Private Eye: 50 Jahre britische Kult-Satire

Stellen Sie sich vor, Titanic wäre größer als der Spiegel. So sieht’s bei uns aus. Wahrscheinlich in erster Linie, weil es in Großbritannien keine Äquivalente zu Spiegel, Stern und Focus gibt. Aber das Satiremagazin Private Eye hat in seinen fünf Jahrzehnten nicht nur Witze auf Kosten der Politik gemacht. Langwierige Kampagnen, exzellente Recherche und großartiger Klatsch sichern dem Blatt loyale Abonnenten. Und wie die ABC-Zahlen für Juli belegen, ist der Titel auf nationaler Ebene ohne Konkurrenz.

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Stellen Sie sich vor, Titanic wäre größer als der Spiegel. So sieht’s bei uns aus. Wahrscheinlich in erster Linie, weil es in Großbritannien keine Äquivalente zu Spiegel, Stern und Focus gibt. Aber das Satiremagazin Private Eye hat in seinen fünf Jahrzehnten nicht nur Witze auf Kosten der Politik gemacht. Langwierige Kampagnen, exzellente Recherche und großartiger Klatsch sichern dem Blatt loyale Abonnenten. Und wie die ABC-Zahlen für Juli belegen, ist der Titel auf nationaler Ebene ohne Konkurrenz.
Zwischen all den bunten Glossies und dicken Tageszeitungen sieht Private Eye am Zeitungsstand eher wie eine Schülerzeitung aus. Das dürre Heft ist auf einem etwas stabileren Zeitungspapier (52 gsm) gedruckt. Der simple Titel in Primärfarbe und Rahmen um ein meist wenig spannendes Foto von einer Bildagentur lässt ebenfalls eher eine Amateurredaktion vermuten. Aber die eingefügten Sprechblasen geben den erstklassigen Inhalt preis: Satire, die mit jeder Ausgabe den Nagel auf den Kopf trifft.
Private Eye wird im Oktober 50 Jahre alt, und seit 25 Jahren sitzt der Oxford-Absolvent Ian Hislop im Chefsessel der kleinen Redaktion im Londoner Soho. Hislop ist den meisten Briten als einer der regelmäßigen Teilnehmer der satirischen Nachrichten-Quizsendung „Have I Got News For You“ bekannt. Zudem erscheint er regelmäßig in seriösen Nachrichtensendungen in Radio und Fernsehen. Dank Hislop sind ernste Nachrichten extrem unterhaltsam. Und das zieht loyale Fans an.
Private Eye brüstet sich damit, 99 Prozent ihrer 206.000 Exemplare zu verkaufen, statt sie durch auflagefreundliche Massendistributionsverträge billig (oder kostenlos) zu verschleudern. Der Absatz ist gleichmäßig auf Abonnements und Zeitschriftenhandel (zum Preis von 1,50 Pfund) verteilt. Zweimal im Monat erscheint das Heft und 700.000 treue Leser saugen jedes Wort von der ersten bis zur letzten Seite auf. Viel Ablenkung gibt es dabei nicht. Zwar gibt es im Private Eye ein paar Anzeigen, aber kaum ganzseitige Inserate, und der vorwiegend schwarz-weiße Druck ist für die üblichen Bilder von teuren Handtaschen oder Autos denkbar ungeeignet.
Vielmehr konzentriert sich die Redaktion unter Ian Hislop auf ernsthafte Kampagnen und stechende Artikel über heuchelnde Politiker, unfähige Gemeindebehörden und fragwürdige Kollegen in anderen Medienhäusern. So hatte Private Eye jahrelang gegen die sogenannte Super Injunction des BBC-Journalisten Andrew Marr angekämpft –  mit Erfolg. Der bekannte politische Korrespondent versuchte, per Gericht jegliche Berichte seiner Affäre mit einer Kollegin zu unterdrücken. Damit hatte der Reporter anderen Reportern einen Maulkorb erteilt.
Hislop ließ diesen skandalösen Doppelstandard nicht aus den Augen, und nach jahrelangem Rechtsstreit zwischen Private Eye, Marr und dem Obersten Gerichtshof kapitulierte Marr und gestand alles in einem Interview mit der Daily Mail. Auch die illegalen Abhör-Praktiken der News of the World und der Skandal um Rupert Murdochs News International wurden mit aller Macht von der Private Eye verfolgt. Im Juli imitierte die Zeitung dann auch die Boulevardtitelseite des inzwischen eingestellten Revolverblattes und erklärte, man habe die News of the World integriert.
Und der Mix von Nachrichten, Humor, Cartoons und wenig Werbung hat das unabhängig verlegte Private Eye zum größten heimischen Nachrichtenmagazin gemacht, auch wenn die Auflage im Vergleich zum Vorjahr um 0,7 Prozent abnahm. Technisch gesehen ist die britische Ausgabe des Economists mit 210.000 Exemplaren größer als Private Eye und konnte um 7,7 Prozent im Vergleich zum vergangenen Juli zulegen. Aber als internationaler Titel wird der Economist nicht als direkter Konkurrent des nationalen Eyes gerechnet. The Week von Dennis Publishing ist mit etwa 40.000 weniger Exemplaren (183.600) der einzig vergleichbare Mitbewerber auf nationaler Ebene. Das Sprachrohr konservativer Politik, das politische Wochenmagazin Spectator, mag zwar einflussreich sein, mit nicht einmal 63.000 Exemplaren ist das Heft aber weit abgeschlagen.
Private Eye darf also anständig feiern, und so gibt es zum Goldenen Jubiläum im Oktober auch einige Pläne. Ein A-Z-Buch zu den „ersten 50 Jahren“ wurde vom langjährigen Eye-Journalisten Adam MacQueen zusammengestellt. Dann gibt es im Victoria & Albert Museum in Kensington eine Ausstellung der besten Cartoons aus den vergangen fünf Jahrzehnten. Und natürlich, wie alle anständigen Nachrichtenmagazine, wird ein Jahresrückblick in Buchformat veröffentlicht. Die Jahrbücher des Private Eyes sind Dauergäste in den Bestseller-Listen mit über 78.000 verkauften Exemplaren, und angesichts der gewaltigen Nachrichtenflut in 2011 sollte die Verkaufschart auch dieses Mal locker gestürmt werden. Ian Hislop meint aber, Leute sollen nicht denken, dies sei alles eine riesige Feier in Eigensache. „Vielmehr ist das 50. Jubiläum eine Gelegenheit, einen leidenschaftslosen Blick darauf zu werfen, wie fabelhaft wir sind.“ Allerdings.

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