und alles aufgeblasen – auch qualitativ. Wir hatten das größte Casting, das es jemals in Deutschland gegeben hat, vor ungefähr 700 Zuschauern in Pop-Konzert-Atmosphäre. Das Publikum ist beinahe wie der vierte Juror. Unsere Juroren haben sich oft umgedreht, Meinungen eingeholt, weil sie spürten, da bewegt sich viel. Um zu erleben, wie schnell und wodurch Künstler es schaffen, dass der Funke überspringt – oder eben auch nicht: Das spüren Sie nur, wenn das Publikum dabei ist. Die tatsächliche Erfahrung ist immer besser als eine Prognose über eine mögliche künftige Erfahrung.
Wir haben auch technisch aufgerüstet mit großen LED-Flächen und einigen anderen Veränderungen: Was Sie aktuell in den Castings sehen, bewegt sich auf dem Niveau der Live-Shows des letzten Jahres. Deshalb können Sie sicher sein, dass auch die Live-Shows in diesem Jahr mit einem ganz neuen Set stattfinden: ein wesentlich größeres Studio, viel mehr Publikum und umfangreichere Medientechnik.
MEEDIA hat ja im letzten Jahr den erstklassigen Start von Jochen Schropp als Moderator kommentiert. Was zeichnet ihn aus Ihrer Sicht aus?
Jochen hat das unglaublich größte Sympathie-Gen, das ich mir vorstellen kann. Das haben seine Eltern sehr gut hinbekommen und er selbst natürlich auch. Jochen hat für mich so einen Kuschel-Faktor: Wenn man ihn sieht, möchte man ihn eigentlich gleich in den Arm nehmen. Ein Moderator, den man gerne zu Hause an seiner Tür empfängt und sagt: "Sei mein Gast zu Hause im Wohnzimmer, setz Dich neben mich auf das Sofa!", ist das Beste, was einem passieren kann. Jochen hat Esprit, brennt für das Fernsehen und das Format. Sie wissen ja, dass wir auch andere Themen mit ihm produzieren: Wir haben mit ihm in Hamburg die neue Geschlechterkampf-Koch-Show "Wer is(s)t besser?" aufgezeichnet. Das hat er hervorragend gelöst. Also: Jochen ist eine der positiven Erfahrungen der ersten Staffel und es freut mich sehr, dass wir im gesamten Team damals auch das Risiko eines als Moderator unbekannten Kollegen eingegangen sind.
Betrachtet man Vox insgesamt: Welche Rolle spielen Formate wie "X Factor" bei Präzisierung und Erweiterung des Sender-Profils?
Für mich ist "X Factor" als überaus starkes Fundament einer neuen Programmsäule zu sehen, die für ein Genre steht: Show. Wir haben ja eine Personalie bekannt gegeben: Thomas Wißmann wird sich als Show-Executive-Producer um neue Vox-Shows kümmern. Das ist Ausdruck unserer Strategie, den Bereich auszubauen, und wir werden in den nächsten Wochen auch noch Neuigkeiten zu diesem Thema verkünden.
Sehr unterschiedliche Ansätze betrachten die Frage der Dauer der Lebensfähigkeit von Formaten, und manchmal greifen fraktionierte Perspektiven daneben: Nehmen Sie als ein positives Beispiel Günther Jauch und "Wer wird Millionär?". Wenn Sie das Genre musikalischer Casting-Shows generell betrachten und eine Einschätzung wagen, wie lange diese Form von Formaten noch Interesse generieren kann, wie lautet sie?
(Lachend) Hätten Sie "Wer wird Millionär?" nicht als Beispiel genommen, hätte ich es getan. Zunächst: Casting-Shows weltweit haben einen hervorragenden Ruf. In den USA beispielsweise treten Jennifer Lopez, Christina Aguilera und viele andere Top-Stars in Casting-Shows auf und sehen sie als bewusstes Markt-Instrument, um neue Künstler zu etablieren. Deutschland ist da eigenartig verbrämt: Viele argumentieren, als würden Casting-Shows den Untergang des Abendlandes einläuten oder die Glaubwürdigkeit von Künstlern beschädigen. Das ist aus unserer Sicht nicht so. Natürlich spielen Aspekte von Dynamik oder Zeitgeist eine Rolle bei der Entwicklung einer Show. Aber, wenn Sie die richtigen Bestandteile der Zutaten für eine Rezeptur von Formaten haben und sorgfältig daran weiterarbeiten, können gute Formate über viele Jahre erfolgreich sein. Das jedoch bedeutet auch, das Format nicht übermäßig auszurollen. Nicht zu viel davon zu machen. Verlässlich zu sein. Wir jedenfalls haben aktuell bereits Ideen für eine dritte Staffel und natürlich hoffe ich, dass sie auch kommen wird. Das Wichtigste ist, dass man weitere Möglichkeiten der Entwicklung erkennt und nutzt. Da "X Factor" als Format von Simon Cowell in vielen Ländern produziert wird, entstehen ständig neue Ideen und Weiterentwicklungen. Gerade im Dialog mit ihm als Erfinder des Formates entdecken wir immer wieder neue Ansätze.
Kai Sturm privat: Welche Musik bevorzugen Sie?
Johann Sebastian Bach.
Können Sie eigentlich singen?
Ich habe zwar zwei Semester Gesangsstudium hinter mir. Allerdings würde ich diese Frage ehrlichen Herzens mit "Nein" beantworten wollen.
Herzlichen Dank für das Gespräch!

"X Factor" läuft ab 30. August dienstags und sonntags um 20.15 Uhr bei Vox
Mehr über den Autor: leadership-academy.de

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