Hype statt Ära: der Absturz von Wikileaks

Noch vor wenigen Monaten wurde die Enthüllungsplattform Wikileaks als eine Art Blaupause für eine neue Art des Journalismus ausgerufen. Die Website gelangte durch die Veröffentlichung von Dokumenten zum Afghanistan- und Irak-Krieg der USA sowie von US-Botschaftsdepeschen zu Weltruhm. Mittlerweile sind Wikileaks und die Abspaltung OpenLeaks verstrickt in Eifersüchteleien, Prozesse sowie technische und finanzielle Probleme. Neue Enthüllungen - Fehlanzeige. Die Ära der Leaker war offenbar nur ein Web-Hype.

Anzeige

Rekapitulieren wir noch einmal den Aufstieg von Wikileaks und dessen Gründer Julian Assange zur Weltmarke. Zu Beginn hatte die Website das Konzept, dass Whistleblower anonym brisantes Datenmaterial bei Wikileaks online veröffentlichen konnten. Assange und seine Mitstreiter, damals auch noch OpenLeaks-Gründer Daniel Domscheit-Berg, sichteten das eingegangene Material und veröffentlichten es unkommentiert auf der Wikileaks-Website. In der Anfangszeit gelangen Wikileaks mit dieser Methode beachtliche Scoops. So veröffentlichte Wikileaks brisantes Material über Korruption in Kenia, interne Dokumente des Bankhauses Julius Baer und der Scientology-Sekte sowie 2009 ein Dokument der isländischen Kaupthing-Bank das mit dazu führte, dass die Finanzkrise in Island offengelegt wurde. Wikileaks veröffentlichte u.a. auch den geheimen Feldjäger Report der Bundeswehr im Zusammenhang mit der so genannten Kundus-Affäre, bei der ein deutscher Oberst den umstrittenen Befehl zur Bombardierung von Tanklastern in Afghanistan gegeben hatte.

Diese Veröffentlichungen waren interessant, teils brisant aber in der breiten Öffentlichkeit blieb Wikileaks weitgehend unbekannt. Das änderte sich 2010 mit der Veröffentlichung des Videos “Collateral Murder”, das zeigt wie bei einem Einsatz eines US-Kampfhubschraubers im Irak Zivilisten getötet werden. Das Video war vor der Veröffentlichung bearbeitet und mit Kommentierungen versehen worden. Das Echo gewaltig. Daraufhin änderte Wikileaks seine Vorgehensweise und veröffentlichte zig-tausende Dokumente zu den US-Einsätzen in Afghanistan und Irak sowie geheime US-Botschaftsdepeschen mit Hilfe von ausgewählten Medienpartnern wie Spiegel, New York Times und Guardian.

Diese Veröffentlichungen machten weltweit Furore. Julian Assange wurde zu einem bekannten Mann, der plötzlich die Titelseiten von großen Magazinen zierte. All diese spektakulären Veröffentlichungen scheinen allerdings auf eine einzige Quelle zurückzuführen zu sein: den US-Soldaten Bradley Manning, der Zugriff auf das geheime Online-Netzwerk der US-Militärs hatte und von dort offenbar große Mengen Material runterkopierte – einschließlich des Rohmaterials des “Collateral Murder”-Videos. Bis heute veröffentlicht Wikileaks Material aus diesem riesigen Daten-Schatz.

Bradley Manning aber wurde in den USA wegen Geheimnisverrats verhaftet und wartet auf seinen Prozess. Die Brisanz der Enthüllungen sorgte auch dafür, dass Assange von US-Behörden gesucht wird. Die USA übten Druck auf Finanz-Partner von Wikileaks aus und sorgten dafür, dass beispielsweise Kreditkartenunternehmen oder Bezahldienste wie PayPal keine Spenden mehr an die Organisation weiterleiten. Parallel wurde er in Schweden wegen versuchter Vergewaltigung und sexueller Nötigung angezeigt – offenbar von enttäuschten "Wikileaks-Groupies". Assange zerstritt sich außerdem mit seinem zweiten Mann, Daniel Domscheit-Berg, und warf ihn raus. Domscheit-Berg nahm dabei eine Menge an Daten mit, von denen er nun angibt, diese unbrauchbar gemacht zu haben. Eine Menge Ärger für die Enthüller vom Dienst.

Domscheit-Berg gründete mit OpenLeaks eine Art alternatives Wikileaks, das bislang aber durch keinerlei Enthüllungen aufgefallen ist. Und auch von Wikileaks hat man außer den Veröffentlichungen, die offenbar auf die eine Quelle Manning zurückzuführen sind, nichts neues mehr gehört. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Würde jemand, der im Besitz von brisantem Material ist, dieses wirklich noch Wikileaks oder einer anderen Leak-Plattform anvertrauen? Wenn ganz offensichtlich unklar ist, was mit den Daten am Ende geschieht? Immerhin hat Daniel Domscheit-Berg bei seinem Rauswurf über 3.000 Einsendungen mitgenommen und mittlerweile nach eigenen Angaben unbrauchbar gemacht. Wer würde seine brisanten Daten einer Organisation anvertrauen, die intern zerstritten ist, deren Finanzierung auf wackeligen Füßen steht und deren Gründer in Groß-Britannien mit elektronischer Fußfessel unter Hausarrest steht und bangen muss, dass ihm bald in Schweden ein Prozess wegen Vergewaltigungs-Vorwürfen gemacht wird?

Laut FAZ stammten einige der von Daniel Domscheit-Berg unbrauchbar gemachten Daten E-Mails aus dem Umfeld der rechtsradikalen Partei NPD. Nachdem das Material bei Wikileaks und später bei Domscheit-Berg nicht veröffentlicht wurde, wurden die Mails an den Spiegel, die Tagesschau und weitere Medien direkt geschickt und auch mittlerweile verwertet. Klassische Medien haben sich umsonst den Kopf zerbrochen – die Zeit der unabhängigen Leaking-Plattformen im Netz war eher ein kurzlebiger Hype und keine Ära.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige