Amazon setzt auf die Apple-Philosophie

Wer an Innovationen im IT-Markt denkt, hat Facebook, Google oder Apple im Blick. Dabei gerät der E-Commerce-Gigant Amazon schnell in Vergessenheit. Dabei erfindet sich kaum ein anderer global agierender Konzern so schnell immer wieder neu. Das Unternehmen folgt nicht nur Trends, sondern setzt sie. Wie mit dem jüngsten Vorstoß, Autoren direkt unter Vertrag zu nehmen. Es ist eine neue Offensive in einer ganzen Reihe von Innovationen, die Amazon in diesem Jahr lancierte.

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Während die Verlage nach Möglichkeiten suchen, schwindende Erlöse aus Buchverkäufen im eBook-Geschäft aufzufangen, schickt sich Amazon an, vom Buchhändler zum Verlag zu avancieren. Wie die New York Times und andere Medien berichteten, wird der Online-Shop künftig auch Bücher verlegen. Als ersten Autor konnte Amazon Timothy Ferris (“Die 4-Stunden-Woche”) verpflichten. Sein neues Werk “Der 4-Stundenchef” soll im Frühjahr 2012 als gebundende Ausgabe, als eBook und als Audiobook auf Amazon und im Buchhandel erscheinen.

Der überraschende Vorstoß dürfte auch eine Folge von Firmenchef Jeff Bezos’ Gespür für gute Mitarbeiter sein. Denn angetrieben wurde der Vorstoß von Laurence Kirshbaum, ehemals Redakteur und Agent. Kirshbaum leitet seit drei Monaten Amazon Publishing.

Alles aus einer Hand
Damit setzt Amazon auf die bewährte Apple-Philosophie, ein Produkt aus einer Hand anzubieten. In diesem Fall heißt das: von der Akquise über sämtliche Verlagstätigkeiten bis hin zur Distribution und die Präsentation auf entsprechenden Endgeräten. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht war der Schritt nur allzu logisch, wenn nicht schon zwingend. Immerhin verfügt Amazon über Millionen von Kundenkontakten, ein bestens funktionierendes Vertriebsnetz, den erfolgreichen eReader Kindle und die entsprechende Menge Cash, um gute Autoren an Bord zu holen.

Es ist nur eine von vielen Innovationen, die Amazon in diesem Jahr auf den Markt gebracht hat. Im Februar öffnete der Konzern bereits sein Portal für sogenannte “Kindle Singles”: einen Markt für lange Reportagen, Essays und Erzählungen. Gedacht als eine Plattform für journalistische Texte, die für ein Buch zu kurz und für ein Magazin zu lang wären, war es ein erster Versuch, als Inhalteanbieter aufzutreten. 30.000 Wörter dürfen die Geschichten maximal lang sein. Autoren reichen Texte ein, die für maximal fünf Dollar verkauft werden. Das Konzept ging auf: die ersten Werke schafften es auf Anhieb in die Top 100.

Evolution auf Kosten des eigenen Ökosystems
Trotzdem scheut der Konzern nicht davor zurück, auf Kosten seines eigenen Ökosystems zu agieren. Vor rund einer Woche launchte der Buchhändler einen Rebuy-Service, bei dem Kunden gebrauchte Bücher kostenlos an Amazon schicken können und mit Gutscheinen entlohnt. Damit torpedierte das Unternehmen das Geschäftsmodell einiger Anbieter, die bei Amazon dieselben Dienste anboten.
Das hindert den “Buchhändler” aber nicht daran, innovativ zu bleiben. Als legendär gilt mittlerweile der Launch von Amazons Musikstreamingdienst “Cloud Player”. Das Unternehmen bot das neue Album von Lady Gaga zum Spottpreis von 99 Cent an – ein enormer Useransturm ließ die Server heißlaufen.

In seinem ständigen Bemühen, die nächste Innovation voranzutreiben, scheut das Unternehmen auch keinen Rechtsstreit. Anfang des Jahres launchte Amazon einen eigenen Android-App-Store. Apple reichte umgehend Klage ein. Vorerst ist die Aufnahme neuer Entwicker-Anträge in Deutschland gestoppt.

Keine Angst vor Rechtsstreitigkeiten
Es ist nicht der einzige Rechtsstreit zwischen den beiden Konzernen. Im eBook-Streit zwischen Apple und Amazon zündete der Web-Händler vor Kurzem die nächste Eskalationsstufe: Nachdem Apple erst gegen Amazons App-Store juristisch vorgegangen war und dann noch die In-App-Verkäufe in der beliebten Kindle-Applikation erschwerte, startete Amazon Anfang August einfach einen webbasierten Cloud-Reader.

Entdeckt wurde das neue Angebot, das Amazon noch gar nicht kommunizierte, von den‘>. Apple-CEO Tim Cook wird gegen den neuen Reader, mit dem sich Bücher via Browser lesen und downloaden lassen, nicht vorgehen können. Denn das neue Angebot wurde in HTML5 programmiert und entzieht sich damit der Kontrolle über Apples App-Store.

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