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Naumann: „Cicero wieder muskulöser“

Cicero, das "Magazin für politische Kultur" aus dem Ringier Verlag, wurde einer optischen Operation unterzogen. Operateur: Wolfgang Behnken, das langjährige "Oberauge" der Illustrierten Stern und einst Mit-Herausgeber von Max. Sein Auftrag: Cicero-Chef Michael Naumann wünschte sich das Magazin wieder "muskulöser". Auf dem September-Titel geht der Papst am Kreuz und ein Stempel verspricht: "100% ohne Charlotte Roche".

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"Hier geht´s manchmal kritisch zu", sagt Michael Naumann und blickt auf die Spree. Gemeint ist nicht die Arbeit in der Redaktion des Monatsmagazins, sondern ein gefährliches Ausweichmanöver zweier Ausflugsdampfer auf dem Fluss, den Naumann von seinem Bürostuhl aus einsehen kann. Draußen flanieren Touristen auf der Friedrichstrasse, drinnen sitzen Naumann und sein Vizechef Alexander Marguier und rauchen.

Optisch "ein wenig bleich" geworden

"Cicero war optisch und grafisch ein wenig bleich geworden, etwas kraftlos", sagt Naumann. Nun wirke das Magazin in seiner Aufmachung wieder "muskulöser". Naumann: "Das war auch der Wunsch von Michael Ringier." Dem Schweizer Großverleger ist es zu verdanken, dass es die beiden Nischentitel Cicero und das Kunstmagazin Monopol, die er in Deutschland verlegt, weiterhin gibt. So gute Margen wie sein Boulevardblatt Blick oder die Schweizer Illustrierte werden die Monatsmagazine bei weitem nicht erzielen, aber Ringier steht erkennbar zu diesen Investments. Allein die Büros in bester Lage in Berlin-Mitte beweisen das. Cicero gründete Ringier 2004 gemeinsam mit Wolfram Weimer, Monopol kaufte er 2006 dem Gründer Florian Illies ab.

Cicero ist eigentlich ein typisches Coffeetable-Magazin, angelehnt an anglo-amerikanische Vorbilder – Autoren, darunter auch gerne Schriftsteller oder Professoren, reportieren oder räsonieren, hier ein Essay, da eine großformatige Fotostrecke, viele Porträts. Das Magazin liegt beim Bildungsbürger in der Leseecke, weil es danach aussieht, dass hier jemand Interesse an Politik und Kultur hat. Die optische Überarbeitung des Blatts zeigt nun, dass seine Macher ein Stück mehr Dringlichkeit, auch mehr Aktualität ins Blatt bringen wollen. Bereits unter Weimer war dies die Marschroute und eine stete Herausforderung, die mal gut, mal weniger gut glückte. Und auch Naumann und Marguier wissen, wie schwer und eigentlich fast unmöglich es ist, die Themenhoheit mit einem Monatsmagazin zu erlangen.  

"Unsere Leser sind bürgerlich"

Art Director Behnken hat die bisherige Cicero-Grundschrift erhalten, dafür aber serifenlose Überschriften ausgewählt. Diese Maßnahme rückt Cicero ein wenig weg vom Salon, die Seiten wirken plakativer und etwas gewöhnungsbedürftig. Längeren Strecken wie der Titelgeschichte über den Papst spendeten die Blattmacher zusätzliche Kästen als zweite Informationsebene. Neu oder originell ist das alles nicht, dürfte aber der Leserführung durchaus dienen. Die Fotografie, schon immer wichtig bei Cicero – Jim Rakete gehörte zur Gründungsmannschaft – soll wieder zupackender werden, vor allem bei den Porträts. Neu ist auch eine Kochkolumne, "Küchenkabinett" genannt.

Das neue Cicero-Cover
"Unsere Leser sind bürgerlich", sagt Vizechef Marguier, der Mitte 2010 von der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung kam, für die er lange Jahre das Gesellschaftsressort geleitet hat. "Die kochen gern, die gehen auch gerne essen." Darum also die Kochkolumne. "Wir haben uns vorgenommen, mehr über das Leben zu berichten, wie es wirklich ist", sagt Marguier auch. Er meint damit aber nicht unbedingt das Leben in Restaurants, sondern beispielsweise das Stück "Kindersoldaten des Kapitals", den Erfahrungsbericht eines Investmentbankers, der heute Schriftsteller ist. Oder die Reportage über den Tod von Maria Kwiatkowsky – einer glänzenden Schauspielerin aus Berlin, deren Leben und Sterben der Theaterkritiker Peter Laudenbach auf sieben Seiten erzählt.

