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Karl-Otto Saur: Mein Nachbar Loriot

Die ganze Nation hat er mit seinem feinen Humor zum Lachen gebracht, und die bestaunt heute noch das Vermächtnis von Vicco von Bülow alias Loriot, der am Dienstag im Alter von 87 Jahren starb. Wer dem Multitalent persönlich begegnete, erinnert sich mit Dankbarkeit. Zu denen, die dem Komiker zumindest räumlich sehr nahe waren, gehört auch MEEDIA-Leser Karl-Otto Saur. Der frühere Spiegel-Ressortleiter und Chef der SZ-Medienredaktion, Jahrgang 1944, erinnert sich an seinen Nachbarn Loriot.

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"Das erste Mal, dass ich an Loriot zweifelte, war Ende der 1950er Jahre. Im Stern erschienen seine "Wahren Geschichten" mit dem hilfreichen aber mir doch unerklärlichen Zusatz: "erlogen von Loriot". Ich hatte mich schon länger an seinen Bildergeschichten erfreut, aber diese Provokation überforderte meinen damaligen geistigen Horizont.
Ich ahnte nicht, dass in diesem kleinen Satzpaar eigentlich schon der ganze Loriot verborgen war. Seine Arbeit war immer auf die Wahrheit ausgerichtet, insbesondere wenn es um die menschlichen Beziehungen ging, vor allem auch in der nicht unwichtigen Unterabteilung "Mann und Frau". Um diese Wahrheiten kundzutun, genügten ihm die geringfügigsten Übertreibungen. Egal ob es um den Kosakenzipfel ging, über den die langjährige Freundschaft zweier Paare auseinander brechen sollte, egal ob eine Nudel als Liebestöter wirkte, egal ob die Suche nach einer geeigneten Liebesposition unter dem Schreibtisch des Chefs die Schlampigkeit der Sekretärin offenbarte. Je absurder seine Ideen erschienen, umso näher waren sie der menschlichen Unzulänglichkeit gekommen.
Loriot begleitete mein Leben mit all seinen Werken, auch wenn ich merkwürdigerweise nie ein Freund von Wumm und Wendelin wurde. Alles andere verschlang ich gierig, ob die Zeichengeschichten in den Illustrierten, die Fernsehsketche und seine Spielfilme. Er schien mit mir und meinem Leben so vertraut wie wenige.
1970 zogen meine Frau und ich mit drei kleinen Kindern in ein Haus in Ammerland am Starnberger See. Ich wusste vorher, dass auch Loriot dort wohnte. Aber erst nach dem Einzug erfuhren wir, dass wir eigentlich seine Nachbarn geworden waren. Eine Wiese und ein Acker lagen zwischen den Häusern, aber uns trennten Welten. Man muss wissen, dass unsere Gemeinde Münsing hieß (und heisst). Das eigentliche Dorf  mit der Schule und Gemeindeverwaltung liegt zwei Kilometer vom See entfernt und hat mehrere Ortsteile. Der eine am See heisst Ammerland (der andere am See zwei Kilometer südlich und vor allem dank Sepp Bierbichler noch berühmtere heisst Ambach). In Ammerland wohnten wir. Die Wiese und der Acker sorgten dafür, dass Loriot aber nicht in Ammerland wohnte, sondern in Wimpasing, der Ortsteil der nicht am See lag, ihn aber voll überblickte.
Was er aber nicht sah, das waren wir. In den vier Jahren, die wir dort wohnten, begegneten wir ihm nicht einmal. Kennenlernen sollte ich ihn erst in paar Jahre später. Es war in der Redaktion der Süddeutschen Zeitung. Einige kleinere Ressorts hatten ihre Büros abgelegen und nur durch eine enge Treppe erreichbar im so genannten Zwischenstock des Gebäudes. Eines Abends stand in dem zugehörigen Flur Loriot und erkundigte sich, ob er hier irgendwo unsere Kollegin Ursula von Kardorff finden könnte. Er war auf der richtigen Spur und gemeinsam gingen wir ein paar Räume weiter. Daraus wurde ein spontaner und sehr lustiger Abend.
An diesem Abend erzählte er auch eine Episode aus seinem Leben in Wimpasing, als wir noch Nachbarn waren und von der ich – wie von allem anderen – so  gar nichts mitbekommen hatte. Eines Tages habe das Telefon bei ihm geklingelt. Gemeldet hat sich ein gewisser Herr Heinemann, der ihm mitteilte, dass er irgendwo im Oberland Ferien mache und ihn gerne besuchen würde. Artig und wohlerzogen, aber immer noch in Unkenntnis, dass er mit dem gegenwärtigen Bundespräsidenten sprach, habe er,  Loriot, ihn nach dem Grund seines gewünschten Besuchs  gefragt. Sie vereinbarten einen Nachmittagskaffee und zwei Tage später wunderte ich sowohl Loriot und seine Familie, als auch die engeren Nachbarn, dass einige Stunden lang zwei Polizeiautos die Gegend abfuhren. Die Luft schien rein, der Besuch konnte stattfinden.
Doch das Gespräch mochte nicht so recht in Gang kommen. So wurde stattdessen Kaffe und Kuchen ausgiebig gelobt.  Darüber hinaus saß Gustav Heinemann stumm auf dem Sofa, das dem nicht unähnlich war, dass den Deutschen aus allen Loriot-Sendungen bekannt ist. Und auch der Abschied fiel so aus, wie ihn Loriot vielleicht für  seine Sendung erfunden hätte. Die Haushälterin stand an der Haustür ein kleines Päckchen in der Hand, das sie dem Bundespräsidenten mit den Worten überreichte, er habe sich so lobend über ihren Kuchen ausgelassen, dass sie für zu Hause noch den Rest eingepackt habe.
So trennte sich der adelige Herr von Bülow vom durch und durch bürgerlichen Herrn Heinemann, in dem Gefühl, dass sie sich vielleicht wenig zu sagen gehabt hatten, aber im stillen Einverständnis ihr Glück ahnten, sich begegnet zu sein.
Ich selber war mir an diesem Abend im Büro von Ursula von Kardorff des Glücks bewusst, endlich Loriot kennen gelernt zu haben. Bis zu einer unserer nächsten Begegnungen. Er tadelte mich, dass wir uns in der Fußgängerzone über den Weg gelaufen zu sein, und ich von seinem Gruß keinerlei Kenntnis genommen hätte. Ob er etwas Falschen zu mir gesagt hätte. Ich konnte ihm versichern, dass es nur mit meiner Kurzsichtigkeit und Versponnenheit zu tun haben konnte. Wenn ich bemerkt hätte, dass Loriot mich auf der Straße grüßen würde, hätte das meine Eitelkeit für mindestens einen ganzen Monat befriedigt. Fortan schaute ich immer um jede Ecke, um die nächste Gelegenheit nicht zu verpassen.
Wenn wir nicht so frühzeitrig von Ammerland wieder weggezogen wären, hätte es zahlreiche Möglichkeiten gegeben. Wann immer in Münsing, Ammerland oder Wimpasing irgend etwas Wohltätiges zu feiern oder ein Patronat zu übernehmen war: Loriot war immer zur Stelle. Er war nicht nur ein Helfer in der Not, sondern er nahm aktiv am Leben seiner Gemeinde teil – er war nicht nur für alle Zuschauer in Deutschland ein guter Geist, der allen den etwas verschönernden Spiegel vorhielt, er war auch im Leben immer ein guter Nachbar."

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