„Die Alm“ gegen die „Dschungel-Show“

Dass der Dschungel-Show-Abklatsch “Die Alm” mitten im Sommerloch ähnlich gigantische Quoten holt wie das RTL-Original “Ich bin ein Star - holt mich hier raus!” - damit hat wahrscheinlich niemand gerechnet. Dass die Sendung aber bereits kurz nach dem Start ins Mittelmaß abrutscht, dürfte den Verantwortlichen bei ProSieben nicht gefallen. Warum funktioniert Trash-as-Trash-can bei der Dschungel-Show, nicht aber bei der Kopie von “Die Alm”? MEEDIA macht den Format-Vergleich.

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Das Setting

Australischer Regenwald gegen Tiroler Bergwelt. Beides hat seinen Reiz. Aber natürlich ist der Dschungel Australiens als Location eine ganze Spur extremer und hat einen höheren Exoten-Faktor als das vergleichsweise beschauliche Setting der “Alm”. Eine Alm, Bergwiesen, wogende Tannen und rauschende Wildbäche kennt der TV-Zuschauer in der Regel auch aus eigener Erfahrung. Den Urwald nicht. Die Macher von “Ich bin ein Star – holt mich hier raus!” haben mit dem Dschungel-Thema eine wesentlich größere Bandbreite an äußerem Drama. Das fängt an mit dem nervtötenden Dauerregen und der hohen Luftfeuchtigkeit und geht weiter zu dem ganzen Getier, das von den Kandidaten in diversen Prüfungen verspeist werden muss. Eine Stab-Heuschrecke, die Kotzfrucht, Krokodil-Penisse und dicke Maden passen halt prima zum Dschungel. Mit einer Alm verbindet man als Zuschauer eher positive Empfindungen.

Auf der Alm muss die TV-Produktion das Bergthema also schon gehörig überdehnen, damit sich der offenbar als notwendig erachtetete Ekel-Faktor einstellt. Da werden Hühnerfüße serviert oder die “Stars” werden in einen “Schweine-Trog” eingelassen, in dem irgendwelches Krebs-Getier fleucht. Das ist alles dramaturgisch nicht sehr schlüssig und macht nur deutlich, wie sklavisch ProSieben das große Dschungel-Vorbild von RTL kopiert.

Die Moderatoren

Am augenfälligsten wird die Kopie des Originals bei dem Moderatoren-Duo. RTL hat bei “Ich bin ein Star – holt mich hier raus!” mit Dirk Bach und Sonja Zietlow einen echten Glücksgriff getan. Die beiden funktionieren in der Show so perfekt wie in noch keinem Format zuvor. Beide sind intelligent genug, um die treffsicheren Vorlagen der Gag-Schreiber pointensicher zu servieren und eigenen Senf dazuzugeben. Zietlow/Bach schaffen es, durch Wiederholung echte Running Gags von Format zu schaffen, wie beispielsweise den Gina-Lisa-Ausspruch “Zack die Bohne” in "Zack the Bean" umzutexten oder das dauernde Herumreiten auf dem angeblichen Vegetarismus von Nerv-Kandidatin Sarah Knappik.

“Die Alm”-Moderatoren Janine Kunze und Daniel Aminati versuchen das Vorbild bis hin zu Gesten und Betonungen zu imitieren. Es wird gefrotzelt, es werden die Augen verdreht, kurz bevor die Einstellung endet, wird noch so getan als unterhalte man sich weiter über das Format usw. Und ständig versichern sich Kunze und Aminati, wie “böse” und “gemein” sie mit ihren Formulierungen jetzt wieder sind. Beispiel aus der jüngsten Folge. Aminati: “Wenn Checker und der Öhi keifen, wird die Alm zum Gazastreifen.” Kunze: “Det is böse, Aminati”.

Chancen für eine wirklich giftige Moderation werden dagegen übersehen: Zum Beispiel als "der Checker" mitten während Gina-Lisas Porno-Beichte die dicke Kelly beiläufig nach der Uhrzeit fragt.

