EinsExtra: News mit Schalter-Öffnungszeiten

In der Debatte um die Newskompetenz der öffentlich-rechtlichen Sender anlässlich der Libyen-Berichterstattung empfahl “Tagesschau”-Chef Kai Gniffke den ARD-Digital-Sender EinsExtra als Nachrichtenkanal, der den “ganzen Tag” Nachrichten sende. MEEDIA hat sich die Empfehlung zu Herzen genommen und ausführlich EinsExtra geschaut. Einen Nachrichtensender haben wir dabei aber nicht gesehen. Eher eine “Tagesschau” in Endlosschleife mit Schalter-Öffnungszeiten, angereichert mit Konserven-TV.

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EinsExtra ist so ein Digital-Kanal der ARD bei dem man den Durchschnitts-TV-Zuschauer im Normalfall erst einmal wortreich erläutern muss, dass es ihn a) gibt und b) was er soll. Das ist gar nicht so einfach und ein Schicksal, das sich EinsExtra mit Eins Plus und Eins Festival teilt. Die ARD will EinsExtra als Nachrichtensender verstanden wissen. So teilte es jedenfalls ARD-Aktuell-Chefredakteur Dr. Kai Gniffke im “Tagesschau”-Blog mit. Gniffke reagierte mit dem Blog-Beitrag auf die MEEDIA-Kritik an der Nicht-Berichterstattung der öffentlich-rechtlichen Sender bei den jüngsten dramatischen Ereignissen in Libyen.

Gniffke wörtlich: “Da gab es heute einen öffentlich-rechtlichen Sender, der den ganzen Tag über Berichte, Live-Schalten, Interviews und Hintergrund-Informationen zu Libyen lieferte. Er heißt EinsExtra, kommt aus dem Hause Tagesschau und sendet den ganzen Tag lang Nachrichten. Einfach mal reinschauen. Es lohnt sich.” Guter Tipp, könnte man denken und macht sich eine Notiz im Hirnkastl: Bei nächster nachrichtlicher Gelegenheit einfach mal EinsExtra einschalten. Das lohnt sich!

Die Gelegenheit kam schneller als gedacht, denn auf der Welt ist sogar im Sommer so einiges geboten. Am Dienstag-Abend stand bei Spiegel Online etwas über ein Erdbeben an der Ostküste der USA. Mensch, interessant. Gleich mal EinsExtra einschalten, den Nachrichtensender der ARD. Die haben da bestimmt “Berichte, Live-Schalten, Interviews und Hintergrund-Informationen” (Gniffke). Und wenn nicht, dann erfährt man bei EinsExtra bestimmt wenigstens den aktuellen Stand in Sachen Libyen. Also EinsExtra auf der Fernbedienung gesucht (gar nicht so einfach) und geschaut.

Da bauten dann irgendwelche Leute an einem Hausdach rum. Libyen? Maryland? Nein. Eher Wanne-Eickel. Oben rechts in der Ecke prangte das Logo vom RBB. Etwa den falschen Sender erwischt? Nein – links oben in der Ecke stand deutlich EinsExtra. Menschen redeten über Gewährleistung beim Baupfusch. Zweifellos zeitlos interessant, aber nicht direkt das, was man landläufig unter “Nachrichten” versteht. Es handelte sich in der Tat um ein Verbrauchermagazin des RBB, das zu später Abendstunde bei Eins Extra als Füllmaterial dient. Wie vieles andere aus der ARD-Resterampe wie “Plusminus”, “Monitor” und “Zapp”. Wird alles abends und nachts bei EinsExtra wiederholt.

So sieht er also aus, der Nachrichtensender der ARD: Geöffnet täglich von 9 bis 20 Uhr. Außerhalb der Schalterzeiten des öffentlich-rechtlichen Nachrichten-Betriebs ziehen Sie bitte eine Nummer und warten auf einen Brennpunkt oder die nächst erreichbare reguläre Ausgabe der “Tagesschau” oder – besser – schauen einen englischsprachigen Nachrichtenkanal. Natürlich nur, falls sie sich für sowas wie “Nachrichten” interessieren sollten.

Aber es ist ja vielleicht auch ein wenig unfair, von einem Nachrichtensender zu verlangen, dass er Nachrichten zeitnah berichtet, wenn sie geschehen. Am nächsten Tag hielten wir uns brav an die Öffnungszeiten des Nachrichten-Schalters bei EinsExtra und schalteten ein zwischen 9 und 20 Uhr. Zu dieser Kernzeit sendet Eins Extra eine Art Endlos-Schleife der “Tagesschau”. Es gibt “Nachrichten im Viertelstundentakt”. Jede Viertelstunde werden im Regelfall die gleichen Filmbeiträge der jüngsten Tagesschau-Ausgabe wiederholt. dazwischen gibt es Wetter und die gleichen Beiträge nochmal in Kurzform bei der “Tagesschau in 100 Sekunden” – ein Format, das eigentlich als Podcast für Smartphones oder das Internet konzipiert ist. Aber wenn man es schon mal hat, kann man damit ja auch noch bequem 100 Sekunden Sendezeit bei Eins Extra vollmachen. Mehrmals pro Stunde.

Dazwischen gibt es Themenblöcke zu Politik, Sport, Wirtschaft und Kultur und die regulären “Tagesschau”-Ausgaben werden zeitgleich mit dem Ersten Programm gesendet – klar, so füllt man wieder einiges an Sendezeit. Einzelne Sendungen oder Formate sucht man im Tagesprogramm von EinsExtra vergeblich. Nicht beurteilen können wir, wie und ob Eins Extra im Tagesprogramm reagiert, wenn tagsüber mal etwas Wichtiges passiert. Gut möglich, dass der Sender dann brandaktuell eine Schalte zu einem Korrespondenten organisiert. Aber auch nur, wenn das Weltgeschehen so freundlich ist, sich an die Schalter-Öffnungszeiten des ARD-Nachrichtenbüros zu halten.

So sieht es also aus, wenn die ARD, einen Nachrichtensender auf die Beine stellt, von dem der Chefredakteur ARD-Aktuell der Meinung ist, das Einschalten lohne sich. Nach den hier beschriebenen Erfahrungen mag es niemanden überraschen, wenn wir nach der Einschalt-Empfehlung von Kai Gniffke festhalten: Nein. Es hat sich nicht gelohnt. Ein echter Nachrichtensender, der der Bedeutung und den Möglichkeiten der ARD (und/oder des ZDF) würdig wäre, den suchen wir immer noch. Der Sender EinsExtra ist vieles – ein echter Nachrichtensender ist er mit Sicherheit nicht.

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