Fast 100 Verlage umgehen Tarifbindung

Kein Herz für Tarifflucht: Der Deutsche Journalisten-Verband hat Zeitungsverlage dazu aufgefordert, in die Tarifbindung zurückzukehren. „Die Flächentarifverträge für Redakteure an Tageszeitungen sind das Siegel des Qualitätsjournalismus in Deutschland“, kommentierte DJV-Bundesvorsitzender Michael Konken. Wer sich außerhalb der Tarifverträge stelle, negiere die journalistische Leistung der Kollegen. Ungefähr sind es 100 Verlage, die auf verschiedene Arten und Weisen die Tarifbindung umgehen.

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Als „besonders kritisch“ wertete der DJV-Vorsitzende die Tarifflucht von drei Blättern während der jüngsten Tarifauseinandersetzungen. In die Mitgliedschaft im Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) ohne Tarifbindung wechselten Ende Juni der Schleswig-Holsteinische Zeitungsverlag, Anfang Juli die zu Madsack gehörende Leipziger Volkszeitung und Ende Juli die Nordwestzeitung. Insgesamt sind 45 Zeitungen Mitglied im BDZV, ohne die gültigen Tarife anzuerkennen. Auf Redakteure bzw. Volontäre, die dauerhaft als Leiharbeitnehmer beschäftigt werden, greifen 19 Blätter zurück. 21 Zeitungstitel betreiben laut DJV das so genannte Outsourcing von Redaktionen.
Manche Verlage finden sich sogar mehrfach in der vom DJV geführten Liste. Beispielsweise die Bremer Tageszeitungen AG (Weser-Kurier und Bremer Nachrichten) und der Donaukurier beschäftigen zum einen Leiharbeiter und sind zum anderen Mitglied im BDZV ohne Tarifbindung. Oder die Augsburger Allgemeine: Sie betreibt Leiharbeit und stellt ihre Volontäre seit Januar 2006 untertariflich als Schüler an.
Nach dem Tarifergebnis mit dem Verleger-Verband vom vergangenen Donnerstag gebe es keine wirtschaftliche Notwendigkeit für Verlage, die Tarifverträge nicht anzuwenden, sagte der DJV-Vorsitzende Konken. Der zwischen dem BDZV und den Gewerkschaften vereinbarte Kompromiss sieht unter anderem vor, die Redakteursgehälter im kommenden Jahr um 1,5 Prozent anzuheben und in diesem Jahr sowie 2013 Einmalzahlungen von je 200 Euro zu leisten.
Zum aktuellen Streik der Journalisten beim Schwarzwälder Boten, der, wie die Süddeutsche Zeitung, zur Südwest Medien Holding gehört, sagte Konken: „Tariflose Zustände bei Zeitungsverlagen sind ein Skandal, der schnellstens beendet werden muss.“ Die Redakteure wollen mit ihrer unbefristeten Arbeitsniederlegung einen Haustarifvertrag bei dem tariflosen Blatt erzwingen. Für Haustarifverträge hatten in den zurückliegenden Monaten auch Journalisten des Südkuriers aus der Holtzbrinck-Gruppe und der Bremer Tageszeitungen AG gestreikt. Bei Weser-Kurier und Bremer Nachrichten summierten sich die Arbeitsniederlegungen auf rund drei Wochen.

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