Vielleicht wäre das alles ein bisschen weniger abgeschmackt, wenn man das Original nicht kennen würde. Andererseits …

Die Kandidaten

Bei der Kandidaten-Auswahl wurde schon viel darüber geschrieben, dass "Die Alm" so eine Art Reste-Rampe für ausrangiertes “Topmodel”-Personal ist. Das stimmt zwar, ist aber natürlich auch ein bisschen unfair. Immerhin war eine der jüngsten Dschungel-Protagonistinnen, Sarah Knappik, auch ausrangiertes “Topmodel”-Personal. Und Tessa Bergmeier, Gina-Lisa Lohfink und Ex-Juror “Rolfe” sind eher noch die schillernderen Alm-Bewohner. Und außerdem ist es für den Sender garantiert teuflisch schwer gewesen, für ein solches Trash-Format, das noch dazu mitten im Sommerloch gesendet wird, Leute zu finden.
Unter diesen Bedingungen ist die “Alm”-Besatzung sogar noch halbwegs originell geworden. Auch wenn man hier erneut bis aufs i-Tüpfelchen dem Dschungel-Vorbild nacheifert. Werner Lorant ist quasi der Jimmy Hartwig von der Alm, Tessa Bergmeier ist die Sarah von der Alm, Rolfe ist Fronk von der Alm und so weiter. Nur Carsten Spengemann ist Carsten Spengemann – der war ja auch schon mal im Dschungel mit von der Partie.
Was der Alm allerdings fehlt, sind ein oder zwei echte Charakterköpfe, die ein wenig Brisanz in die Sache bringen. Es fehlt schlicht das unerwartete Personal. Bei der Dschungel-Show waren das in der jüngsten Staffel Rainer Langhans und Mathieu Carrière. Und vorher Ingrid van Bergen mit ihrer legendären Killer-Beichte am Lagerfeuer. Gina-Lisa kann dieses Niveau mit ihrer lauen Porno-Beichte nicht ansatzweise erreichen. Solche Leute wie der Langhans oder die van Bergen kann die “Alm” nicht bieten. Hier bleibt das TV-Prekariat unter sich und darum fehlen Reibungsflächen, an denen sich interessante Personen-Konstellationen und Geschichten entzünden könnten.

Die Prüfungen

Die Prüfungen sind weniger wichtig, als man denkt. Beim Dschungel dienen die Prüfungen zwar immer noch als Katalysator für persönliche Konflikte – den echten Gesprächsstoff liefern im Dschungel aber die zwischenmenschlichen Dramen: Wie echt ist das aufdringliche Geturtel zwischen Jay und Indira? Was ist mit Peer los? Wann dreht Langhans der Knappik den Hals um? Wenn dazwischen Katy Karrenbauer herzhaft auf einem Kroko-Penis herumkaut – auch recht, aber nicht kriegsentscheidend. Beim Dschungel fügen sich die Ekel-Prüfungen aber dramaturgisch nahtlos in das gesamte Extrem-Setting vom Psycho-Camp. Bei der Alm sind auch die Prüfungen vom Dschungel geklaut, wirken mit der ganzen Ekel-Ästhetik aber seltsam deplatziert.

Fazit

Eigentlich ist “Die Alm” mit ihrer Kopiersucht ein armseliges Format. Die Macher wollen nichts falsch machen und kleben in jedem Detail am Vorbild. Aber genau das ist der falsche Weg.
Was die “Alm” bräuchte, wären originelle Herausforderungen für die Kandidaten, eine eigenständigere Moderation und eine Kandidaten-Konstellation mit mehr Konflikt-Potenzial. Die ganze Dramaturgie der Sendung müsste tatsächlich auf die Alm- und Gebirge-Situation zugeschnitten sein. Das könnte dann durchaus interessant sein. Die beste Figur in dem ganzen Elend ist immerhin der Alm-Öhi, der die “Promis” durch die Gegend scheucht.
Die Konfrontation der Trash-TV-Bande mit dem harten Naturleben in den Bergen würde vermutlich schon von alleine für Konflikte, Spannung und Dramatik sorgen. Da müsste man nicht Gina-Lisas knappes, nasses Höschen nach dem Duschen fünfmal in Großaufnahme und Zeitlupe zeigen (“Big Brother” lässt schön grüßen). “Die Alm” scheitert, weil sie sich nicht traut, “Die Alm” zu sein. “Die Alm” wäre gerne der Dschungel. Aber so funktioniert das nicht.

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