ARD-Krimi-Triathlon: ‚Dreileben‘, 4,5 Stunden

Gewagtes Experiment: Die ARD platziert am heutigen Montagabend entgegen aller Sehgewohnheiten einen Krimi-Dreiteiler mit Star-Qualitäten. "Dreileben", so der übergeordnete Name des Projektes, umfasst drei Filme von drei unterschiedlichen Regisseuren, die jeweils eine eigene Geschichte erzählen, die aber wiederum in einem Ort namens "Dreileben" spielt. Es geht um einen flüchtigen Sexualstraftäter, alte Frauen-Freundschaften, Liebe und Hass. Dabei wird dem Zuschauer viel Geduld abverlangt.

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"Dreileben" erinnert etwas an die britische Trilogie "Yorkshire Killer", die die ARD Anfang des Jahres gezeigt hat, mit dem Unterschied, dass der Krimi auf einer wahren Begebenheit basierte. Die deutschen Filme sind reine Fiktion und wurden eigens für Das Erste produziert. "Dreileben" sei ohne Zweifel auf der Höhe der Zeit und der Kunst, kündigte Volker Herres, Programmdirektor Das Erste, an.
4,5 Stunden lang ist das "Epos", an dem neben Dominik Graf ("Im Angesicht des Verbrechens), Christoph Hochhäusler ("Falscher Bekenner") und Christian Petzold ("Yella") mitwirkten. Es sind ruhige Geschichten, oft verrätselt und kompliziert, mit einer ungewöhnlichen Bildsprache und zähen, fast nicht enden wollenden Handlungen. Die Spannung in der als Krimi titulierten Trilogie baut sich nur leise auf, was die Filme streckenweise langweilig macht. Ein "Tatort" aus Österreich oder der Schweiz könnte nicht schlechter sein.  
Den Start macht um 20.15 Uhr "Etwas besseres als den Tod" von Christian Petzold. Darin geht es um den Zivildienstleistenden Johannes (Jacob Matschnez), der durch eine Unachtsamkeit den verurteilten Sexualstraftäter Frank Molesch (Stefan Kurt), der seiner toten Mutter in der Klinik die letzte Ehre erweist, unfreiwillig zur Flucht verhilft. In der Folge geht es aber nur am Rande um die Suche nach Molesch, der sich im unübersichtlichen Thüringer Wald aufhalten soll. Im Mittelpunkt steht Johannes Zukunftsplanung: Er will Medizin studieren und wird vom Chefarzt gefördert, der der Vater seiner Ex -Freundin ist, die noch immer an ihm hängt. Dass das seiner neuen Freundin, der temperamentvollen Ana (Vijessa Ferkic), nicht ohne weiteres schmeckt, ist klar. Auf einer Party kommt es zum Eklat.
Ähnlich beziehungsdurchtrieben ist der zweite "Dreileben"-Teil. In "Komm mir nicht nach" (21.45 Uhr), einem Werk von Dominik Graf, soll Polizeipsychologin Jo (Jeanette Hain) Molesch auf die Spur kommen. Doch bei ihren Ermittlungen zeigen sich immer mehr Ungereimtheiten auch bei der örtlichen Polizei. Auf Molesch setzt sie einen Köder ein. Ihr Plan funktioniert und fördert Erstaunliches zu Tage. Doch auch darum geht es nur am Rande: Aus Mangel an Unterkunftsmöglichkeiten kommt Jo bei ihrer alten Freundin Vera (Susanne Wolff) unter, gemeinsam schwelgt man in Erinnerungen an die gemeinsame Zeit. Dabei wird deutlich, dass beide denselben Mann geliebt haben.          
Spätestens jetzt fragt man sich, warum der Zuschauer nach den zähen Handlungen noch den dritten Teil (Regie Christoph Hochhäusler) sehen sollte. Doch es lohnt sich. "Eine Minute Dunkel" (23.30 Uhr) erzählt die Geschichte von Molesch, dem flüchtigen Sexualstraftäter und dient als Klammer für die vorherigen Teile. Hier hat Kommissar Kreil (Eberhard Kirchberg) die Ermittlungen übernommen. Er schafft es, die Schlinge um Molesch zuzuziehen und einer Wahrheit auf die Spur zu kommen, mit der keiner gerechnet hat.
Und da haben wir ihn: den Aha-Effekt. Die Rätsel sind gelöst, fast alle Unklarheiten sind beseitigt. Die unterschiedlichen Erzähltempi fügen sich zu einem Gesamtbild, die verschiedenen Handschriften der Regisseure bleiben dennoch erhalten. Bis auf die letzte Geschichte könnte keiner der drei Teile alleine stehen, sie würden nicht funktionieren. Dennoch braucht man eine Menge Geduld, um überhaupt an den Punkt zu gelangen, diesen Krimi-Triathlon als geglücktes Fernsehexperiment zu bewerten.
Wer’s lieber häppchenweise mag, sollte zu Einsfestival zappen: Der Digitalsender sendet von Mittwoch bis Freitag jeweils einen "Dreileben"-Teil um 20.15 Uhr.       

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