"Nicht jedem Trend hinterherlaufen"

Das ist tatsächlich mehr Stern als der alte Cicero bisher war – und ein Luxus. Naumann sagt: "Das Problem des deutschen Journalismus ist, dass sich außer Zeit und Spiegel kaum noch ein Medium Recherchen leisten kann, die sich über Monate hinziehen." Und wenn man es sich nicht selber leisten kann, muss man solche Stücke kaufen: Die in den USA heiß diskutierte Rekonstruktion "Getting Bin Laden" über den Tod des Terroristen, geschrieben von dem jungen Journalisten Nicholas Schmidle für den New Yorker, hat sich Cicero zum Abdruck gesichert.

Gleichzeitig, sagt Marguier, müsse die Redaktion den Lesern "auch klarmachen, dass wir nicht jedem Trend hinterherlaufen". Darum auch der Roche-Stempel auf dem Cover. (Cicero Online berichtete dagegen sehr wohl über die Schriftstellerin und ihr neues Buch Schoßgebete, aber das nur am Rande). Die Chefredakteure halten sich aber auch zugute, der Zeit manchmal etwas voraus zu sein. So habe Cicero als erstes Medium mit der Titelgeschichte "Wer, wenn nicht Peer?" Peer Steinbrücks Rückkehr in die Politik vorhergesagt. Kleine Siege, die die Macher freuen. Den nötigen Credit, also Zitate oder Verweise anderer Medien, die danach auf den Peer-Zug aufgesprungen sind, haben sie dann allerdings vermisst.  

"Die Krise ist weder rechts noch links"
  
Naumann schaltet das Radio ab, in dem Jazz läuft, und redet nun über die Finanzkrise. Auch Journalisten hätten nicht immer eine gute Figur abgegeben, wenn es um die Analyse des Bankenwesens ging. Die Krise sei übrigens "weder rechts noch links", findet Naumann, ehemals Buchverleger, Zeit-Chefredakteur und Herausgeber, Staatsminister für Kultur und Medien, SPD-Spitzenkandidat für die Wahl der Hamburger Bürgerschaft 2008 und einiges mehr. Auch Cicero habe mit diesem "überkommenen Schema" von Rechts und Links nichts am Hut. "Cicero war unter Wolfram Weimer ein Blatt, das sich in der Kommentierung neo-konservativ gab", sagt Naumann. "Wir haben das Heft seither für viele Autoren geöffnet und verstehen uns als Podium für politische, ökonomische, kulturelle und gesellschaftliche Analysen." Einer Parteilinie folge Cicero aber nicht, sagt Naumann.

Genau das hatte Alexander Görlach, Chef des Onlineportals The European, Naumann im April vergangenen Jahres vorgeworfen. Bei Cicero habe es einen "Linksruck" gegeben, attestierte Görlach dem Blatt, für das er einst auch gearbeitet hatte. Naumann ging gegen die seiner Meinung nach "geschäftsschädigenden" Aussagen vor, Görlach unterschrieb eine Unterlassungserklärung. "Nach dem Vorwurf, unter mir gebe es einen Linksruck bei Cicero, gab es etwa acht Abbestellungen", sagt Naumann heute. Seither habe man neue Abonnenten gewinnen können.

Auflage von 100.000 Exemplaren bleibt Ziel

Unterm Strich waren es dann doch nur gut 300. Doch immerhin: Während andere Zeitschriften an Auflage einbüßen, hält sich Cicero mit aktuell 82.905 verkauften Exemplaren ordentlich – 26.498 Exemplare gehen an Abonnenten, 11.851 Stück werden durchschnittlich am Kiosk zu 8 Euro verkauft, der Rest sind Sonderverkäufe. Die erste IVW-gemeldete Auflage lag bei 54.966 Exemplaren im ersten Quartal 2005. Naumann hatte nach seinem Antritt ganz unbescheiden ein Ziel von 100.000 verkauften Exemplaren verkündet. Daran halte er fest, sagt Naumann – vermutlich im Bewusstsein, dass noch viele Boote die Spree runterfahren werden, bis diese Marke tatsächlich erreicht wird.    

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